Dienstag, 4. März 2014

Warum befragt Tokusan nicht die Verkäuferin der Reiskuchen?


Die Worte „Der Geist kann nicht erfasst werden“ hat jeweils eine grundsätzlich andere Bedeutung, wenn sie von einem Theoretiker oder von einem wahren Meister ausgesprochen werden. Man dürfe beide nach Dōgen nicht auf die gleiche Stufe stellen. Theoretiker kennen nicht die Kraft und Energie des wahren Weges, der sich durch das Lernen in der Praxis öffnet und im Gespräch mit „einfachen“ Menschen bewährt.

Dōgen grenzt diese Aussage über den Geist aber auch von der Ansicht der Naturalisten ab, die behaupten, alles in der Welt sei von Natur aus gegeben, und es bedürfe keiner Anstrengung, um das Erwachen zu erlangen.

Der Gelehrte Tokuzan hatte bei seiner Begegnung mit der alten Verkäuferin der Reiskuchen noch nicht an sich selbst den wahren Buddha-Dharma erfahren und konnte daher die Worte über den Geist im Diamant-Sūtra nicht in ihrem vollen Umfang erfassen und „verstehen“. Dōgen meint, Tokuzan habe noch nicht verstanden,
dass es für das buddhistische Training immer notwendig ist, einem wahren Menschen zu begegnen“.

Erst als er später seinen wahren Meister getroffen hatte und sich in dessen Kloster niederließ, um gründlich in der Praxis zu lernen, fand er Zugang zum wahren Dharma und Zen-Geist.

Anschließend zitiert Dōgen einen anderen berühmten Satz, der aussagt, dass der Gelehrte Tokuzan erst später begriffen habe, dass der „in einem Bild gemalte Reiskuchen den Hunger nicht stillen kann“. Die Überlieferung berichtet nämlich, dass er ein wirklicher und wahrer Mensch wurde, nachdem er das Erwachen verwirklicht hatte. So sei er ein Gründungsmeister der Übertragungslinien von Unmon und Hogen sowie ein großer Lehrer in der Welt der Menschen und im Himmel über uns geworden.

Dass Tokuzan damals bei der Begegnung mit der alten Frau im Sinne des Buddha-Dharma noch nicht erleuchtet war, ist sicher unbestritten. Aber Dōgen fragt in seiner typischen Art weiter, wie es eigentlich um die Verkäuferin der Reiskuchen selbst steht und ob es eindeutig sei, dass sie die große Wahrheit über den Geist wirklich erlangt habe, wie von vielen Generationen von Schülern behauptet wurde.

Seiner Vermutung nach glaubte die Frau, dass der Geist überhaupt nicht existieren könne, dass es ihn also nicht gibt. Wenn Tokuzan selbst ihre Frage nicht beantworten konnte, hätte er zumindest die Gegenfrage stellen müssen, um herauszufinden, ob die alte Frau ein umfassendes buddhistisches „Verständnis“ der berühmten Worte „Der Geist kann nicht erfasst werden“ besaß.

So bleibe es völlig unklar, was sie ihrerseits erlangt hatte. Dōgen untermauert seine Zweifel an ihrem Verständnis und erklärt, dass sie zum Beispiel zu Tokuzan hätte sagen können:
„Jetzt ist der Meister nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Wir sollten die Unterhaltung aber fortsetzen: Stelle mir, der alten Frau, eine Frage. Diese alte Frau wird stattdessen für den Meister etwas (zum Geist) sagen.“

Eine solche Form des Dialogs war im alten China durchaus üblich und wurde zwischen Meister und Schülern oder zwischen den Meistern untereinander häufiger praktiziert. Einer äußerte seine Interpretation und fragte danach den anderen, wie er die Frage verstehen und ausdrücken würde.

Bei einigen Dialogen der berühmten Meister des Zen-Buddhismus wird laut Dōgen sogar deutlich, dass beide Antworten den Kern des Buddha-Dharma treffen, auch wenn sie entsprechend der Individualität der Meister scheinbar unterschiedlich sind. Er warnt in einem solchen Fall davor, dass wir die Antworten billig gegeneinander aufrechnen und überheblich bewerten, wer der bessere Meister sei.

Im Fall der alten Frau käme es darauf an, ob sie selbst die Fähigkeit besaß, eine sinnvolle Erklärung und eine treffende Antwort auf die Frage zu geben, was es mit dem Geist, der nicht zu fassen ist, wirklich auf sich habe. So wären die großen Meister zweifellos vorgegangen, und es wäre ihnen gelungen, „Tokuzan, die alte Frau, das Unfassbare, das Fassbare, die Reiskuchen und den Geist zu ergreifen und auch wieder loszulassen.“


Damit soll ausgedrückt werden, dass man nicht an den Worten und Vorstellungen haften darf, sondern sie gewissermaßen spielerisch ergreift, analysiert, vertieft und sich in diesem Sinne auf sie konzentriert, aber auch wieder loslässt. Man soll die Sprach- und Vorstellungsebene also mit einer gewissen Leichtigkeit und Flexibilität wieder verlassen. Durch derartige Sprachprozesse sei es dann möglich, zur Wirklichkeit vorzustoßen, anstatt an festgelegten oder gar dogmatisierten Lehren haften zu bleiben.

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