Sonntag, 8. Februar 2015

Ein Kōan-Gespräch über den klaren Geist


Dōgen zitiert ein wichtiges und verblüffendes Kōan-Gespräch zwischen Meister Gensa[i] und seinem Schüler, dem jüngeren Meister Keichin[ii]. Meister Gensa hat in besonders klarer Weise zwischen Fantasien und Spekulationen einerseits und der Wirklichkeit andererseits unterschieden, dies wird in mehreren berühmten Kōan-Geschichten berichtet: Er lehnte romantisierende und spekulative buddhistische Theorien unmissverständlich ab, eine wahrer Zen-Meister auf der Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit.

Das folgende Kōan erscheint zunächst fast banal und kaum verständlich, zumindest aber sehr eigenartig. Ich werde es nach meinem Verständnis interpretieren.

Meister Gensa fragte: „Wie verstehst du, dass die dreifache Welt der Geist allein ist?

Meister Keichin antwortete nicht direkt auf diese Frage und zeigte auf einen Stuhl, indem er seinerseits fragte: „Wie bezeichnest du dies, Meister?“

Gensa antwortete: „Als einen Stuhl.

Keichin erwiderte darauf fast unhöflich: „Der Meister versteht nicht, dass die dreifache Welt der Geist allein ist.“

Gensa ließ sich jedoch nicht beirren und setzte das Gespräch fort:
Ich bezeichne dies als Bambus und Holz, wie bezeichnest du es?“

Keichin antwortete: „Auch ich bezeichne dies als Bambus und als Holz.“

Dem fügte Gensa hinzu:

„Wenn wir die ganze Erde nach einem Menschen absuchen, der den Buddha-Dharma (mit seinem unterscheidenden Denken) versteht, ist es unmöglich, einen zu finden.“

Worum geht es eigentlich bei dieser Kōan-Geschichte? Die Dinge und die materiellen Gegebenheiten werden in diesem Fall durch die Begriffe „Bambus“ und „Holz“ gekennzeichnet, sie sind konkreter als der Begriff „Stuhl“. Die Bezeichnung „Stuhl“ beinhaltet schon eine Abstraktion und Verallgemeinerung, denn sie verweist vor allem auf die Funktion des Sitzens und meint nicht allein das Holz und den Bambus als Baumaterial. Durch die Zweckbestimmung, die im Begriff eines Stuhles enthalten ist, wird also der Bereich der Zwecke, der Gedanken und Funktionen in den Vordergrund gestellt. Wir befinden uns dann nicht mehr im Bereich der konkreten Dinge und der Materie.

Eine solche Unterscheidung ist typisch für die Kōan-Geschichten mit Meister Gensa. Indem Dōgen sie aufgreift, möchte er wieder auf das Konkrete und das Materielle abheben und erläutert uns, dass auch diese Dimension eine der drei Welten und damit identisch mit dem Geist im buddhistischen Sinne ist.

Dass der alte Meister Gensa zunächst den Stuhl erwähnt, kann man laut Nishijima Roshi in diesem Kōan-Gespräch als eine Art Test für seinen Schüler ansehen. Der jüngere Meister Keichin antwortet auch in richtiger Weise, dass Gensa dann nicht verstehen würde, dass die drei Welten nichts anderes als Geist seien. Er verfängt sich nicht in der aufgestellten Falle. Beide Meister sind sich einig, dass der direkte Bezug zum Bambus und Holz genau richtig ist, wenn man die Welt der Formen und der Materie ansprechen will.

Die Dinge und die Materie, hier also Bambus und Holz, sind nach der buddhistischen Lehre auch der Geist.



[i] Meister Gensa Shibi lebte von 835 bis 907.
[ii] Meister Rakan Keichin lebte von 867 bis 928.

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