Sonntag, 9. September 2007

Das Sûtra der Berge und Wasser

Wildwasser im Karwendel-Gebirge
Im Buddhismus sind Berge und Wasser die großartige Buddha-Welt, und in der Natur hat sich Buddha selbst verwirklicht. Berge und Wasser sind Teil der unbelebten Natur und des Universums und sind Erscheinungen, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Aber nach dem Buddha-Dharma gehen sie über die enge Wahrnehmung und äußere Form hinaus und vermitteln die Reinheit und Schönheit der Buddha-Welt. Heute wie damals suchen die Menschen die wunderbaren Augenblicke der Naturerlebnisse der Berge und des Wassers.
Dôgen warnt uns die wirklichen Berge und das wirkliche Wasser mit den Begriffen und Vorstellungen zu verwechseln, die wir Menschen uns fast automatisch von ihnen machen, die aber das wirkliche Erleben eher verdecken, verzerren und verändern. Dann erfahren wir die Berge und das Wasser nicht mehr als deren Wirklichkeit, so wie sie sind, sondern sind mehr oder minder getrennt von ihnen und leben in der Welt unserer Ideen und Vorstellungen. Dadurch verblasst das Naturerlebnis selbstverständlich. Dôgen zitiert einen alten Meister und formuliert die Kernsätze dieses Kapitels wie folgt:


"´Berge sind Berge, Wasser ist Wasser´. Diese Worte bedeuten nicht, dass Berge (gedachte) Berge sind, sondern dass Berge (wirklich) Berge sind. Und deshalb müsst ihr die (wirklichen) Berge erfahren und erforschen. Wenn ihr dies tut, macht ihr eure Anstrengungen in den (wirklichen) Bergen. Und solche Berge und Wasser bringen auf natürliche Art die Weisen und Heiligen hervor".

Dôgen beginnt das Kapitel "Das Sûtra der Berge und Wasser" (Kap. 14, Sansui gyô) mit kraftvollen Sätzen auf die Tugend der Berge und sagt, dass sie die wirkliche Freiheit sind und dass die Menschen Ethik und Moral durch die Berge verwirklichen werden. Er sagt dann:

“Da (die Berge und Wasser) schon vor dem Zeitalter der Leere existieren, sind sie kraftvolles Handeln in der Gegenwart“.

Nishijima Roshi erklärt diesen Satz so, dass die Berge und Wasser sich genau wie die Natur in der ewigen Vergangenheit offenbaren. Daher verwirklichen sie ihr kraftvolles Handeln genau im gegenwärtigen Augenblick. Dôgen betont hier also, dass es ohne diese Sein-Zeit im Augenblick keine kraftvolle Wirklichkeit geben kann.
Er zitiert dann weiter die zunächst eigenartig anmutende Aussage eines alten Meisters:

"Die blauen Berge bewegen sich ständig, die Steinfrau gebiert nachts ihr Kind".

Dies sind in der Tat Koan-Sätze, die sich zunächst scheinbar dem logischen Verstand verschließen. Wir sollten jedoch davon ausgehen, dass in diesem Kapitel die Berge und das Wasser nach der Beobachtung durch unsere Sinne beschrieben werden. Nishijima Roshi interpretiert dies so, dass die alten Meister ein intuitives Verständnis von den Bewegungen und Veränderungen in der Natur hatten, ohne dass sie unsere modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Verfügung hatten. In der Tat wissen wir heute, dass sich die scheinbar unveränderlichen Berge über längere Zeiträume laufend verändern und „wandern“. Wir wissen auch, dass Felsen zu Sand wird und dass die Felsen in der Nacht beim Wechsel der Temperaturen bersten und sich teilen. Wenn wir das festgelegte Wissen und Denken ausschalten und wirklich nur beobachten, sind die Berge also keineswegs statisch, dauerhaft und fest, sondern wandern dauernd und verändern sich fortwährend. Bei ganz genauer Beobachtung ergeben sich darüber hinaus unerwartete neue Einzelheiten und Zusammenhänge. Wir wissen also zweifellos, dass die Berge im Rahmen unserer eigenen Lebensspanne unbeweglich, dauerhaft und stabil sind. Wenn wir aber dieses Standard-Wissen einmal beiseite lassen und z.B. Bergspitzen und Berggipfel genau beobachten und sie zusammen mit den über ihnen ziehenden Wolken genau betrachten, können wir eigentlich nicht sagen, ob sich die Berge bewegen, oder ob sie still stehen oder ob sich die Wolken bewegen. Vielleicht beobachten wir sogar, dass sich sowohl die Berge als auch die Wolken bewegen. Eine ähnliche Beobachtung kennen wir ja auch von der Sonne und dem Mond, wenn die Wolken vor ihnen vorbeiziehen und wir bei unverstellter Beobachtung annehmen müssen, dass sich der Mond oder die Sonne bewegen oder dass sich sowohl die Gestirne als auch die Wolken bewegen. Wenn wir einen Fluss in seinem Fließen im Gebirge beobachten und uns auf das Wasser konzentrieren, können wir allein auf Grund der Beobachtung nicht sagen, ob sich die Wasser oder die Berge bewegen. Ich verstehe die Aussage, dass sich die blauen Berge ständig bewegen, daher so, dass wir uns von unserem scheinbar so selbstverständlichen Vorwissen befreien sollen und nur das genau beobachten, was wir wirklich sehen und was vor uns ist.

Allein aus der Beobachtung kann man also sowohl ableiten, dass die Berge in Ruhe sind, als auch dass sie sich auch bewegen. Dôgen empfiehlt uns daher, die Natur wirklich ganz genau anzuschauen und die Bewegungen der Berge durch die Sinneswahrnehmung exakt zu untersuchen und zu erfahren. Dadurch entsteht nämlich bei uns selbst eine Erfahrung, dass auch wir uns bewegen und uns dabei aus der Starre des vorgefassten Wissens befreien. Wir erlangen dadurch die „Freiheit des Anfänger-Geistes“, die nicht durch Gedachtes festgelegt ist. In einer solchen Bewegung der Natur gibt es ein wirkliches Gleichgewicht, und die moderne Naturwissenschaft lehrt uns, dass das Gleichgewicht des Universums allein durch die gewaltigen Bewegungen der Gestirne in den Milchstraßen ermöglicht wird. Ist das nicht auch ein Gleichnis für unser eigenes Leben?


Wildbach im Karwendel

Wenn wir uns in den Bergen aufhalten, uns dort bewegen und wandern oder in einem Kloster praktizieren, kann man dies wie das Öffnen der Blumen erfahren und es ist die Wirklichkeit des Buddha-Dharma. Wir müssen uns natürlich ganz dem Augenblick in den Bergen öffnen und klare Augen haben, um die Berge wirklich zu sehen, zu erkennen und zu hören. Wenn man in den Bergen wandert und die Gedanken vergisst, dass sie fest und statisch dastehen, können wir ganz klar beobachten, dass die Berge sich mit unseren eigenen Schritten und mit unserer eigenen Bewegung ebenfalls mit bewegen. Ich habe dies einmal selbst ausprobiert und war überrascht, dass es stimmt. Erproben Sie es doch einmal selbst einmal!
Die Berge sind selbst jenseits von Fühlen und Nicht-Fühlen, und wenn wir uns ihnen anvertrauen, befreien wir uns von beengenden und beunruhigenden Gefühlen. So gibt es eine dauernde Bewegung in der Welt und wäre die Welt erstarrt, so könnte auch der Buddha-Dharma nicht an uns übermittelt werden. Dôgen spricht sogar davon, dass die Berge fließen und dass es "fließende Berge" sind. Wenn man sich vom Wissen und Denken löst, kann man sogar sagen, dass die Berge über das Wasser fließen. Dôgen kritisiert die gewöhnlichen Menschen, die nicht in der Lage sind, wirklich genau zu beobachten und daher daran zweifeln, dass sich die blauen Berge bewegen. Der sog. „gesunde Menschenverstand“ weiß, dass es fließendes Wasser gibt, aber fließende Berge erscheinen ihm wohl doch sehr seltsam. Berge werden so als etwas Dauerhaftes, Festes und Statisches angesehen, und man gibt ihnen einen festen eindeutigen Namen. Dann kann man sie im Gespräch gut ansprechen und alle meinen, dass sie unabhängig vom Zeitablauf dauerhaft und sogar ewig bestehen.

Dem setzt Dôgen seine Aussage entgegen, dass die Bergfrau ein Berg-Kind gebiert. Er sagt damit letztlich, dass die Berge leben, sich verändern, dass sie sich bewegen und daher auch Kinder bekommen. Offensichtlich will uns der alte Meister im obigen Satz dadurch klar machen, dass die Berge nichts Statisches und Totes sind, wenn dies auch für einen westlichen Verstand zunächst recht erstaunlich erscheint.
Auf der anderen Seite haben wir vielleicht wunderbare Ideen, dass die Buddhas in den Bergen die Wahrheit praktizieren und können dabei sicher auch romantische Gefühle entwickeln. Dôgen rät uns allerdings, dass wir uns nicht in solchen Träumereien verlieren, denn die Erhabenheit und Bewegung der Berge geht über romantisches Empfinden und die subjektive Befindlichkeit hinaus. Es ist in der Tat oft wenig hilfreich, wenn man die Schönheit der Berge nur mit Worten oder vielleicht sogar mit etwas Poesie beschreiben will, denn dadurch kann man gerade von der Wirklichkeit abgeschnitten werden und ist in der Welt der Worte und Sätze gefangen. Man kann sich dann eventuell nicht von den Worten und Formulierungen befreien sondern klebt an ihnen. Nur wenn man deren Begrenztheit erkennt, kann man zur Wirklichkeit und Wahrheit selbst gelangen. Dôgen sagt:

"Die blauen Berge bewegen sich ständig und der Ost-Berg geht über das Wasser",

und dies müssen wir in allen Einzelheiten und in genauer Beobachtung betrachten, vertiefen und sogar meistern. Wenn die Berge vorwärts und rückwärts wandern, kann diese gegensätzliche Bewegung niemals im selben Augenblick vor sich gehen. So findet dieses Tun je unabhängig in einem Augenblick statt und damit

„hindert das Vorwärtsgehen niemals das Rückwärtsgehen und umgekehrt. Wir sagen, dass die Berge fließen oder wir nennen sie die fließenden Berge.“

Im Folgenden kritisiert Dôgen in aller Schärfe diejenigen, die behaupten, dass die Lehre des Zen-Buddhismus nicht logisch und nicht vernünftig sei. Er berichtet aus dem China der Song-Zeit, dass es dort viele Gruppen und Lehrer gibt, die gerade die Aussage des „Ost-Berges, der über das Wasser geht“ als Beweis dafür nehmen, dass der Zen-Buddhismus unlogisch sei und dass es völlig nutzlos sei, mit unserem Geist und Verstand die überlieferten Aussagen der alten Meister anzugehen und sich zu erarbeiten. Dôgen sagt wörtlich:

"Diejenigen, die so reden, sind noch niemals einem wahren Lehrer begegnet. Sie haben nicht das Auge der Erfahrung und des Erforschens, sie sind nur kleine Hunde, die man nicht erwähnen sollte".

Dann vergleicht er sie sogar mit Dämonen und bestreitet, dass sie überhaupt buddhistische Mönche sind. Er zählt sie auch zu den bekannten „schlechten Schülern“ Buddhas. Es ist wahrhaftig von ganz großer Bedeutung, dass Dôgen gegen diejenigen zu Felde zieht, die den Zen-Buddhismus und nicht zuletzt. Die Koan-Geschichten als irrational kennzeichnen. In der Tat kann man auch heute häufig die Meinung antreffen, dass gerade die Schriften von Dôgen selbst unlogisch und widersprüchlich seien. In diesem Kapitel sagt Dôgen aber selbst in aller Klarheit und fast grob, dass es sich dabei niemals um Buddhisten handeln kann, wenn eine Irrationalität der Texte behauptet wird. Wir können auch sicher die ungute Erfahrung machen, dass es selbst ernannte Meister gibt, die ihre angebliche Überlegenheit im Buddha-Dharma durch die scheinbaren Paradoxien der Koan-Geschichten abstützen, von denen sie uns weis machen wollen, dass sie diese „verstehen“, aber die Schüler nicht. Für uns ergibt sich damit die klare Aufgabe, die Texte der alten Meister und Zen-Buddhisten wirklich genau zu studieren und einen Schlüssel zu finden, um deren Aussagen und Wahrheiten aufzuschließen. Nach meiner Ansicht ist die Lehre von Nishijima Roshi von den vier Sichtweisen oder Lebensphilosophien im Buddhismus genau dieser leistungsfähige Schlüssel, um "die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges" aufzuschließen. Danach werden die großen buddhistischen Themen in den einzelnen Kapiteln des Shôbôgenzô aus diesen vier verschiedenen Sichtweisen beleuchtet, nämlich erstens aus dem Bereich der Ideen und des Denkens, zweitens aus dem Bereich der Wahrnehmung, also der Formen und Farben, drittens mit der Lebensphilosophie des Handelns im gegenwärtigen Augenblick und schließlich mit der umfassenden Lebensphilosophie und Lebenspraxis des wahren Buddha-Dharma. Dieser bezieht die drei vorherigen Sichtweisen mit ein und ordnet ihnen aber nur einen bestimmten begrenzten Stellenwert im Ganzen zu.

Wenn der Buddhismus unlogisch wäre, wären auch die Argumente derjenigen Buddhisten selbst unlogisch, die behaupten der Buddhismus sei irrational. Sie dürfen also gar nicht behaupten, dass ihre eigenen Aussagen richtig und logisch seien, wenn sie genau diesen Grundsatz der Logik generell bei der Buddha-Lehre ablehnen. Im Übrigen ist dies derselbe unvermeidbare Widerspruch wie bei den Nihilisten, die behaupten, alles und jedes in der Welt sei unwahr, aber unbedingt darauf bestehen, dass ihre eigenen Aussagen richtig seien.
Dôgen sagt uns, dass sich alle Wasser am Fuß von Bergen verwirklichen, dass sich die Berge hoch zu den Wolken erheben und dass sie bei genauer Beobachtung in den Himmel wandern:

"Die Berge sind die Häupter aller Wasser, die sich auf dem Wasser hin und her bewegen, weil die Füße der Berge über viele Arten des Wassers fließen können und die Wasser tanzen lassen, bewegen sie sich frei im Universum".

Wenn wir dem Wasser bestimmte bewertende Eigenschaften zuordnen, z. B. wie stark oder schwach, wie nass oder trocken, wie kalt oder warm, oder auch sagen dass Wasser sei existent oder nicht-existent, so sind dies bewertende Beschreibungen von uns als Menschen. Aber die Bewertungen von uns dürfen wir nicht mit dem Wasser selbst verwechseln. Dem gegenüber gibt es die Tatsachen, dass das Wasser dampfförmig, flüssig oder fest wie Eis ist. Dies sind also wirkliche Eigenschaften des Wassers und nicht Bewertungen durch den Menschen. Um die Wirklichkeit des Wassers auszudrücken, benutzt Dôgen Aussagen, wie

"Das Wasser sieht das Wasser, das Wasser begegnet dem Wasser, das Wasser ist sich selbst genug und begrenzt sich auf sich selbst, das Wasser folgt dem Wasser usw.".

Er will damit die Gedanken und Ideen, die wir vom Wasser haben, von der Wirklichkeit abgrenzen. Wir sollen also unsere subjektive Sicht des Wassers nicht als allein richtig annehmen, sondern uns bemühen, dass wir auch die Sicht und Erfahrungswelt anderer Lebewesen in Bezug auf das Wasser nachvollziehen. Diese mögen das Wasser als ganz etwas anderes sehen und erleben als wir Menschen. Dôgen bittet uns dann darum, dass wir auch versuchen zu erfahren, wie die Buddhas und Vorfahren im Dharma das Wasser sehen und benutzen. Er sagt wörtlich:
"Ferner solltet ihr erfahren und erforschen, ob es Wasser in den Häusern der Buddhas und Vorfahren im Dharma gibt oder nicht".

Nachdem das Wassers im Einzelnen behandelt wurde, werden im Folgenden die Berge und deren Bedeutung im Buddha-Dharma untersucht. Die Heiligen und großen Meister sind meistens in die Berge gegangen und haben dort Zazen praktiziert. So lagen die Klöster im alten China überwiegend auf Bergen oder zumindest in Hochtälern, und auch Gautama Buddha selbst wanderte zu den Hängen des Himalajas im heutigen Nepal, nachdem er sein reiches und bequemes Zuhause verlassen hatte. Die Klarheit und Unmittelbarkeit der Natur in den Bergen entwickelt immer eine besondere Kraft für die Menschen, die auf der Suche nach der Wahrheit sind und ein Gespür für die wunderbare großartige Schönheit in der Bergwelt haben. Die Berge haben also wesentlichen Anteil daran, dass heilige und große Meister dort zur Wirklichkeit und Wahrheit erwacht sind. Das unmittelbare Erleben in den Bergen selbst unterscheidet sich vollständig von den Vorstellung und den Bildern, die wir von den Bergen haben, wenn wir noch in Städten und Dörfern im flachen Land leben. Dann können wir auch überhaupt nicht direkt beobachten, dass "die Berge fließen", weil wir sie in ihrer Ursprünglichkeit nicht sehen. Dann denken wir die Berge als statisch und fest stehend, so wie sie in unserer Erinnerung „abgespeichert“ sind. In den Bergen selbst handeln wir im gegenwärtigen Augenblick mit besonderer Klarheit und beobachten die wunderbare Natur unmittelbar und ohne Denk-Schleier. Wir können dort lernen, wie wir uns von festgefahrenen Vorstellungen befreien und unmittelbar in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt sind. Dies kann man nicht von außerhalb tun, sondern nur in den Bergen selbst praktisch erfahren und erforschen. Wenn wir sagen, dass die Berge zu einen bestimmten Land gehören, z.B. der Fujiyama zu Japan oder der Mont Blanc zu Frankreich, so ist dies eine vordergründige und oberflächliche Sicht. Denn die Berge gehören zu den Menschen und Tieren, die sie lieben und mit denen sie eng verbunden sind.

So kann man wirklich von einer Tatsache sprechen, dass auch die Berge die heiligen, ehrlichen und moralisch reinen Menschen lieben und eins mit ihnen sind. In China gibt es viele Beispiele, dass Kaiser und Könige zu den heiligen und großen Meistern in die Berge gingen, um dort Rat zu holen und Klarheit zu erlangen und dass sie dort die weltlichen oft erstarrten Umgangsformen und Konventionen beiseite ließen und als einfache Menschen handelten. So ist die wunderbare Ganzheit der Berge mit dem denkenden Verstand allein aber auch nicht mit der an der äußeren Form hängenden Wahrnehmung des Menschen zu erfassen. Dôgen sagt hierzu wörtlich:
"Wer könnte jemals das Fließen und das Nicht-Fließen der Berge und ihr übriges Handeln bezweifeln, auch wenn dies nicht mit dem Fließen in der Welt der Menschen vergleichbar ist".
Auch am Wasser lebten Weise und Heilige und sie "fischten" dort die Wahrheit, sie fischten dort Menschen, die ihre Schüler wurden, und die Zufriedenheit und das Glück des Erwachens erfuhren. Sie lebten an Seen, Flüssen und am Meer und das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, das Hoch- und Niedrigwasser oder Ebbe und Flut waren Teil von ihnen und unauflösbar mit ihnen verbunden. Sie fischten nicht nach Fischen, sondern nach sich selbst und fanden ihre weite Klarheit, Einfachheit und Bescheidenheit, wo vorher Ich-Bezug, Eitelkeit und die falsche Sehnsucht nach Ruhm und Profit gewesen waren. Im Buddhismus gibt es die Welt der nicht empfindenden Wesen und der materiellen Elemente, wie Wasser, Wind, Feuer und Erde. Aber dies sind gleichzeitig die Welten der Buddhas, der großen Meister und der Vorfahren im Dharma. Dann geht es beim Wasser nicht mehr um das Fließen oder Nicht-Fließen, um das Herunterfallen als Regen oder das Aufsteigen in die Wolken, denn diese Vorstellungen und Begriffe sind zu begrenzt und können letztlich weder das Wasser noch die Berge erfassen. Im Buddha-Dharma ist das Wasser genau die Wahrheit und Wirklichkeit des Wassers selbst, nicht mehr und nicht weniger, und dies gilt auch für die Berge. Das Wasser ist nicht nur in den Flüssen, Seen und Meeren sondern auch in einem einzigen Wassertropfen oder in einem Tautropfen.
Genauso wie das Wasser können wir die Wahrheit, Reinheit und Tugend der Berge erfahren und erforschen. Der in ihnen verborgene Schatz öffnet sich für uns unvermutet je im Augenblick. Daher sagt ein alter Buddha:

"Berge sind Berge, Wasser ist Wasser".

Dies heißt nichts anderes, als dass Berge nicht gedachte oder gesagte Berge sind, sondern die Berge selbst und das gleiche gilt für das Wasser. Denn

"solche Berge und Wasser bringen auf natürliche Art die Weisen und Heiligen hervor".

Kommentare:

Zushi hat gesagt…

Lieber Yudo Jürgen,
der folgende Satz hat mir besonders gut gefallen: In den Bergen handeln wir im gegenwärtigen Augenblick mit besonderer Klarheit und beobachten die wunderbare Natur unmittelbar und ohne Denk-Schleier.
In Rückerinnerung an meine Wanderung in Mustang-Nepal möchte ich noch hinzufügen: Durch die Anstregungen des Aufwärtsgehens werden Erinnerungen ins Gedächtnis zurückgeholt, die dann nach ein paar Tagen für immer verschwinden. Erst dann ist man gänzlich frei für den Augenblick. Und ab einer Höhe von ca. 3900m konnte ich auch nicht mehr normal schlafen. Ich hatte das Gefühl, nachts im wachen Zustand meine Träume anzuschauen und vorbeiziehen zu lassen. Sicherlich kann man diese Zustände vermeiden, wenn der Körper langsam an die Höhe aklimatisiert wird, d.h. nach einem Aufstieg immer wieder in geringere Höhen absteigen und dann erst weiter. Aber dazu fehlte die Zeit.
Gruß Regina

Yudo J. Seggelke hat gesagt…

Liebe Regina,
es freut mich sehr, dass Du so starkes persönliches Erleben mit diesem Kapitel verbindest. Dort in Nepal haben Dich, wie Dogen sagt, die Berge geliebt. Oder hast Du sie geliebt? Oder beides?
Herzlich
Yudo Juergen

Zushi hat gesagt…

Beides.