Dienstag, 11. September 2007

Der Bodhisattva des großen Mitgefühls und des Helfens

In dem Kapitel "Der Bodhisattva des großen Mitgefühls" (Kap. 33, Kannon) erläutert Meister Dôgen in schlichter Klarheit die natürliche Selbstverständlichkeit der Buddha-Lehre, dass man mit anderen Leidenden mitfühlt und ihnen selbstverständlich hilft. Das Bodhisattva-Ideal kann als einer der Kernbereiche des Mahâyâna-Buddhismus bezeichnet werden, der die tätige Hilfe für andere sehr in den Mittelpunkt stellt und das egoistische Streben nur für die eigene Erleuchtung verwirft. Dies kann man geschichtlich durchaus als Erneuerung des Buddhismus bezeichnen, weil sich die buddhistischen Mönche vorher leider immer mehr in ihre Klöster zurückgezogen hatten und zum Teil nur gegen teures Geld ihre „spirituellen Leistungen“ an die Laien „verkauften“. Die Mönche selbst widmeten sich dort überwiegend dem Ziel der eigenen buddhistischen Vervollkommnung und der Arbeit für die eigene Erleuchtung.

Gautama Buddha selbst hatte dem gegen über allen Notleidenden und bedrängten Menschen der damaligen Zeit wie selbstverständlich und unmittelbar geholfen, indem er von einem Ort zum anderen zog, und mit den normalen Menschen zusammenlebte. Er konnte sie daher auch gut verstehen, um richtig zu helfen. Er wird daher auch als Arzt und Therapeut bezeichnet. In den Zeiten von Gautama Buddha gab es noch keine festen Klöster, in die sich die Mönche zurück zogen um dort zu leben, sondern es gab lediglich Aufenthaltsbereiche für die Regenzeit, da das Umherwandern dann schwierig oder unmöglich war. So sammelten sich z.B. viele Mönche an dem Ort, wo Gautama Buddha selbst die Regenzeit verbrachte. Sie bauten sich dort leichte Hütten, um die Regenzeit einigermaßen geschützt verbringen zu können. Buddha hielt in dieser Zeit regelmäßig seine Lehrreden für die Mönche, die damals noch „Hauslose“ (Sanskrit: Bhikshu) hießen, und zu diesen Vorträgen kamen auch viele Laien aus der Umgebung. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich dann ein Mönchs-Leben in fest gebauten Klöstern, und die Mönche wurden dann von den Spenden der Laien aus der Umgebung unterstützt und ernährt.


Als Gegenleistung erbrachten sie buddhistische Belehrungen und rituelle Zeremonien, wobei die „Preise“ dafür im Laufe der Zeit immer mehr anstiegen, so dass es viele Klöster sogar zu erheblichem Reichtum brachten. Gleichzeitig wurde der menschliche Abstand zwischen den Mönchen einerseits und den Laien andererseits z.T. recht groß, und wir können auch sicher annehmen, dass einige Mönche ein Überlegenheitsgefühl entwickelten und auf die buddhistischen Laien herabsahen. Etwa einhundert Jahre vor unserer Zeitenwende kam es dann bei vielen Buddhisten zu der Einsicht, dass dies nicht der Sinn der Buddha-Lehre sein könne und dass Gautama Buddha selbst etwas anderes gelehrt hatte. So kamen das tätige Handeln und das Mitgefühl für jeden Menschen und für jedes Lebewesen immer mehr in den Blickpunkt und daraus entwickelte sich u. a. die Richtung des Mahâyâna Buddhismus. Dieser wurde dann vor allem durch den großen Meister Bodhidharma mit starken Elementen des Yoga (Yogâcâra) nach China und Ostasien gebracht.


Auch das Handeln des Bodhisattva (Sanskrit: Erleuchtungswesen) kann natürlich in die Gefahr geraten, anderen deswegen zu helfen, um das eigene Karma zu verbessern, also gutes Karma anzuhäufen und um im Sinne der Wiedergeburtslehre ein besseres nächstes Leben zu erzielen. Gutes zu tun und großzügig zu geben waren dann durchaus mit dem Gedanken verbunden, Vorteile für das eigenen Karma und ein zukünftiges Leben zu erlangen, also Verdienste zu erwerben, die einem selbst nützen.


Dôgen entwickelt dem gegenüber in diesem Kapitel seine reine und klare Lehre des Bodhisattva-Handelns nach seiner eigenen Erfahrung und seinem Verständnis des Buddhismus, die viel umfassender und tiefgründiger waren als das oben dargestellte Handeln, das vom Ziel des eigenen spirituellen Vorteils geprägt ist. Wie sieht er nun den Bodhisattva des großen Mitgefühls? Für ihn vollzieht sich das Bodhisattva-Handeln in unmittelbarer Harmonie und im Einklang mit dem Gesetz des Universums, das in der Tat von den großen Meistern und Buddhas in ihrem eigenen Leben verwirklicht wurde. Er lehnt ein Handeln mit dem bewussten Ziel der Verbesserung des eigenen Karma und damit zum eigenen Nutzen und Vorteil rundweg ab, sei es auf spiritueller oder materieller Ebene. Durch derartige verzerrende Zielsetzungen könne die moralisch wahre Harmonie mit dem Universum gerade nicht erreicht werden und der Handelnde verstricke sich dann in eigenem Vorteilsdenken und in der Trennung von Subjekt und Objekt.
Der Kern der Lehre des Bodhisattva des großen Mitgefühls, der in Sanskrit auch Avalokiteshvara heißt, wird anhand eines berühmten Gespräches zweier großer Meister erläutert. Der alte Meister Ungan fragte:

"Was tut der Bodhisattva des großen Mitgefühls, wenn er seine unendlich vielen Hände und Augen gebraucht?"
Meister Dôgo antwortete darauf:
"Er ist wie ein Mensch der nachts die Hand nach hinten ausstreckt und nach seinem Kissen greift".
Meister Ungan bestätigt dies und sagte:
"Ich verstehe, ich verstehe", und er fügt hinzu: "seine Hände und Augen sind sein universeller Körper".
Meister Dôgo sagte dann:
"Sehr gut, aber Du kannst es nicht vollkommen, sondern nur zu achtzig oder neunzig Prozent ausdrücken".
Er schlägt dann seine eigene Formulierung vor:
"Seine Hände und Augen durchdringen seinen ganzen Körper".

Dôgen rühmt dieses Gespräch sehr und zieht es vielen anderen übermittelten Aussagen und Zitaten zum Bodhisattva-Handeln vor. Nach seinem Verständnis trifft das obige Gespräch mit großer Klarheit und Genauigkeit den wesentlichen Kern dessen, was mit dem Bodhisattva des großen Mitgefühls gemeint ist. Er hört die Rufe und Bitten der Menschen, die in dieser ganzen Welt Hilfe brauchen und wird daher auch der Bodhisattva genannt, der alles ungehindert durchdringt. Er handelt wie der Vater und die Mutter aller Buddhas und ist durch sein Handeln der Buddha selbst. Nach Dôgen ist das Bodhisattva-Handeln ein Kern des Buddhismus überhaupt, und diejenigen buddhistischen Übertragungslinien, die dies nicht lehren, könne man eigentlich nicht Buddhisten nennen. Meister Ungan spricht von unendlich vielen Händen und Augen des Handelns und des Sehens und nicht von einer begrenzten Anzahl wie etwas zwölf oder auch eintausend. Aber er besitzt nicht nur unendlich viele Hände und Augen, die er gebraucht, sondern er sieht und er hilft auch in unendlicher Vielfalt. Diese Wandlungsfähigkeit beim Helfen richtet sich nach den Besonderheiten dessen, dem geholfen wird, so dass ein Bodhisattva sich vollkommen an die jeweiligen Menschen und an die jeweilige Situation anpasst. Er handelt dabei unauffällig, fast so, dass dem Geholfenen die Hilfe gar nicht bewusst ist. Dôgen ist sicher, dass die beiden obigen alten Meister, die über vierzig Jahre gemeinsam praktiziert und gelernt haben und die in vielen Gesprächen die Wahrheit der Buddha-Lehre herausgearbeitet haben, selbst die Erfahrung von „unendlich vielen Augen und Händen“ gemacht haben. Sie reden also nicht nur in schönen Sätzen und Worten über das , was sie lediglich als Ideen und mögliche Lerninhalte einbringen, sondern sie reden von dem, was sie selbst erfahren und praktiziert haben. Dies ist nach Dôgen daher sehr viel höher einzuschätzen als bei den Sûtra-Lehrern und Kommentatoren, weil es aus der Wirklichkeit des Handelns selbst kommt. Die Grundlage des Gesprächs ist also das tätige Handeln der beiden Meister und nicht irgendwelche abstrakte Eigenschaften eines gedachten Menschen, dem man solche Qualitäten zuerkennt.
Meister Dôgo sagt dann im obigen Gespräch den äußerst wichtigen Satz, dass der Bodhisattva des großen Mitgefühls wie ein Mensch handelt,

"der nachts die Hand nach hinten ausstreckt und nach seinem Kissen greift".

Dies ist sicher eine ganz ungewöhnliche Formulierung. Was soll dies bedeuten? Damit will uns Meister Dôgo sicher die Selbstverständlichkeit des Handelns aus Mitgefühl deutlich machen, denn es ist nicht von einer bewussten „edlen Absicht“ die Rede, sondern von einer natürlichen Bewegung der Hand, die fast im Halbschlaf nach hinten greift, um das Kopfkissen zu erfassen und richtig hinzurücken. Dies ist in der Tat eine aussagekräftige Formulierung für die Selbstverständlichkeit, mit der die Hilfsbedürftigkeit unmittelbar erkannt und ohne Verzögerung, ohne Überlegung und ohne selbstsüchtige Absicht in die Tat umgesetzt wird. Diese Szene macht auch deutlich, dass es gar keine Zuschauer gibt, die vielleicht von der Hilfeleistung beeindruckt sind oder Beifall klatschen, sondern das Helfen selbst geschieht im Einklang mit dem Gesetz des Lebens und Universums so selbstverständlich, dass es in Fleisch und Blut übergegangen ist und dabei gibt es kein Zögern, keine Hemmnisse und keine Berechnung.
Mit diesem Gespräch der alten Meister wird auch deutlich, dass Buddhisten sich keinesfalls aus der Welt der Menschen zurückziehen sollen und an einem sicheren und geschützten Ort nur für sich selbst leben sollten. Nishijima Roshi hat dies in seinem Buch "To Meet The Real Dragon" in aller Klarheit einem fragenden Schüler geantwortet, dass man im Rahmen seiner Möglichkeiten unmittelbar handeln müsse. Das Argument, dass man bei der politischen Entwicklung in der Welt und bei den so gegebenen menschlichen Umständen ja ohnehin nichts tun könne und dass man daher auch nichts tun müsse, lehnt er eindeutig ab. Ein solcher „Buddhist“ hat die Aussage: "Es ist wie es ist" völlig falsch verstanden, nämlich so, dass er selbst gar keine Verantwortung für seine Umgebung übernehmen muss. Es ist also nicht zu vertreten, dass man es versäumt, gegen Unrecht vorzugehen und sich nicht dafür einsetzt, anderen zu helfen und dafür die Begründung anführt, dies habe ja ohnehin keinen Sinn. Beim Bodhisattva-Handeln kommt es darauf an, dass man in seinem eigenen Wirkungskreis unmittelbar die notwendige Hilfe erkennt und diese Hilfe gibt, völlig unabhängig davon, ob man dafür Dank erhält und Anerkennung gewinnt oder nicht. Es geht vielmehr darum, dass man im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten und Kräfte ohne Zögern und ohne Verzug handelt. Damit ist das Typische des Bodhisattvas im Mahâyâna-Buddhismus klar beschrieben.


Das Beispiel mit dem Kissen macht auch deutlich, dass die Tageszeit beim Helfen keine Rolle spielt, dass das Handeln im Augenblick also unabhängig davon ist, ob es am Tag oder in der Nacht vor sich geht. Die Augen des Bodhisattvas, die klar erkennen wem und wo zu helfen ist, sind also vom Tageslicht unabhängig und handeln selbstverständlich und richtig auch nachts. Dôgen spricht davon, dass sich Sehen und Handeln nicht gegenseitig behindern und das Handeln unmittelbar erfolgt, so dass „kein Haar“ dazwischen passt. Es ist auch nicht notwendig, ausgereifte Theorien mit dem Verstand zu erarbeiten und zunächst mit einem logischen Modell die Hilfsbedürftigkeit und die mögliche Hilfe zu analysieren. Sehen und Helfen ereignen sich intuitiv, ganzheitlich und unmittelbar und ohne zeitlichen Verzug. Begriffe und Vorstellungen sind beim Helfen nicht unbedingt erforderlich, sollten aber auf keinen Fall hinderlich sein.
Im obigen Gespräch der beiden Meister wird deren große Übereinstimmung erkennbar, so dass zwischen Ich und Du gar nicht getrennt werden kann. Beide unterscheiden nicht zwischen den Augen als Sinnesorgane zum Erkennen und den Händen als Werkzeuge des Helfens, sondern sie sehen das Ganze von Körper und Geist als helfenden Bodhisattva an. Deswegen sagt Meister Ungan:

"Seine Hände und Augen sind sein universeller Körper. Sie sind überall gegenwärtig und verwirklichen sich im gegenwärtigen Augenblick ohne Verzögerung".

Beide Meister sind sich einige, dass Gespräche zwischen den Menschen von großer Wichtigkeit sind und dass man versuchen muss, die Wahrheit best möglich mit Worten auszudrücken. Aber sie wissen auch, dass die Sprache mit Worten und Sätzen begrenzt und nicht in der Lage ist, die intuitive gesamtheitliche Wahrheit vollständig zu beschreiben. Deswegen heißt es, dass die Wahrheit nur zu achtzig oder neunzig Prozent in Worte gefasst wird. Dies bedeutet aber nicht, dass einer der beiden alten Meister sich nur unvollkommen ausdrücken kann und dass man es zu einhundert Prozent sagen könnte, wenn man die entsprechenden Sprachfähigkeiten hätte. Das mit Worten Sagbare ist immer weniger als die Wirklichkeit und Wahrheit selbst, und es ist z.B. völlig unmöglich, das Universum insgesamt mit Worten vollständig und lückenlos zu beschreiben. Auch jemand, der die höchste Sprachbegabung besitzt, kann dies nicht leisten. Dôgen sagt uns auch, dass wir uns gerade deswegen besonders bemühen sollten, mit der Sprache wahrheitsgemäß umzugehen, um im Gespräch das wirklich Wesentliche zu sagen und an andere zu übermitteln. Er verwendet dabei eine etwas ungewöhnliche Formulierung und sagt vom Bodhisattva:

"Seine Hände und Augen durchdringen seinen ganzen Körper".

Dôgen macht außerdem deutlich, dass er die etwas unterschiedliche Ausdrucksweise der beiden obigen Meister nicht gegeneinander abwägen wolle und auch gar nicht nicht kann, um vielleicht festzustellen, wer wohl der „bessere“ von beiden ist. Jeder von ihnen habe das, was überhaupt mit Worten sagbar ist, auf seine Weise vollständig ausgedrückt.

Weitere Informationen:

Der Mensch Gautama Buddha

Handeln im Buddhismus

Wahres und reines buddhistisches Handeln

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

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