Sonntag, 7. Dezember 2014

Die dreifache Welt der Ideen, der Formen und des Handelns ist der umfassende Geist (Sangai yuishin)


 Das japanische Wort san entspricht im Deutschen „drei“ oder „dreifach“, und gai heißt „Welt“. Sangai bedeutet daher „drei Welten“ oder „dreifache Welt“. In der alten, traditionellen buddhistischen Theorie, die schon in Indien entwickelt wurde, gibt es drei Bereiche der insgesamt jedoch einheitlichen Welt:

1) Denken und Ideen,
2) Fühlen, sinnliche Wahrnehmung und Materielles,
3) Handeln (Nicht-Materie).

Der Wille zählt dabei zur Ideenwelt, und in der Tat besteht hier eine ganz enge Verbindung. Der Bereich des Handelns wird auch als Nicht-Materie bezeichnet.

Dōgen versteht den Begriff der dreifachen Welt oft als die wirkliche Welt des Hier und Jetzt, also als die ganze Welt, so wie sie ist. Diese enthält dann das Denken, das Fühlen, die Materie und nicht zuletzt das Handeln, und die Welt wird immer als real und einheitlich erfahren. Die Gliederung in die drei oben genannten Bereiche hat im Grunde genommen lediglich erklärenden und pädagogischen Charakter und ist keine Unterteilung und Trennung der Wirklichkeit selbst, wie es im gewöhnlichen Verständnis durch das subjektive Denken suggeriert wird.

Das japanische Wort yui bedeutet „nur“ oder „allein“, und shin heißt „Geist“. Daraus ergibt sich als Übersetzung des Titels „Die dreifache Welt ist der umfassende Geist“ oder auch: „Die dreifache Welt ist der Geist allein“. Die Formulierung „Die dreifache Welt ist nur der Geist“, die ebenfalls gebräuchlich ist, kann zu schwerwiegenden Irrtümern führen. In idealistisch dominierten buddhistischen Gruppen wird daraus nämlich gefolgert, dass es überhaupt keine wirkliche Welt gibt, also keine Materie und kein Handeln, sondern dass es nur den Geist als Ideen gibt. Alles sei allein im Denken und im menschlichen Geist real vorhanden, und dieser abgegrenzte und auf das Gehirn beschränkte Geist sei die einzige Realität. Daher sei die Materie unwirklich, nur ein Schatten und etwas Nicht-Existentes.

Ein solches Verständnis bezeichnet Dōgen als schweren Fehler. Schon unter logischen Gesichtspunkten ist es absurd anzunehmen, dass es keine materielle Wirklichkeit gibt. Nach Dōgens tiefer Erkenntnis ist die wirkliche Welt überhaupt nicht vom Geist getrennt und bildet eine unauflösbare Einheit mit ihm. Dabei sind insbesondere die subjektiven Bereiche des Denkens sowie die objektiven Bereiche des Wahrgenommenen eine Einheit, und die Wirklichkeit ist Handeln im Schnittpunkt von Subjekt und Objekt.

Auch die Materie gehört zum Geist
In diesem Kapitel des Shōbōgenzō wird vor allem die Einheit der materiellen Welt mit dem Geist analysiert. Das ist für das westliche Denken sicher erstaunlich, da wir gerade zwischen dem Denken und dem Materiellen streng unterscheiden und diesem Gegensatz kaum entkommen können. Vier Kapitel im Shōbōgenzō haben speziell den Materialismus beziehungsweise die materialistische Lebensphilosophie, wie Nishijima Roshi diese Weltsicht bezeichnet, zum Inhalt. Dazu gehören außer diesem Kapitel auch drei weitere.[i]

Dōgen macht in ihnen deutlich, dass er alle buddhistischen Ideologien ablehnt, die behaupten, dass es keine Wirklichkeit und insbesondere keine materielle Wirklichkeit gebe. Allerdings handelt es sich bei Dōgen nicht um den Materialismus im westlichen Sinne, der nur die Materie als alleinige Wirklichkeit anerkennt. Dieses Kapitel ist also eine radikale Kritik an idealistischen Interpretationen des Buddhismus, die sich häufig auf den Begriff der Leerheit (shunyata) stützen und sagen, dass alle Materie leer sei.

Ein solches Verständnis der Leerheit ist nach Nishijima und Warner auch für den Mittleren Weg bei Meister Nāgārjuna ein tiefgreifender Irrtum. Hierbei wird die idealistische Lebensphilosophie mit dem höchsten Zustand der Wirklichkeit verwechselt, für den dieser Begriff der Leerheit ursprünglich geprägt wurde.




[i] ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 42 ff., Kap. 63: „Die Buddha-Augen (Ganzei)“; Bd. 3, S. 59 ff., Kap. 65: „Die Drachen singen in den kahlen Bäumen (Ryūgin) und Bd. 3, S. 162 ff., Kap. 77: „Die Wirklichkeit des Raumes (Kokū)

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