Dienstag, 28. August 2007

Was ist das große Erwachen oder die Erleuchtung ? (Daigo )


Der Begriff der Erleuchtung oder des Erwachens hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung und meint, dass wir zur Wirklichkeit und Wahrheit gelangen und damit zu einem glücklichen und zufriedenen Leben kommen. Aber der Begriff der Erleuchtung wird vielfach missverstanden und wurde auch immer wieder missbraucht, so dass eine Klärung außerordentlich wichtig ist. Dôgen behandelt im Shôbôgenzô tiefschürfend die Verwirklichung des Menschen in diesem Kapitel "Das große Erwachen" (Kap. 26, Daigo). Dies wird im Allgemeinen als Erleuchtung bezeichnet.
Dogen spricht hier aus seiner eigenen tiefen und ehrlichen Erfahrung und seiner eigenen Sicht. Er macht klar, dass man bei diesem Thema
mit Denken und Theorie allein nicht zum Kern vorstoßen kann,
dass also die Ebene und Lebensphilosophie des Verstandes nur sehr begrenzt dafür geeignet ist. Aber auch eine Lebensphilosophie des Materialismus, also der Wahrnehmung bzw. des Genusses allein ist völlig ungeeignet,

vor allem wenn man glaubt, dass das Glück ohne eigene Anstrengung und von selbst zu uns kommt. Ich möchte hier auch an die Erklärungen zur ersten und zweiten Erleuchtung im Buddhismus von dem großen lebenden Meister Nishijima Roshi erinnern, die auch im Internet zugreifbar sind. Darin wird auch ausgeführt, dass die sogenannte plötzliche und die allmähliche Erleuchtung, die im Zen-Buddhismus bisweilen widerstreitend diskutiert wird, überhaupt nicht im Widerspruch zu einander stehen, sondern nur unterschiedliche zeitliche Sichtweisen kennzeichnen. Für Meister Dôgen steht auch bei der Frage der Erleuchtung vor allem das Handeln je im gegenwärtigen Augenblick im Mittelpunkt. Wie wir wissen, ist es ihm zunächst mit der Theorie des damaligen Buddhismus in Japan nicht gelungen, etwas Ähnliches wie die Erleuchtung selbst zu erfahren. Wir können dabei annehmen, dass er von großer Ehrlichkeit gegenüber sich selbst war und dass ihn dies sicher von manchen so genannten Meistern der damaligen Zeit unterschied. Bekanntlich reiste er dann selbst nach China, wo er durch die Zazen-Praxis das erlebte, was wir mit dem Begriff "Erleuchtung" bezeichnen. Dies ist im Lehrsystem von Nishijima Roshi die umfassende buddhistische Lebensphilosophie der Einheit von Lehre und Praxis, der intuitiven Weisheit und Klarheit im Augenblick und vor allem die Einheit mit Moral und Ethik. Das richtige Handeln erläutert Dôgen in einem gesonderten Kapitel:

"Erzeugt kein Unrecht, sondern tut die vielfältigen Arten des Rechten."

Dôgen fragt aber in diesem Zusammenhang danach, was passiert, wenn man aus dem Zustand des Erwachens wieder heraus fällt und erneut in Täuschungen und Illusionen verfangen ist.
Das große Erwachen ist der Alltag und das tägliche Handeln der Buddhas und Vorfahren im Dharma. Es wird nicht durch eine Theorie des Erwachens erreicht und dass man tiefsinnig darüber nachdenkt, und auch nicht dadurch, dass man es anderen vorspielt. Es ist wichtig, das Erwachen als Vorstellung und Begriff zu vergessen, es loszulassen und klar zu handeln. Genauso wie das aktive Handeln kann es auch sinnvoll sein, etwas geschehen zu lassen und zum Wohle des Ganzen gerade nicht einzugreifen. Dieses Höchste der Buddhas und Vorfahren im Dharma ist unauflösbar mit der Zazen-Praxis und dem Leben im Alltag verbunden, und diese sprengen sogar den Rahmen der Vorstellung des großen Erwachens und gehen weit darüber hinaus.
Bei den Menschen gibt es große Unterschiede, aber alle verwirklichen das Erwachen durch verdienstvolles Tun je auf ihre eigene Weise und mit ihren eigenen Fähigkeiten. Dieses kann auf natürliches Wissen gegründet sein, wird durch Anstrengung entwickelt, verbindet sich mit der körperlichen Verwirklichung und befreit sich so aus der Sackgasse von Zwängen des Lebens. Andere beschreiten den Weg des Buddha-Dharma eher durch Studium, das aber mit Praxis verbunden wird. Manche haben bereits das tiefe Wissen der Buddhas, das weder angeboren noch erlernt ist und das die Trennung des Ich von den anderen oder von Subjekt und Objekt schon überwunden hat. Es gibt auch Menschen, die eine wunderbare und klare Ausstrahlung haben, ohne dass sie einen Lehrer hatten oder die buddhistischen Schriften studiert haben.
Es ist dabei unsinnig nach klugen und törichten Menschen zu unterscheiden, denn es geht vor allem um das Handeln und nicht um Theorie, Wissen und Bewertung. Daher ist es eventuell auch missverständlich zu sagen, dass ein Mensch dauerhaft erwacht ist oder nicht, weil dies bedeuten würde, dass er sozusagen die unveränderliche Eigenschaft des Erwachens besitzt oder nicht. Im Buddhismus sehen wir die erlangte Wahrheit jedoch nicht wie eine dauernde Eigenschaft eines Menschen, sondern sein wahres Handeln steht im Vordergrund. So ist auch die zunächst eigenartig anmutende Aussage des alten Meisters Rinzai zu verstehen, dass man nicht denken soll, es sei in ganz China schwierig einen Menschen zu finden, der nicht erwacht ist. Er will damit sagen, dass man nicht in theoretisches abstraktes Denken abschweifen sollte. Es wird berichtet, dass abstraktes Denken auch bei ihm selbst zunächst ein großes Hindernis war, zum Wirklichen und Konkreten vorzustoßen. Bekanntlich hat dieser Meister die Koan-Geschichten mit oft paradoxen Fragestellungen entwickelt, um über den denkenden und unterscheidenden Verstand hinaus zu kommen und zum Wesentlichen zu gelangen.
Dôgen zitiert dann einen alten Meister, der die Frage eines Mönches beantwortet, was denn passiert, wenn jemand, der das große Erwachen erfahren hatte, wieder in die Täuschung zurück fällt. Der Meister sagte dazu:

"Ein zerbrochener Spiegel reflektiert nicht mehr, heruntergefallene Blüten können nicht mehr auf den Baum zurückkehren."

Auch in diesem Zitat wird zunächst betont, dass man Erwachen oder Erleuchtung nicht als dauernde Eigenschaft ansehen kann, die man sich erwerben könne und dann sein ganzes Leben lang behält. Vielmehr kann sich dies von einem Augenblick zum anderen ändern und alles wird durch das jeweilige Handeln bestimmt. Wenn der Spiegel einmal zerbrochen ist, macht es auch wenig Sinn, lange darüber nachzudenken, wie schön er im früheren Zustand gewesen ist, als er noch heil war. Denn jetzt in der Gegenwart ist er in zerbrochenem Zustand, alles andere sind nur Erinnerungen und Bewertungen, die im Denken und im Bewusstsein auftauchen, aber denen keine Qualität der Wirklichkeit mehr zukommt. Wenn die Blüten von einem Baum, wie zum Beispiel einem Kirschbaum, heruntergefallen sind, bringt es auch nicht viel, sich traurig oder romantisch vorzustellen, dass sie wieder oben auf den Ästen sitzen, und es ist noch unsinniger, sie dort wieder anheften zu wollen. Die Tatsachen und die Wirklichkeit bestehen je im Hier und Jetzt und haben so ihren eigenen Platz in der Welt und im Universum und zwar genau so, wie sie gegenwärtig da sind; nicht mehr und nicht weniger.
Es macht auch wenig Sinn zu behaupten, im großen Erwachen gäbe es keine Augenblicke der Illusion und Täuschung. Die Klarheit, Reife und Reinheit beim großen Erwachen kann immer noch weiter entwickelt werden und die buddhistische Übungspraxis sollte immer das ganze Leben lang fortgeführt werden. Gerade Gautama Buddha hat betont, dass jeder Mensch die Erleuchtung erlangen kann, ganz gleich, wie tief er in Illusionen, Unklarheiten und falschem Handeln verstrickt ist. Es wird in diesem Zusammenhang sogar berichtet, dass ein ehemals bösartiger Massenmörder sich nach der direkten Begegnung mit Gautama Buddha entschloss, sein Leben vollständig zu ändern, sich der Sangha anschloss und das große Erwachen verwirklichte.
Dôgen fordert uns dann auf, dass wir uns dabei ganz gründlich mit verschiedenen Fragen und Möglichkeiten des Erwachens beschäftigen, z. B. wenn ein Erwachter wieder in die Täuschung zurückfällt. Es könnte sogar sein, dass ein solcher Mensch dadurch um so klarer erkennen kann, was Täuschung ist und anderen umso besser als Lehrer und Therapeut helfen kann, aus Selbstlügen, Verdrängungen und Illusionen heraus zu kommen. Wie häufig vertauschen wir alle in unserem Alltag den äußeren Anschein und die Wirklichkeit! Man kann sogar sagen, dass wir einen Räuber mit einem Kind verwechseln, und sind dann bei dem wirklichen Raub völlig überrascht. Umgekehrt können wir in einem Kind einen Räuber sehen, obgleich dies wahrscheinlich völlig unsinnig ist, weil das Kind rein ist. Wir sollten daran denken, dass sich grausame Diktatoren gern mit Kindern in den Medien abbilden lassen, um dem naiven Betrachter den Eindruck zu vermitteln, dass sie Kinder lieben und genauso harmlos sind wie diese. Nach buddhistischem Verständnis geht auch ein Kind bei umfassender Sichtweise über das weit hinaus, was wir mit dem Begriff „Kind“ bezeichnen. Wir vergessen dabei, dass auch ein Kind mit unserem eigenen Verstand überhaupt nicht vollständig begriffen werden kann. Wenn wir von einem Kind abwertend reden, so kann dies niemals die Lehre des Buddha-Dharma sein.
Ein großer alter Meister wurde gefragt:

"Stützt sich auch ein Mensch des Jetzt auf das Erwachen oder nicht?"
Dieser antwortete:
Das Erwachen existiert zweifellos, aber wie können wir vermeiden, in das (unterscheidende) zweite Denken zu fallen?"

Wenn man ganz im Hier und Jetzt lebt, also in der wirklichen Sein-Zeit, ist man bereits in der Wirklichkeit und Wahrheit angekommen, man ist also erwacht und erlebt die erste Erleuchtung. Man ist dann nicht durch das Denken auf vergangene Zeiten fixiert und verliert sich nicht in Spekulationen über die Zukunft. Das Handeln im Jetzt ist die buddhistische Wirklichkeit und gibt dem Menschen Befreiung und Glück, so wie es Gautama Buddha gelehrt hat. Der Mensch des Jetzt ist also erwacht und sein ganzes Leben, Handeln, Denken, Wahrnehmen und Empfinden ist von diesem Erwachen durchdrungen und baut darauf auf. Die erste Frage der obigen Zen-Geschichte kann also nur mit einem Ja beantwortet werden. Der alte Meister bestätigt dies auch, indem er sagt, dass das Erwachen zweifellos existiert und dass dies für den Menschen des Jetzt auch gilt. Er sieht aber die Gefahr, dass man in das unterscheidende und bewertende Denken zurück fällt und sich damit das Bewusstsein in ein Subjekt und ein Objekt spalten könnte. Oder dass eine Trennung in das Ich und die anderen und in das Ich und das Universum auftaucht. Dies ist im Leben der Menschen so häufig die Ursache für Leiden, Missverständnisse, Empfindlichkeiten, Verletzungen und Aggressionen. Allzu schnell betrachtet man den anderen dann als Feind und unterstellt ihm böse Absichten, die wiederum in der Rückkopplung bei dem anderen negative Reaktionen hervorrufen. Dann bauen sich gegenseitige Aggressionen und Vorwürfe auf und dies steuert bösartiges wechselseitiges Handeln. Das gespaltene Denken, wie es hier ausgedrückt wird, kann also bewirken, dass wir aus dem Erwachen herausfallen, es sei denn, wir erkennen dies in aller Klarheit. Dann können wir uns durch wahres buddhistisches Handeln befreien. Wir entlasten so unseren Geist von den Hemmnissen zur Erleuchtung, also vor allem von der Gier nach sinnlichen Genüssen zu Lasten anderer, vom Übelwollen anderen Menschen gegenüber, von dauernder Zweifelsucht, aufgeregter Hektik, unruhigem Leben usw. Wenn dies nicht gelingt, ist uns wirklich die intuitive buddhistische Weisheit verloren gegangen und wir können nicht mehr unmittelbar moralisch handeln.
Ob wir uns im Handeln und Denken auf das Erwachen stützen, sollen wir nach Dôgen gründlich im Herzen und im Geist prüfen und uns darüber Klarheit verschaffen. Dies geht natürlich nicht ohne eine gewisse Anstrengung und Mühe, satte Bequemlichkeit führt also nicht weiter. Wenn man denkt, das Erwachen kommt von allein, kann man lange warten, denn es wird bestimmt nicht kommen.
Man darf sich das Erwachen jedoch nicht wie ein Ding oder eine Entität vorstellen. Es kommt also nicht irgendwo her oder geht nicht irgendwo hin. Auch die Frage, ob das Erwachen schon vorher vorhanden war oder nicht, ist von völlig untergeordneter Bedeutung und würde nur das Denken unnütz anheizen und zu Spekulationen verführen. Erwachen heißt im Hier und Jetzt erwacht handeln und erwacht denken, erwacht empfinden und aus einem umfassenden Geist heraus und ohne innere Spaltung zu leben. Man könnte es fast als nüchtern und pragmatisch bezeichnen, und dies zeichnet den Buddhismus ja unter anderem aus. Die Frage nach dem ewigen Wesen des Erwachens bringt also nichts und jeder buddhistische Meister warnt uns davor, sich solchen gedanklichen Fantasiegebäuden hinzugeben, wenn es darum geht, Befreiung und Glück zu finden. Aus diesem Geist des Erwachens kann auch das gespaltene dualistische Denken von Ich und Du, von Gut und Böse, von Ich und Universum usw. aufgelöst und zur Harmonie gebracht werden. Dadurch verliert es seinen zerstörenden Einfluss. Auf diese Weise finden das unterscheidende Denken und das gespaltene Bewusstsein in einem erwachten Geist zur Einheit. Dann können auch Gedanken wie

"Ich bin erwacht" oder "Das Erwachen ist zu mir gekommen" verschwinden und sich in Harmonie im Geist zusammenfügen.

Wenn also dieses neue unterscheidende Denken aus dem Erwachen selbst hervorgeht und auf der Grundlage des Erwachens stattfindet, kann man es ohne Frage auch als Erleuchtung bezeichnen. Dann kann ich zum Beispiel ruhig darüber nachdenken, was ich gestern getan habe, ohne dass mein Ich von gestern wie ein anderes Objekt erscheint, das vom jetzigen Ich getrennt ist. Dann kann das Ich von gestern mit dem Jetzt eine harmonische Einheit bilden. Dies alles darf aber nicht nur gedacht werden, sondern muss wesentlich in der Übungspraxis und im Alltag erfahren werden.
Weitere Inormationen:

Kommentare:

Zushi hat gesagt…

Lieber Herr Seggelke,

ich hatte mir früher beim Durchlesen dieses Kapitels folgende Sätze unterstrichen: "Denkt daran, dass es ein Erwachen gibt, das das Zurückfallen in die Täuschung zu einer vertrauten Erfahrung macht." und "Wenn ihr daher den im Dunkeln tappenden Menschen sucht, der wieder in die Täuschung zurückgefallen ist , und ihn dann völlig klar seht, könnte es sein, dass ihr dem Menschen begegnet seid, der das große Erwachen erfahren hat."

Ich finde, je nach Ausrichtung und Konzentration des Bewußtseins auf etwas Bestimmtes kann es klar und deutlich erscheinen und zu einem anderen Zeitpunkt wieder völlig verdunkelt sein. Manches ist schier unerklärlich.

Kann man dieses Kapitel mit dem Ausspruch Shakyamuni Buddha's in Verbindung setzten, in dem er von dem völlig zerstörten Dach seines Hauses spricht und nun ein Leben der Hauslosigkeit führen wird? Ist so ein Dach überhaupt reparabel?

Und noch ein anderer Gedankengang:
Ist es nicht überaus sinnvoll, sofort in die Dualität zu verfallen, wenn man negativen, nicht wohlwollenden Handlungen( wie z.B Mobbing am Arbeitsplatz) ausgesetzt ist? Wenn ich dann aus der Einheit heraus, das Handeln meines Gegenüber verstehen würde, wäre doch der Gedanke naheliegend, dies sei auch nur ein Teil von mir und ich hätte es so verdient??

Ich hoffe, dies sind nicht zu viele Gedankensprünge auf einmal.

Liebe Grüße
Regina Oberndorfer

Yudo J. Seggelke hat gesagt…

Liebe Frau Oberndorfer,

vielen Dank für Ihren vielschichtigen Beitrag. Welche Übersetzung benützen Sie für den Shobogenzo?
Zunächst zum Berufskampf. Da gibt es einige buddhistische Ansätze:
1.Lerne von deinen Feinden, denn sie haben eine besonders scharfe Optik für deine Fehler. Man muss ja nicht mit allem übereinstimmen.
2.Lass Dich nicht auf das Niveau des Gegners ein.
3.Dein Gegner von heute kann Dein Freund von morgen sein.
4.Der Gegener soll sein "Scheiss-Karma" für sich behalten, ich möchte es nicht haben.
5. Der Gegener hat auch irgendwo die Buddha-Natur
6.Aus dem Achtsamkeitssutra: Kein Übelwollen, keine Zweifelsucht, keine Lahmheit und keine Hektik.
7.Auf Leistung setzen und nicht auf Gegen-Intrige
8.Am besten viel Zazen praktizieren.
9. Wenn es nicht anders geht:Wechseln

Zushi hat gesagt…

Ich benutze die Ausgabe des Shobogenzo von Nishijima Roshi, ein wundervolles Werk.

Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.

Regina Oberndorfer