Sonntag, 9. März 2014

Geist und wirkliche Wirklichkeit



Dōgen unterstreicht die Einheit der drei Zeiten – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – mit dem Buddha-Geist und arbeitet heraus, dass sie nicht getrennt werden können. Er warnt uns davor, eine solche Trennung allzu intensiv und theoretisch zu diskutieren, weil dann der wahre Gehalt der buddhistischen Lehre, gerade beim Thema Geist, sich sofort entfernen würde.

Eine dualistische und intellektuelle Diskussion verliert die Wirklichkeit tatsächlich schnell aus dem Blick, verselbstständigt sich und dreht sich fast unbemerkt um theoretische Spitzfindigkeiten. Das hat dann mit der wirklichen Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun.

In jeder Unterhaltung über den Geist sollen wir klar sagen, dass dieser in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht erfasst werden kann. Er ist viel zu komplex. Außerdem ist ja gar nicht so klar, was mit dem Begriff Geist wirklich gemeint ist

Dōgen untersucht die Wirklichkeit dieses unfassbaren Geistes in außerordentlich tiefgründiger Weise. Er bezieht sich dabei auf den höchsten Zustand der Erleuchtung und des Erwachens, also auf die vierte Lebensphilosophie nach Nishijima Roshi, und führt den Begriff und die Bedeutung des „Buddha-Geistes“ ein. Damit stellt er eine wichtige Verbindung zur Buddha-Natur her, die er gesondert in einem umfangreichen Kapitel behandelt.

Die theoretisch unlösbare Frage nach der Wirklichkeit der Buddha-Natur hatte ihn sein Leben lang begleitet, bis sie durch die umfassende Praxis bei seinem eigenen Lehrer, Tendō Nyojō, vollständig geklärt wurde. Die Buddha-Natur ist das buddhistische, erwachte Handeln, also das wahre Leben selbst, und sie befindet sich stets im Einklang mit Moral und Ethik. Das bewusste Denken gibt es nur in einem sehr kleinen Teil des Gehirns, das Gehirn kann viel mehr.

Dann kommt Dōgen wieder auf den Geist zu sprechen:
„Es geht zunächst nicht darum zu sagen, ob es den Geist gibt, den wir für jetzt unfassbar nennen. Wir sagen gegenwärtig genau: ‚Er kann nicht erfasst werden‘.“

Damit bringt er zum Ausdruck, dass wir uns nicht voreilig mit einer einfachen Antwort auf die Frage nach der wahren Natur des Geistes zufriedengeben sollen, sondern dass wir unsere Untersuchung schrittweise vertiefen müssen.

Wir sagen (an dieser Stelle) nicht, dass es unmöglich ist, den Geist zu erfassen, wir sagen lediglich: ‚Er kann nicht erfasst werden‘.“

Dabei bleibt zunächst offen, ob es ihn gibt oder nicht. Wir sollten laut Dōgen aber auch nicht sagen, dass es möglich sei, den Geist zu erfassen, sondern dass es um den zentralen Satz dieses Kapitels – „Er kann nicht erfasst werden“ – geht. Dōgen will uns offensichtlich warnen, diese wichtige aber schwierige Frage des Geistes mit einer platten Antwort wegzuwischen.

Die Ebene der Umgangs-Sprache der Begriffe „möglich“ oder „unmöglich“ ist nicht geeignet, um der Wirklichkeit des Geistes näherzukommen. Es geht auch nicht um eine besondere Fähigkeit eines Menschen, ob erwacht oder nicht, sondern um eine grundsätzliche Tatsache. Kann ein erwachter Geist allwissend sein, wie manchmal zu hören ist? Ich habe da meine Zweifel: das Erwachen wird dabei vor dem Erwachen ins Übernatürliche verschoben: schöne Illusion, die platzen muss.

Außerdem würde eine solche Aussage dazu verleiten, dass wir uns den Geist wie ein Ding vorstellen und die Frage nur darin besteht, ob es möglich ist, dieses „Ding“ zu ergreifen oder nicht. Für die Wirklichkeit des Buddha-Geistes ist diese Frage aber in der Tat unsinnig, ob es möglich oder unmöglich ist, diesen zu ergreifen oder zu erfassen. Eine konkretistische Vorstellung vom Buddha-Geist als etwas Dinghaftes ist absurd, denn er kann nicht von der Wirklichkeit des Menschen in seinem Handeln und des Kosmos getrennt werden. Dagegen ist die Formulierung


Der Geist kann nicht erfasst werden“ unabhängig von dualistischen Erklärungsversuchen und kann die Wirklichkeit eines so in der Praxis erfahrenen Geistes sehr viel besser bezeichnen.

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