Freitag, 27. Februar 2015

Was ist Meister Joshu?




Dōgen bezieht sich auf ein Kōan-Gespräch mit dem großen Meister Jōshū, der den gleichen Namen wie eine Stadt hatte: er wurde von einem Mönch gefragt: „Was ist Jōshū?[i]

Meister Jōshū antwortete jedoch in dem Sinne, als ob die Frage auf die gleichnamige Stadt zielen würde und sagte, dass diese verschiedene konkrete Tore habe. Damit beantwortet er die doch etwas eigenartige Frage des Mönchs über seine eigene Persönlichkeit gerade nicht, sondern kommt auf ganz konkrete Bereiche der Wirklichkeit zu sprechen, nämlich die Stadt Jōshū mit ihren Toren.

Denn welchen Sinn hätte auch eine Antwort darauf, was seine eigene Persönlichkeit ist? Sie könnte nicht konkret sein und würde den gedanklichen Fantasien des Mönchs nur unnötig Nahrung geben. Analog können wir die Aussage von Meister Keichin so verstehen, dass er Meister Gensa dazu bringen möchte, noch konkreter und direkter zu werden.
Das ist echter Zen: hier und jetzt!

Zu der Aussage Gensas

„Ich bezeichne dies als Bambus und Holz“

sagt Dōgen:

Ihr solltet dieses beispiellose und nicht wiederholbare Stück einer Aussage meistern, bevor es gesagt wurde und nachdem es zu Worten wurde.“

Die Bezeichnungen „Bambus“ und „Holz“ sind in der Tat konkreter als der Begriff „Stuhl“, weil sie nicht die Funktionen für den Menschen beinhalten, sondern nur das Material selbst benennen und von dem Vorgang des Bezeichnens und Benennens ziemlich unabhängig sind. Daher fragt Dōgen:

Vor der Benennung, die jetzt stattgefunden hat: Wie wurde (der Bambus und das Holz) benannt?“

Er nennt diesen vorherigen Zustand „brillant in allen Aspekten“, schätzt ihn also höher als die Wortebene, die im Dialog verwendet wird. Dieses sei der Zustand, der mit der Formulierung Die dreifache Welt ist der Geist allein“ gemeint ist. Wir sollten bei diesem intuitiven, umfassenden Verständnis hiervon die Bezeichnungen beiseite lassen und uns davon unabhängig machen.

Dōgen äußert seine große Wertschätzung für Meister Gensa an mehreren Stellen des Shōbōgenzō und hebt dabei vor allem die nüchterne Klarheit dieses alten Meisters hervor, der jeder Spekulation abgeneigt war und immer wieder auf den Unterschied von Vorstellungen und Worten einerseits und der Wirklichkeit andererseits hinwies. Dōgen stellt Meister Gensa die fiktive Frage:

„Was ist es, das du ‚die ganze Welt‘ nennst?“

Er gibt dazu aber keine Antwort und bittet stattdessen uns (!), dass wir uns selbst genau mit der Frage und den möglichen Antworten beschäftigen. Wir sollen also keineswegs gläubig und unreflektiert den alten Lehren der großen Meister folgen, nicht einmal denen von Dōgen, sondern sie im Gegenteil durch vielfältige, tief gehende eigene Fragen untersuchen.

So müssen wir auch den Inhalt dieses Kapitels des Shōbōgenzō in der Praxis erfahren und erforschen. Diese ist unauflösbar mit dem Handeln im Hier und Jetzt verbunden, und ohne Moral kann es keine wahre buddhistische Lehre und kein Leben und Lernen auf dem Buddha-Weg geben. Es reicht wirklich nicht, buddhistische Lehren zu intellektualisieren.




[i] Shinji Shōbōgenzō, Band 1, Nr. 46

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