Mittwoch, 12. November 2008

Die große buddhistische Praxis und das Gesetz von Ursache und Wirkung (Teil 2)

Klostehof von Tokei-in


Nishijima Roshi bemerkt in seinem Kommentar zu dieser Koan-Geschichte im Shinji-Shôbôgenzô, dass es nicht um die Frage der Wiedergeburt geht, sondern dass die Verwirklichung des Buddha-Dharma im Hier und Jetzt und das Handeln im Mittelpunkt stehen. Das Gesetz von Ursache und Wirkung sei der materialistisch und naturwissenschaftlich orientierten zweiten Lebensphilosophie zuzuordnen und basiert auf einen linearen Zeitablauf von der Vergangenheit zur Gegenwart und in die Zukunft. Dies entspricht unserer üblichen Zeitvorstellung.


Durch den direkten Kontakt zum wahren Meister Hyakujo verwirklichte der alte Mann genau im Augenblick die in diesem Kapitel beschriebene große Praxis, und dies war genau seine Verwandlung zu einem natürlichen und freien Zustand. Der Meister benutzte also keinesfalls magische Zauberformeln oder mysteriöse, übernatürliche Kräfte, um den alten Mann vom Körper eines Fuchses zu befreien und zur Wirklichkeit zu führen. Dies wird von Dôgen in seiner Erläuterung ausdrücklich betont. Die Worte des Meisters brachten den alten Mann zur Klarheit hier und jetzt, die er vorher, als er selbst gelehrt hatte, noch nicht besaß.


Dôgen verdeutlicht, dass es bei dieser Koan-Geschichte nicht um die Ebene der Worte geht und dass das Gesetz von Ursache und Wirkung hundertprozentig für die große Praxis gilt. Es ist aber auch richtig, dass eventuelle Widersprüche in der umfassenden Wirklichkeit des Hier und Jetzt überschritten werden. Eine theoretische Erörterung dieser beiden gegensätzlichen Aussagen verliert also jede Bedeutung, wenn der Augenblick der großen Praxis da ist.

In der obigen Koan-Geschichte wird ein zweiter wichtiger Punkt angesprochen, als der junge Obaku die theoretische Frage stellte, ob der alte Mann einen Fehler gemacht habe oder nicht, und was passiert wäre, wenn er in keinem Augenblick fehlerhaft gehandelt hätte. Er wird daraufhin gebeten, direkt zum Meister vorzutreten, und indem er dem Meister einen Klaps gibt, beantwortet er selbst durch das Handeln seine eigene spekulative theoretische Frage. Damit ist diese theoretische Frage ganz überflüssig geworden.

Der Klaps als direkte wirkliche Verbindung zwischen Meister und Schüler ist direktes Handeln im Hier und Jetzt und übersteigt die Ebene des Denkens, Redens und Spekulierens. Dieses Handeln ist die große Praxis. Der Meister ist trotz des Klapses nicht über seinen Schüler verärgert, sondern klatscht ganz im Gegenteil in die Hände und bricht in schallendes Gelächter aus. Damit bestätigt er, dass sein Schüler Obaku die große Praxis verwirklicht hat.

Der Meister sagt dann, dass der Bart eines konkreten Fremden rot ist. Dies ist eine spezifische Aussage zur Wirklichkeit. Sie kann auch verallgemeinert werden, dass nämlich ein roter Bart immer zu einem Fremden gehört. Nishijima Roshi erläutert dies so, dass der Meister das Handeln seines Schülers ganz direkt bestätigt, indem er das Gleichnis des roten Bartes, das in China allgemein gebräuchlich war, konkret verwendet. Dies ist in unserer westlichen Logik eine induktive Schlussfolgerung vom Speziellen zum Allgemeinen.


Der zweite Teil des Satzes des Meisters ist der logisch umgekehrte Weg der Ableitung einer konkreten Schlussfolgerung von einer allgemeinen Aussage. Dies ist eine Deduktion. Der Meister wolle damit seinem Schüler nahe legen, dass es in der Wirklichkeit des Lebens immer mehrere Alternativen gibt und dass man vom Konkreten zum Allgemeinen aber auch vom Allgemeinen zum Konkreten gehen kann und soll. Dies kann im Denken vollzogen und in Worte gefasst werden, um es zu kommunizieren. Dadurch dass Lehrer und Schüler gemäß diesem Koan gemeinsam die große Praxis verwirklicht haben, können sie in völliger Übereinstimmung handeln und sprechen. Dôgen schätzte diese Koan-Geschichte sehr.

In dem folgenden Text des Kapitels analysiert er tiefgründig die einzelnen Schritte und Sätze dieses Koans. Er warnt uns jedoch, dass wir derartigen alten Geschichten allzu gläubig lauschen und uns keine eigenen realistischen Gedanken dazu machen. Es sei zum Beispiel völlig unüblich, eine Begräbniszeremonie losgelöst von den tradierten Handlungen in einem buddhistischen Kloster zu vollziehen, und es sei darüber hinaus ausgesprochen seltsam, dass der Meister einem alten Mann eine doch recht spekulative Geschichte seiner Verwandlung in einen wilden Fuchs einfach und sofort glaubt.


Dôgen fragt zum Beispiel, ob es sich um fünfhundert Leben eines Menschen, also dieses alten Mannes und früheren Meisters, handelt oder um fünfhundert Leben eines wilden Fuchses. Er fragt weiterhin, wie es denn möglich sei, dass ein Fuchs überhaupt den wahren Meister erkennt und fügt hinzu, dass der Fuchs doch eigentlich nur seinen eigenen Geist erkennen kann.
Auf der konkretistischen Ebene dieses Koans gibt es also viele Fragen und Widersprüche und Dôgen bittet uns, diese nicht einfach beiseitezuschieben. Das Koan selbst sei die große Praxis. Der "stinkende Fellsack des wilden Fuchses" gleicht vielleicht auf diese Weise der berühmten Perle im Haarzopf, die als Gleichnis für den Reichtum und die Schönheit unseres Lebens in der Wirklichkeit verwendet wird.

Nach Nishijima Roshi ist dieses Kapitel eine großartige Zusammenfassung der wichtigen Elemente von Dôgens buddhistischer Lehre und enthält die vier Lebensphilosophien, nämlich der idealistischen und materialistischen Sichtweise, des Handelns und der großen Praxis der Wirklichkeit, die über Denken und sinnliche Wahrnehmung hinausgeht. Sowohl die Verwandlung des alten Mannes und Realisierung der großen Klarheit der Praxis, als auch das Handeln des jungen Mönches Obaku, der später selbst ein großer Meister wurde, sind genau diese Praxis im Augenblicks des Hier und Jetzt.


Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat seine Richtigkeit in der materialistischen und naturwissenschaftlichen Sichtweise, und dort ist es unbedingt zu einhundert Prozent gültig. Dies lehrte schon Gautama Buddha. Im Augenblick der großen Praxis gibt es keine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und daher fallen Ursache und Wirkung zusammen; und dies wird z. B. beim Zazen wirklich erfahren. Nach Nishijima Roshi ist es das Herzstück des Buddhismus, denn dieser ist nicht nur eine Lehre und Theorie, die sich an den verstandesmäßigen Geist wendet, sondern ist die Wirklichkeit im Hier und Jetzt selbst. Dadurch wird das Leiden überwunden, und im Gleichgewicht und Handeln gibt es die Freiheit für den Menschen.

Der alte Mann sagte, dass er auf diesem selben Berg vor langer, langer Zeit gelehrt hatte und seitdem im Körper des wilden Fuchses bzw. des alten Mannes bei der Dharma-Rede anwesend war. Dass es sich genau um denselben Berg handelt, ist jedoch nach Dôgen eine gedachte Abstraktion. Man kann die Frage, ob es sich um denselben Berg handeln würde oder nicht, sowohl mit Ja als auch mit Nein beantworten. Die Wirklichkeit gibt es aber nur im Augenblick, und dann spielt die zeitliche Identität des Berges keine Rolle.

Dôgen warnt uns, dass wir voreilig und unbedacht verbal behaupten, dass im Augenblick der großen Praxis das Gesetz von Ursache und Wirkung immer gilt oder ob es sozusagen im Augenblick der großen Praxis, in dem es keine lineare Zeit gibt, außer Kraft gesetzt ist. Diese Frage könne man theoretisch und intellektuell überhaupt nicht lösen, sondern sie erhält ihre Klarheit in der Praxis und Dôgen rät uns, "in der Praxis zu lernen."

Er erläutert, dass nicht alle Fehler automatisch dazu führen, dass man in den Körper eines wilden Fuchses fällt. Denn wenn dieses zuträfe, müssten in der Zeit der letzten dreihundert Jahre in China sehr viele Menschen als wilde Füchse herumlaufen. Er will sicher damit sagen, dass diese Koan-Geschichte einen großen Wert hat und die Wahrheit des Buddhismus sehr genau bezeichnet. Aber es gäbe in der damaligen Zeit viel schlimmere falsche Lehren von so genannten Meistern als diese Aussage des alten Mannes, dass etwas nicht unter das Gesetz von Ursache und Wirkung fällt.


Er warnt uns auch voreilig zu glauben, dass wir vorübergehend in den Körper eines wilden Fuchses fallen und dann nach der großen Erleuchtung diesen Körper wieder abstoßen und dann wunderbar "zur ursprünglichen Essenz zurückkehren." Dies sei eine Irrlehre, die nicht zum Buddhismus gehöre, wenn behauptet würde, dass wir zu unserem ursprünglichen Selbst zurückkehren, nachdem wir die große Erleuchtung erlangt haben. Er fragt dazu feinsinnig, ob es vielleicht die große Erleuchtung des wilden Fuchses sei oder die eines Menschen, der in den Körper des wilden Fuchses geschlüpft sei.

Am Ende dieses Kapitels bringt Dôgen in einem Gedicht seine hohe Wertschätzung für Meister Hyakoju und diese Koan-Geschichte zum Ausdruck:

"Hyakojus Worte durchdringen alle Richtungen,
doch er hat das Versteck des wilden Fuchses noch nicht verlassen.
Obakus Fersen berühren den Boden,
doch schien er auf dem Pfad der Gottesanbeterin (des Zweifels) fest zu sitzen.
Mit einem Klaps und dem Händeklatschen
gibt es (dann) einen, (und) nicht zwei (Menschen).
Die roten Bärte sind Fremde, und die Bärte der Fremden sind rot.
Damit sagt er also auch, dass sowohl die Meister Hyakoju als auch Obaku weit auf dem Weg des Buddha-Dharma vorangeschritten sind und dass es im Handeln eine Einheit zwischen den Menschen in der Wirklichkeit und dem Universum gibt. "

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