Dienstag, 10. Februar 2015

Wer versteht den Buddha-Dharma?


Was bedeutet der Satz von Meister Gensa, dass man auf der ganzen Erde keinen Menschen finden würde, der den Buddha-Dharma „versteht“?

Der Begriff „verstehen“ bezieht sich dabei auf den unterscheidenden Verstand, mit dem man tatsächlich die Lehre des Buddhismus nicht vollständig erfassen kann. Im Sinne der vier Lebensphilosophien von Nishijima Roshi ist „das Instrument“ des Denkens und Unterscheidens von Subjekt und Objekt für die ersten beiden Ebenen des Idealismus und Materialismus geeignet und oft sogar notwendig. Beim Handeln im Augenblick ist intellektuelles Denken jedoch wenig nützlich und oft sogar schädlich. Das Denken ist auch zu langsam, um in der Kürze des Augenblicks überhaupt zu funktionieren.

Dōgen betont immer wieder, dass man damit nicht einmal die materielle Welt und die Formen wirklich verstehen kann, denn dazu ist die Intuition für den umfassenden Geist der Buddha-Lehre erforderlich, und sie muss mit der Praxis und dem Handeln verbunden werden. Dieser letzte Satz Gensas gehört damit zur vierten, umfassenden Lebensphilosophie, die wir Erwachen, Erleuchtung, Gleichgewicht oder Leerheit nennen.

Dōgen verdeutlicht, dass es also nicht um ein intellektuelles Verstehen oder Nicht-Verstehen geht, wenn sich die beiden Meister über den dreifachen Welt-Geist unterhalten. Auf der unterscheidenden Ebene des Denkens kann man die Aussage „die dreifache Welt ist der Geist allein“ überhaupt nicht erfassen. Um aus dieser falschen Sichtweise herauszufinden, zeigt Meister Keichin auf den Stuhl. Das ist ein konkreter Gegenstand, auf dem man sitzt. Er hat für die Menschen zudem eine wichtige Funktion, sodass dabei der Zweck und ein Sinn assoziiert werden.

Die Frage Gensas nach der dreifachen Welt wird nicht verbal beantwortet, sondern Meister Keichin zeigt auf den konkreten Stuhl – dies ist seine Antwort. Aber die von Gensa zunächst angebotene Bezeichnung „Stuhl“ ist für ihn noch zu abstrakt, und daher bittet er Meister Gensa um eine bessere konkrete Bezeichnung. Er sagt seinem eigenen Meister sogar, dass dessen zu abstrakte Antwort zeigen würde, dass er die Lehre „Die dreifache Welt ist der Geist allein“ nicht verstehe.

Gensa widerspricht seinem Schüler nicht, sondern möchte selbst einen Schritt weiter gehen und konkreter werden. Daher verwendet er die Worte „Holz“ und „Bambus“. Dōgen fragt uns:

„Sind dies Worte, welche die dreifache Welt nicht verstehen?“ Und weiter: „Werden (die Worte) durch den Stuhl ausgedrückt? Werden sie durch den großen Meister ausgedrückt?“

Wir sollen diese Fragen ganz gründlich untersuchen und darauf eigene Antworten finden. Dies ist eine typische Wendung von Dōgens eigenem Meister Tendō Nyojō, der immer wieder darauf abhebt, dass eigene Überlegungen, eigenes intuitives Verstehen und die eigene gründliche Analyse von zentraler Bedeutung sind. Durch solche Fragen werden wir unmittelbar konfrontiert mit den Kernpunkten der buddhistischen Lehre und sollen dabei nicht auf gelerntes Wissen zurückgreifen.

Wenn wir die vier Lebensphilosophien nach Nishijima Roshi hier anwenden, könnte man zusammengefasst Folgendes feststellen: Die überlieferte Aussage über die dreifache Welt und den Geist gehört zur Lebensphilosophie des Denkens und der buddhistischen Lehre. Der materielle Stuhl gehört zur zweiten Lebensphilosophie des Materialismus. Reden und Dialog sind, wenn sie mit der buddhistischen Wahrheit eine Einheit bilden, die Lebensphilosophie des Handelns und damit für den Buddhismus von großer Bedeutung.

Wenn wir diese drei Ebenen überschreiten, nennt das Nishijima Roshi die vierte Lebensphilosophie der umfassenden Wirklichkeit, die häufig auch als Erwachen oder Erleuchtung bezeichnet wird. Bei genauerer Analyse des obigen Dialogs kommen wir daher zu dem Schluss, dass diese verschiedenen Ebenen oder Lebensphilosophien nacheinander wirksam werden und dass die beiden Meister sich jeweils darüber verständigen und vollständig übereinstimmen.

Dōgen betont, dass wir durch die Bearbeitung dieses Kōan-Gesprächs Wesentliches über uns selbst lernen und klarer werden.


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