Dienstag, 18. September 2007

Die wunderbaren buddhistischen Kräfte

Brunnen mit Schöpflöffel im Kloster Tokein


Auch im Buddhismus gibt es viele märchenhafte Geschichten von übernatürlichen Kräften, dass z. B. ein Heiliger sich in die Luft erhebt oder von einem Ort zum anderen fliegt, sich plötzlich unsichtbar macht oder die Feinde durch magische Kräfte ganz leicht besiegt. In diesem Kapitel mit der japanischen Bezeichnung Jinzu geht Dôgen auf solche Kräfte ein. In diesem Sinne wird das japanische Wort Jin häufig mit „mystisch“ und „übernatürlich“ übersetzt. Aber Meister Dôgen erklärt in diesem Kapitel, dass die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt eigentlich selbst das Wunderbarste ist, das durch die buddhistische Lehre und Übungspraxis jedoch erst richt richtig erkannt, erfahren oder erlebt werden kann. Da das japanische Wort zu Kraft oder Fähigkeit bedeutet, möchte ich die folgende Übersetzung wählen: „Die wunderbaren buddhistischen Kräfte“, denkbar wäre auch: „Die wunderbaren Kräfte der Buddhas“, um den Inhalt und die Bedeutung dieses Kapitels in der Überschrift klar zu machen und von den „übernatürlichen“ Wundern abzugrenzen.
Dôgen zitiert einen berühmten alten buddhistischen Meister, der auf die Frage, was die übernatürlichen Kräfte der Buddhas sind, wie folgt antwortet:

"Wasser holen und Brennholz tragen".

Dies ist in der Tat eine verblüffende Antwort, da beide Tätigkeiten nach dem gesunden Menschenverstand eher einfach, um nicht zu sagen banal sind, und sicher den meisten Menschen eher als lästig und unangenehm erscheinen. Im Zen-Buddhismus wird aber die Wirklichkeit und Wahrheit des Handelns und auch der sog. einfachen Tätigkeiten außerordentlich geschätzt. Darin offenbart sich wahre buddhistische Handlungskraft und wahrer buddhistischer Geist, denn es kommt eben nicht darauf an was man tut, sondern wie man es tut. Das Handeln ist die wesentliche Grundlage der Wirklichkeit und nicht das Ergebnis! Wenn wir uns vergegenwärtigen, was mit der Tätigkeit des Wasser-Schöpfens alles verbunden ist, wird uns wirklich klar, wie wunderbar das Wasser selbst ist, dann die Möglichkeit, es aus einem klaren Bergbach zu schöpfen und nicht zuletzt das kräftige Gefühl, den Durst mit klarem Bergwasser zu löschen.
Auch die von Dôgen angeführte Wirklichkeit des Feuerholzes eröffnet bei genauer Überlegung großartige Bereiche: Die Klöster im alten China lagen meist hoch in den Bergen und dort herrschte im Winter bittere Kälte. Wer einmal richtig gefroren hat, weiß die wohlige Wärme des Feuers zu schätzen und dies an kalten frostigen Wintertagen im Gebirge umso mehr. Die scheinbar einfachen und alltäglichen Handlungen, nämlich Wasser zu schöpfen und Feuerholz zu holen, gewinnen also aus buddhistischer Sicht eine ganz neue Tiefenschärfe und neue, lebendige Verbindungen zu vielen anderen wesentlichen Lebensbereichen. Sie betreffen zwischenmenschliche Beziehungen, gemeinsames Handeln und gemeinsame Gefühle, und sie überschreiten damit den banalen Materialismus, der sich auf das eindimensionale Verständnis der Welt und des Lebens verkleinert. Wenn man dieses erforscht und erfährt, wie Dôgen häufig sagt, sind es wirklich wunderbare Kräfte, die sich durch die buddhistische Lehre und Übungspraxis im Leben zeigen und entfalten können. Diese können unser Leben in ungeahnter Weise wie von selbst und auf natürlich Weise umgestalten.

Die buddhistischen Kräfte sind zwar wunderbar aber gar nicht übernatürlich, denn das ganze Leben entspricht ja gerade den natürlichen Gesetz des Universums. Durch die buddhistische Praxis und Lehre werden sie nur wirksam und bestimmen unser Leben. So sagt Dôgen an anderer Stelle:

"Im verwirrten Zustand dreht sich die Blume des Dharma und im erwachten Zustand drehen wir die Blume des Dharma",

und er meint damit, dass wir die Schönheit und wunderbare Kraft dieser Welt vielleicht gar nicht wahrnehmen und erleben, und sich dann die Dharma-Blume unabhängig von uns für sich selbst bewegt und dreht. Dabei gibt sie uns überhaupt keine Kraft. Wenn wir umgekehrt durch die Lehre und Übungspraxis auf dem Weg des Buddha-Dharma die wunderbaren natürlichen Kräfte in uns entwickeln und befreien, sind wir selbst in der Lage, die Blume des Dharmas zu bewegen und zu drehen.

In der üblichen buddhistischen Vorstellung gibt es sechs wunderbare Kräfte, die häufig auch als übernatürliche Kräfte bezeichnet werden. Wir wollen diesen Ausdruck der Übernatürlichkeit jedoch vermeiden, da er zu dem Fehlschluss verführen kann, dass die Naturgesetze z. B. der Materie und materiellen Lebensphilosophie ganz außer Kraft gesetzt würden. Ein solcher Wunderglaube ist zwar auch im Buddhismus durchaus anzutreffen, Dôgen schätzt das aber nicht besonders. Häufig wird auch von den sechs mystischen Kräften gesprochen, die sich wie folgt gliedern:
1). Mystische Verwandlung; 2). Den Geist anderer lesen; 3). Übernatürliches Sehen; 4). Übernatürliches Hören; 5). Erinnerung an frühere Leben und 6). Die Kraft Übertreibungen zu beseitigen, wie die eigenen Leidenschaften und Befleckungen.
Dôgen bezeichnet das Tee-Trinken und Essen im Haus der Buddhas als wunderbare Kräfte, sie sind also gar nichts Mystisches und auch die Bezeichnung „übernatürlich“ trifft dies nicht. Auf der anderen Seite sind sie mit dem Verstand nicht erfassbar, denn sie sind die Wirklichkeit selbst und ob sie dem Handelnden bewusst sind oder nicht, spielt keine große Rolle. Die wunderbaren Kräfte, die durch die buddhistische Praxis und Lehre beim Menschen freigelegt werden, sind so wie sie sind, sie sind die Natur des Universums selbst, aber sie müssen befreit und entwickelt werden, damit sie sich entfalten und kräftigen können. Schon Shakyamuni Buddha sagte:

"Die wunderbaren Kräfte der Buddhas kann man nicht erfassen",

und damit meinte er durchaus die alltäglichen Handlungen und nicht zuletzt die Praxis des Zazen.
Dôgen gibt dann die Geschichte eines alten Meisters wieder, der sich gerade zum Schlafen gelegt hatte, als einer seiner Schüler eintrat und ihn bat, sich ihm zuzuwenden, da der Meister ihm den Rücken zuwandte. Der Meister erzählte daraufhin dem Schüler seinen Traum, den er gerade geträumt hatte, mit der Bitte diesen zu deuten, was der Schüler auch tat. Danach ging dieser aus dem Raum und holte eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch, so dass sich der Meister das Gesicht waschen konnte. Danach kam ein zweiter später ebenfalls berühmter Schüler herein und der Meister sagte zu ihm:

"Ich und der Schüler haben gerade eine wunderbare Kraft praktiziert, die noch eine Stufe über (den Kräften im Hinayana) steht“.

Der zweite Schüler fügte hinzu, dass er von nebenan alles mit angehört und verstanden habe und ging ebenfalls aus dem Raum, um für den Meister eine Schale Tee zu bereiten und ihm anzubieten. Der Meister freute sich sehr über diese Handlungen seiner Schüler, die diese selbständig und ohne dass er sie darum gebeten hatte, vollzogen, weil sie in der gegebenen Situation intuitiv spürten, was für den Meister gut war und was zu tun war. Der Meister lobte dies und sagte:

"Die Weisheit und die wunderbaren Kräfte meiner beiden Schüler überragen bei weitem die der großen Schüler von Gauthama Buddha".

Interessant ist es dabei, dass der Inhalt des vielleicht geheimnisvollen Traumes in der obigen Geschichte überhaupt keine Rolle spielt. Der Meister bringt vielmehr die wunderbaren Kräfte des tiefen Verständnisses zwischen zwei Menschen, hier also zwischen Meister und Schüler zum Ausdruck, die bewirken, dass die übliche Trennung zwischen den Menschen aufgehoben wird und dass sie intuitiv verstehen, was für den Anderen richtig ist. Wir sollten die Geschichte also nicht als selbstverständlich und banal abtun, sondern im Gegenteil mit Dôgen die dort wirksamen Kräfte, die mit dem einfachen unterscheidenden Verstand nicht erklärt werden können, erfassen und verinnerlichen. Das Handeln aus einem gemeinsamen Geist ist die wunderbare Kraft, um die es hier geht. Dazu bedarf es wie in diesem Fall keiner Worte, die eine dem anderen sagt, damit dieser weiß, was zu tun ist. Die Wunder und übernatürlichen Kräfte, die häufig als Kennzeichen einer starken Religion beschrieben werden, sind damit für Dôgen nur von untergeordneter Bedeutung. Ob man sich unsichtbar machen oder durch den Himmel fliegen kann, ob man durch Magie die Gedanken anderer lesen oder sogar steuern kann, usw., wird im Zen-Buddhismus wenig geschätzt, denn die eigentlichen Wunder ereignen sich im täglichen Leben, im Zusammenleben und gemeinsamen Handeln aus einem Geist und einem Sinn der Menschen.
Theoretiker und die Lehrer und Kommentatoren der Sûtra vertrauen solchen wunderbaren Kräften nicht, denn sie sind mit Worten, Konzepten, Interpretationen und Unterscheidungen beschäftigt. Sie kennen nach Dôgen nur die kleinen Kräfte der in den Schriften wiedergegebenen Magien, aber nicht die wirklich wunderbaren Kräfte des Universums und des Lebens. Dôgen führt hier die kleinen Kräfte auf, wie z. B. ein Haar, das den grenzenlosen Ozean verschlingt, oder ein Sesamkorn, das den großen Berg Sumero in sich enthält oder auch, wie eine mysteriöse Geschichte berichtet, das Wasser, das aus dem Oberkörper eines Menschen strömt oder auch das Feuer, das aus seinem Unterleib lodert. Die wirklichen wunderbaren Kräfte wirken je im Augenblick, man kann sie nicht dem „Ich“ eines Menschen oder einem getrennt gedachten anderen Menschen zuordnen. Die wunderbaren Kräfte offenbaren sich weder im Materiellen noch im Immateriellen allein, und durch diese Kräfte werden die Praxis, die Erfahrung und die Lehre aller Buddhas verwirklicht. Dies gilt vor allem im täglichen Leben, also bei sog. einfachen Tätigkeiten wie Wasser zu schöpfen, Feuerholz zu holen und Tee zu bereiten. Ohne diese wunderbaren Kräfte des Buddha-Dharma gibt es kein Erwachen, also keine erste und zweite Erleuchtung, keine Schulung, keine Wahrheit und kein Nirwana. Durch diese wunderbaren Kräfte kann man mit Dôgen sagen, dass ein Haar nicht nur den weiten Ozean verschlingt, sondern ihn vor allem bewahrt und beschützt, denn der Ozean ist die „grenzenlose Schatzkammer“ des Dharma und damit der Wirklichkeit.

Diese wunderbare Wirklichkeit wird von einem Laienschüler, der also im Beruf stand und eine Familie im sozialen Leben hatte, wie folgt ausgedrückt:

„Wasser holen und Brennholz tragen,
Welch wunderbare Kraft.
Und welch wunderbares Wirken.“

Wenn wir uns noch einmal vergegenwärtigen, was es bedeutet, Wasser zu holen, also zum Brunnen oder zum Fluss zu gehen, um dort das Wasser zu schöpfen und dann mit dem Eimer zurück zu gehen zu den anderen, zum Beispiel in die Küche, um dort das Essen zu bereiten oder Tee aufzugießen, so kommen wir nicht umhin, dieses als großartig und wunderbar zu erleben und zu beschreiben. Leider vollbringen wir viele alltägliche Handlungen überhaupt nicht in dem Bewusstsein, wie großartig sie sind, wie viele Menschen daran beteiligt sind und was alles bewirkt wurde, damit genau diese Handlung im Hier und Jetzt geschehen kann. Bei solcher Erkenntnis und Erfahrung kann in der Tat der Himmel und das Universum aufgehen und sich wunderbar verwirklichen. Ob man all dies mit dem unterscheidenden Verstand überhaupt erkennt, begreift und einschätzt, ist dabei gar nicht so wichtig. Wer dieses wunderbare Wirken und die wunderbaren Kräfte sieht und versteht wird „sicherlich die Wahrheit verwirklichen.“
Dôgen berichtet dann von einer anderen buddhistischen Geschichte, in der ein Meister seinen Schüler fragte:

„Was ist die wunderbare Kraft und das wunderbare Wirken von dir, dem Schüler?“

Dieser konnte auch nach Wiederholung der selben Frage durch den Meister nicht mit Worten antworten, weil dies der Frage ohnehin nicht gerecht geworden wäre. Statt dessen verneigte er sich ehrerbietig und ging dann seinen Aufgaben und Pflichten nach. Dies ist nämlich die eigentliche Bedeutung der wunderbaren Kräfte.

Es gibt Eremiten, die vermeintlich oder tatsächlich übernatürliche Kräfte besitzen, die den wunderbaren Kräften des Buddha scheinbar gleich kommen. Denn Dämonen und Götter haben auch übernatürliche Kräfte, wie es in den buddhistischen Geschichten erzählt wird. Sie sind aber keine Buddhas, sodass es wohl nicht ausschlaggebend sein kann, ob man solche übernatürlichen Kräfte besitzt oder nicht. Gerade Eremiten haben häufig keine sozialen intuitiven Kräfte, da sie viel zu sehr auf sich selbst konzentriert sind und ganz anders als die Buddhas, weil sie nämlich die reale Wirklichkeit ohne die Unterscheidung von Subjekt und Objekt überhaupt nicht erkennen. Das Wort übernatürliche Kraft, das vielleicht einen Eremiten kennzeichnet, bedeutet also keinesfalls das selbe wie die wunderbare Kraft eines Buddha.

Die sechs wunderbaren Kräfte der Buddhas können, nach Dôgen, also weder von Göttern noch von Dämonen wirklich erkannt werden. Diese Kräfte werden ganzheitlich im Buddhismus unmittelbar authentisch vom Lehrer auf den Schüler übertragen und können nur in begrenztem Umfang mit Worten beschrieben werden, lassen sich daher auch aus den Sûtra nicht erschöpfend erlernen.

Ein großer Zen-Meister sagte:

„Wenn (ein Mensch) jetzt in diesem Augenblick nicht von materiellen und ideellen Dingen ergriffen ist und wenn er jenseits davon ist, sich allein auf sein Wissen und sein Verstehen zu verlassen, nennen wir dies die wunderbaren Kräfte. Nicht an (der Idee) dieser wunderbaren Kräfte zu haften, heißt (darüber hinaus) jenseits der wunderbaren Kräfte zu sein.“

Diese wunderbaren Kräfte bewirken, dass unsere sechs Sinne klar werden und dass keine negativen Spuren durch falsches Handeln bei sich selbst oder anderen hinterlassen werden. Dies bedeutet, dass die Augen, die Ohren, die Nase und die Zunge nicht von Gier und Haben-Wollen, von Ablehnung, Hass und Ruhmsucht gesteuert werden sondern rein sind. Dies ist der ausgeglichene Körper und Geist des Buddhismus, von dem ein alter Meister sagte:

„Ich bin immer aufrichtig hier an diesem Ort.“

Die wunderbaren Kräfte sind also unauflösbar mit der Wahrheit Buddhas verbunden und können sich auf diese Weise entfalten.

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