Sonntag, 17. Februar 2008

Die reine buddhistische Praxis bewahren und sie weitergeben (Teil 3)

Meister Dôgen sagt uns, dass Bodhidharma nicht nur die Sitzpraxis nach China brachte, sondern betont, dass die reine Praxis nur bewahrt und weiter gegeben werden kann, wenn sie auch die buddhistische Lehre und ein mitfühlendes Handeln gegenüber anderen Menschen selbst umfasst:
Übersetzung des Shôbôgenzo ins Spanische
"Wie könnte jemand, der ein Herz hat, die mitfühlende Güte (des Meisters) als etwas Unbedeutendes betrachten, und wie könnte jemand, der ein Herz hat, nicht darauf hoffen, seine Güte zu vergelten ... Bodhidharmas große Güte überragt sogar die unserer Eltern. Vergleicht also niemals die wohlwollende Liebe unseres Dharmavorfahren mit den Eltern für ihr Kind."


Damit werden unser moralisches Handeln gegenüber anderen Menschen und unser Verhalten ihnen gegenüber angesprochen. Nishijima Roshi betont, dass wir „kind“ und „soft“ im Umgang mit anderen sein sollten, auch wenn wir meinen, dass der andere im Unrecht ist. Dies bedeutet nicht, dass wir die Tatsachen und unsere Einschätzung nicht klar äußern sollen, sondern dass wir jeden harschen und aggressiven Stil vermeiden sollten. Leider ist dies bei einigen Vertretern des „harten“ Zen nicht immer der Fall. Dôgen hat sich hierzu in diesem Sinne im Shôbôgenzô im Kapitel über das soziale Handeln klar geäußert.
Die buddhistische Lehre muss von einem Meister auf den anderen übermittelt werden, damit der Buddha-Dharma lebendig bleibt und richtig verstanden, erfahren und gelebt wird. Die Zen-Meister sollten also menschlich nicht "verdorrten Bäumen und toter Asche" gleichen, sondern durch die freundliche und verständnisvolle Art im Umgang mit ihren Schülern und überhaupt mit allen Menschen den Kern der buddhistischen Lehre kraftvoll weiter geben.

Dôgen bedauert, dass Japan damals ein rückständiges Land war, in dem es solche Meister nicht gab, und in dem sowohl das Lesen der Sûtra-Texte als auch die Zazen Praxis unterentwickelt waren. Zweifellos hängt seine eigene Entscheidung, derart umfangreiche Schriften wie das Shôbôgenzô zu hinterlassen damit zusammen, dass er diese lebendige Tradition auch schriftlich klar fixieren wollte. Wir können uns in der Tat darüber freuen, dass diese Werke bis zum heutigen Tag authentisch erhalten sind und nunmehr sogar in westlichen Sprachen studiert werden können. Die Übertragungs-Linien von wahren lebenden Meistern dürfen dabei nicht vernachlässigt werden. Wie Nishijima Roshi betont, sind in neuerer Zeit vor allem Kodo Sawaki und Renpo Niwa zu nennen, die auch durch die Wirren der z. T. finsteren neueren Geschichte in Japan die wahre buddhistische Lehre durch ihr eigenes Leben und Handeln bewahrt und an uns übermittelt haben. Dôgen hielt es für wichtig, dass wir diese alten Meister von ganzem Herzen verehren, die durch ihr Wirken dafür gesorgt haben, dass der Buddha-Dharma überhaupt heute noch lebendig und authentisch ist. Er beklagte jedoch, dass so viele Menschen im damaligen Japan "blindlings die (kostbaren) Juwelen und die (wertvolle) Zeit vorübergehen ließen" und den großen Schatz der buddhistischen Lehre nicht erkannten und nicht annahmen. Er sagt:

"Wir leben in diesem abgelegenen Land und unser Körper und Leben sind derartig niedrig stehend. Wie könnten wir auch nur zögern, unsere armseligen Körper und unser Leben auf dem großen Weg zu verlieren, wenn wir die Gelegenheit hätten, den wahren Dharma des Tathâgata zu hören?"

Dôgen unterstreicht die außerordentliche Bedeutung von Bodhidharma, der als erster Meister einer authentischen Linie den wahren Dharma nach China brachte und die fühlenden Wesen erlöste. Er sagt wörtlich:

"Bevor der erste Vorfahre im Dharma (in China) aus dem Westen kam, hatten die Chinesen noch niemals einen Schüler des Buddha gesehen, bei dem der Dharma direkt von einem rechtmäßigen Nachfolger zum nächsten übertragen worden war."

Er vergleicht dies damit, dass die Udumbara-Blume erblühte, da dies außerordentlich selten vorkommt und sagt:

"Wer nicht den wahren Samen einer lang gereiften Weisheit hat, kann niemals der entfernte Nachkomme der Wahrheit, Vorfahren im Dharma sein."

Er warnt uns davor, dass wir uns an Formalitäten und äußere Begriffe klammern und damit die wahre Lehre verfehlen. In der Tat ist es letztlich unmöglich, einen Text aus früheren Zeiten richtig und vollständig zu verstehen, wenn es nicht eine lebendige Verbindung zu den Lebensumständen und dem Sinn gibt, in denen ein solcher Text verfasst wurde. Auf diesen Sachverhalt hat auch der moderne Philosoph Gadamer hingewiesen und damit zunächst unter Sprachwissenschaftlern eine erhebliche Kontroverse ausgelöst. Für Dôgen ist dieses Dilemma nur durch die Weitergabe der reinen Praxis zu lösen.
Für die Schüler ist es wichtig, dass sie sich nicht vom lebendigen Vortrag eines wahren Meisters abkoppeln und nur ihren eigenen Interpretationen und ihrem eigenen Verständnis folgen. Dies würde den notwendigen und auch angestrebten Lernprozess, der im Buddhismus immer ganzheitlich zu verstehen ist, erschweren oder unmöglich machen. Solche Schüler würden

"daher den wahren Dharma verfehlen. Sie lesen zwar die Sûtra und Kommentare, begreifen aber nicht deren tiefen Sinn."

Aus diesem Grund ist die direkte Weitergabe des Dharma so außerordentlich wichtig und sie darf in den verschiedenen Traditionen des Buddhismus auch nicht abreißen, sonst geschieht es leider, dass "die unwissende Mehrheit noch lange im Gestrüpp der Sûtra und Kommentare haften bleibt." Obgleich die Aufgabe von Bodhidharma in China so wirklich schwierig und entbehrungsreich war und er die lange gefährliche Seereise von Indien auf sich nahm, hat er sich dieser Verantwortung gestellt und damit den Keim für die großartige Entwicklung des Buddhismus in Ostasien gelegt.

Dôgen fordert uns auf, nicht in rein körperlicher Bequemlichkeit zu leben, sondern sich ganz der Aufgabe zu widmen, die Wahrheit zu erlangen und zu erwachen. Dabei habe es keine große Bedeutung, ob man intelligent sei oder nicht, sondern es kommt allein darauf an, selbst die klare Entscheidung zu treffen, die Wahrheit zu erlangen, sich auf den Buddhaweg zu begeben, die Lehre zu studieren, einen wahren Meister zu finden und nicht zuletzt Zazen zu praktizieren. Er unterstreicht dann, dass es für uns ein großes Glück bedeutet, der buddhistischen Lehre überhaupt begegnet zu sein und ihr zu folgen. In früheren Zeitaltern sei dies nicht möglich gewesen, weil das Genie Gautama Buddha die Lehre des Buddha-Dharma noch nicht entwickelt und weiter gegeben hatte. Dôgen sagt dazu:

"Daher gibt es einen Weg, um das unendliche Mitgefühl des großen Vorfahren im Dharma zu vergelten, nämlich einen Tag lang die reine Praxis zu bewahren."

Er erwähnt das beeindruckende Gleichnis, dass ein Dämon seine früheren Gebeine schlug, weil er zu Lebzeiten nicht die reine Praxis bewahrt hatte. Umgekehrt gibt es die Überlieferung, dass ein Gott sich vor seinem eigenen Skelett niederwarf, weil er dankbar war, dem Buddha-Dharma begegnet und der buddhistischen Praxis gefolgt zu sein. Dôgen sagt, dass es letztlich nicht von großer Bedeutung ist, ob man auf dem Weg Kälte und Hitze ertragen muss, ob die Nahrung üppig oder dürftig ist und ob man in eine reiche wohlhabende Gesellschaft oder Familie geboren wurde oder nicht. Er betont vielmehr:

"Fürchtet nur eines, nicht zu praktizieren. Nicht zu praktizieren zerstört den Menschen und die Wahrheit."

Er erzählt dann die Geschichte von Bodhidharmas erstem Nachfolger des Meister Taiso Eka: Dieser hatte von dem fremden Meister aus Indien gehört und nahm im Einvernehmen mit seinem damaligen Meister eine weite Wanderung auf sich, um den großen Gast kennen zu lernen und bei ihm den Buddha-Dharma zu studieren. Es wird berichtet, dass er dann durch tiefen Schnee und bei bitterer Kälte im Winter zur Höhle hinaufstieg, aber Bodhidharma ihn zunächst gar nicht beachtete, vermutlich, weil er seine Ernsthaftigkeit prüfen wollte. Bis dahin hatte dieser in der Tat in China noch keinen wirklichen Schüler kennengelernt und so war er wohl entsprechend vorsichtig. Es wird berichtet, dass Bodhidharma zu Eka folgendes sagte:

"Wie könnte jemand hoffen, das wahre Fahrzeug mit geringem Verdienst und beschränktem Wissen mit einem oberflächlichen und eitlen Geist zu finden? Alle Anstrengungen und Mühsalen wären nutzlos."

Dôgen nennt den zweiten Vorfahren im Dharma, Meister Eka, einen "wirklich starken Fels unter den Menschen und Göttern und einen großen Lehrer und Führer für die Götter und Menschen."


Er betont den Gegensatz zwischen der reinen Praxis und der Gier nach Ruhm, Ehre und persönlichem Gewinn und bedauert, dass man durch die Abhängigkeit von einer solchen Begierde den wahren Dharma verfehlt und dadurch ein unglückliches Leben führen muss. Durch ein solches unseliges Streben werde man dazu verführt, Unrechtes zu tun und Vergeltung zu üben. Sicher verkennt Dôgen nicht, dass dies häufig in der Welt vorkommt und er selbst hatte bekanntlich bei seinen ersten Begegnungen in China einige böse Erfahrungen durchzustehen, weil etablierte Rollenträger im damaligen chinesischen Buddhismus neidisch auf ihn waren und ihm sogar nach dem Leben trachteten.
Dôgen geht im Folgenden auf die Beziehung der alten großen Meister zu Kaisern, Königen und Ministern ein und lobt die Standhaftigkeit der Meister, weil sie nicht durch die Geschenke und Ehrungen der herrschenden Klasse in Abhängigkeit gerieten. Er führt mehrere Beispiele an, bei denen teure Geschenke und Ehrentitel ausgeschlagen wurden oder auch scheinbar sehr wichtige Einladungen des Kaisers in seinen Palast dankend abgelehnt wurden. Auf diese Weise konnten sie die eigene Unabhängigkeit auf dem Buddha-Weg bewahren. In der damaligen Zeit setzten sie damit ihr eigenes Leben aufs Spiel, da die Herrscher ein solches Verhalten überhaupt nicht gewohnt waren und es leicht als Missachtung ihrer eigenen Ehre einstuften.

Er erwähnt den Zenmeister Dai-i, der die reine Praxis dadurch bewahrte, dass er weder mit Königen noch mit Ministern vertraulichen Umgang pflegte. Er lehrte u. a. , dass die Dinge und Phänomene dieser Welt nicht mystifiziert werden sollten, sondern dass sie nur als natürliche Dinge und Phänomene zu betrachten seien. Daher seien Gold und Silber oder andere wertvolle Gegenstände nur etwas Materielles, von denen man sich nicht abhängig machen dürfe. Dadurch wurde die reine Praxis bewahrt.
Dôgen bestätigt, dass solche herausragenden Meister und Menschen immer wichtige Schüler anziehen, obgleich sie sich selbst gar nicht darum bemühen und keine Werbung für sich machen. Die Schüler kommen auf der Suche nach der buddhistischen Wahrheit aus freier Entscheidung zu ihnen. Dies sei zum Beispiel typisch für die beiden großen Meister Seppo und Gensa, die in den vielen Koan-Geschichten erwähnt werden, und deren Gespräche eine große pädagogische Kraft entfaltet haben und immer noch entfalten. Er spricht in gleicher Weise von Zenmeister Isan, der sich eine Stroh-Hütte in einem weit abgelegenen Gebiet des Gebirges baute und dort praktizierte. Er sagt dazu:

"Obwohl es dort kein Klostergebäude und keine Vorräte gab, verwirklichte und bewahrte er vierzig Jahre lang die reine Praxis. Als das Kloster später im ganzen Land berühmt wurde, sammelten sich dort hervorragende Schüler."

Er zitiert dann einen anderen großen Meister, der sich von Spenden und Zuwendungen vollständig unabhängig gemacht und entschieden hatte, dass die Vorräte der Nahrungsmittel in 365 gleiche Teile für das ganze Jahr aufgeteilt wurden und dass an jedem Tag nur ein entsprechender Anteil für das tägliche Essen zur Verfügung stand. Wie umfangreich das Essen ausfiel, war also davon abhängig, wie viele Mitglieder das Kloster jeweils hatte. Bei einer großen Anzahl gab es für die Einzelnen nicht viel zu essen. Er sagte:

"Es mangelt uns nicht an der Schönheit der Landschaft, die Blumen wissen zu lachen und die Vögel zu singen ... Wenn der Frühlingswind einsetzt, singen verdorrte Bäume Drachenlieder."

Er verdeutlichte so, dass es viele Schönheiten und positive Bereiche in dieser Welt gibt und dass man sich frei und glücklich schätzen kann, auch wenn man nicht über materiellen Reichtum verfügt und davon abhängig ist.
Dôgen berichtet von verschiedenen Meistern und Schülern, die ihr Leben lang das Kloster nicht verließen, dort lebten und nicht in ihre frühere Heimat zu ihren Familien und ehemaligen Freunden gingen, um diese zu besuchen. Er verdeutlicht, dass sonst vielleicht die Gefahr bestünde, dass sie von der reinen Praxis abweichen und irritiert würden, weil sie dort an ihr früheres Leben anknüpfen und in frühere Fehler und Unklarheiten zurückfallen würden. Dies gilt zum Beispiel für den großen Meister Baso, der den bekannten Satz geprägt hat:

"Der Geist hier und jetzt ist Buddha."

Damit ist gemeint, dass der Geist nicht etwas außerhalb von Raum und Zeit ist, sondern ganz im Gegenteil, konkret in der Gegenwart an diesem Ort im Kloster verwirklicht wird. Deswegen sei es nicht erforderlich überall im Land herumzuwandern oder Orte des früheren Lebens aufzusuchen. Dort gäbe es nichts Neues und Wichtiges, sondern es besteht im Gegenteil die Gefahr besteht, dass man von seiner buddhistischen Praxis abweicht und in frühere Verhaltensweisen zurückfällt.
Dôgen regt an, sich mit der Frage zu befassen, was der Satz bedeutet: "Nicht nach Hause zurückkehren." Sicher will er damit andeuten, dass das wirkliche Zuhause dort ist, wo man den Dharma praktiziert und bewahrt und nicht wo man vielleicht zufällig geboren wurde und aufgewachsen ist. Er gibt hierzu selbst keine eigenen Antworten, sondern will uns anregen, dass wir uns selbst diese Frage stellen, sie vertieft untersuchen, sie durchdenken und treffende Antworten finden.
Dôgen rühmt seinen eigenen Meister Tendo Nyojô, der ein Purpurgewand des Kaisers und den Titel eines Meisters freundlich dankend ablehnte und sich so seine Unabhängigkeit bewahrte. Dôgen sagt dazu:

"Dies war wahrhaftig das Bewahren der reinen Praxis. Weshalb? Weil die Sucht nach Ruhm und Ansehen schlimmer ist, als die Gebote zu brechen. Die Gebote zu brechen ist ein Unrecht des Augenblicks, aber die Sucht nach Ruhm und Ansehen ist ein lebenslanges schlechtes Verhalten."

Dies ist in der Tat ein außerordentlich wichtiges Zitat und es macht deutlich, dass Unrechtes zu tun, zwar falsches Handeln im Augenblick ist und daher auch geändert werden sollte. Die Freiheit, nichts Unrechtes zu tun und das Rechte im Tun zu verwirklichen, ist im Buddhismus von zentraler Bedeutung. Dies ist eine Frage des Augenblicks. Das Streben nach Vorteil, Ruhm und Gewinn hält jedoch meist das ganze Leben an und steuert das Denken und Handeln der betroffenen Menschen. Es kann nur sehr viel schwerer geändert werden. Man muss es loszulassen und vergessen, damit das Unrechte und Falsche durch das Handeln im Augenblick abgeschüttelt wird, denn im nächsten Augenblick können wir im Einklang mit der Moral des Universums handeln.
Dôgen zitiert als Gegensatz zum oben Gesagten einen leitenden Mönch eines Kloster, den er während seiner Reise in China kennenlernte, der die reine Praxis leider nicht bewahrte sondern ganz anders handelte und den Buddha-Dharma falsch lehrte. Dasselbe galt für die Mönche jenes Klosters, von denen Dôgen sagt:

"Sie waren nur darauf aus, offizielle Gäste zu treffen und ihnen den Hof zu machen, (der leitende) Mönch hatte nicht die geringste Ahnung vom Wesentlichen des Buddha-Dharma, er war nur süchtig nach Ruhm und Gewinn."

Dôgen betont, dass man die Mönche und Schüler auf dem Buddhaweg nicht allein lassen darf, um sich nur den materiellen Einnahmen und scheinbar wichtigen Kontakten zu widmen. Dies sei genau das Gegenteil von der reinen Praxis. Am Ende dieses Kapitels zitiert er noch einmal seinen eigenen Meister:

"Seit meinem neunzehnten Lebensjahr habe ich viele Klöster in allen Regionen Chinas besucht, aber es gab keinen Meister, der die anderen Menschen lehren konnte."

Dies macht deutlich, dass bereits im dreizehnten Jahrhundert der Buddhismus in China an Kraft verloren hatte und im Niedergang begriffen war. Dôgen sagt, dass allein sein eigener Lehrer Tendo Nyojô die wahre Praxis der alten Meister bewahrt und weiter gegeben hat. Er verstand sicher seine eigene Aufgabe so, dass er den wahren Buddhismus nach Japan bringen sollte und damit die Weitergabe bis zum heutigen Tag ermöglichte.
Dôgen beendet dieses spannende und aussagekräftige Kapitel mit folgendem Zitat:

"Ob ihr ein großer oder kleiner Eremit, ein ganzer oder ein halber Mensch seid, ich rate euch unbedingt, die zehntausend Dinge und Angelegenheiten loszulassen und wie die Buddhas und Vorfahren im Dharma die reine Praxis zu bewahren.“

Sonntag, 3. Februar 2008

Start des Dharma Gesprächskreises Berlin am 28.03.2008

Einführung in Dogens Shôbôgenzô

Mario Trinkhaus und ich werden in diesem Jahr einen Gesprächskreis zu zentralen Themen von Meister Dogens großartigem Werk „Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“ (Shôbôgenzô) starten.
Ich möchte versuchen, bei den jeweiligen Einführungen die oft schwierigen aber äußerst wertvollen Texte verständlich zu erläutern. Dabei sollen neben dem Quellenwerk des Kristkeitz-Verlages auch die im Internet veröffentliche Texte des Blog verwendet werden. Dadurch kann man sich sicher ganz gut vorbereiten. Dies soll dann die Grundlage für eine offene Diskussion mit möglichst vielen Fragen sein.
Für Fortgeschritten und Einsteiger geeignet!

Folgende Termine und Themen gibt es 2008:

28.03 Streben nach der Wahrheit und inneren Freiheit, (Kap. Bendôwa)

16.05. Was ist der umfassende Geist bei Meister Dogen? (Kap. Shin fukatoku u. Soko shin ze butsu)

27.06. Verwirklichung und Gleichgewicht in dieser Welt, (Kap. Genjôkôan)

29. 08 . Dogens Sein-Zeit in unserem jetzigen Leben, (Kap. Uji)

31.10 Das Geheimnis der Buddha-Natur, (Kap. Busshô)

Darüber hinaus sind auch Einzelgespräche möglich.

Antai-an
Raum des Friedens
Veitstraße 44
13507 Berlin-Tegel
bei
Mario Trinkhaus
Tel.: 434 02 838
Mail: info@matri.de

Bitte hier für weitere Informationen anklicken.

Yudo J. Seggelke

Freitag, 1. Februar 2008

Die reine buddhistische Praxis bewahren und sie weitergeben (Teil 2)

„Das Bewahren der reinen Praxis“ und deren Weitergabe an die Schüler und Nachfolger wird von Meister Dôgen im Kapitel 30 (Gyoji) behandelt, das in der großen Ausgabe des Shôbôgenzô aus zwei Teilen besteht und das längste und umfangreichste Kapitel ist.

Nishijima Roshi beim Vortrag
Es ist zwar theoretisch nicht so anspruchsvoll wie die großen Grundlagenkapitel, z. B. „Das verwirklichte Universum“ (Genjô Kôan), „Die Sein-Zeit“ (Uji), „Das Sutra der Berge und
Wasser“ (Sansui gyô) oder „Die Buddhanatur „(Busshô).
Aber es handelt sich um außerordentlich kraftvolle und wichtige Aussagen, die auch für den praktischen Weg des Buddha-Dharma eine große Motivationskraft und Leitbild-Funktion haben. In diesem Kapitel wird Wesentliches zur Geschichte des Buddhismus in Indien und China zusammengefasst, und anhand der historischen Beschreibungen bekommen wir einen lebendigen Einblick in das Leben und die Lehren der großen Meister.
Dôgen legt dabei den größten Wert auf eine umfassende Darstellung, die nicht nur die Lehre und Theorie umfasst, sondern vor allem auch das wirkliche Handeln, also die reine Praxis und deren authentische Weitergabe an die Nachfolger, die den wahren Buddha-Dharma oder wie Dôgen es nennt, "die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges" mit großer Verantwortung für das Echte weitergeben. Dôgen lehnt sowohl die Überbetonung der Theorie und Lehre als auch eine einseitige Zen-Praxis bestimmter Schulen ab, denn auch die bisweilen zu beobachtende Theorie-Feindlichkeit einiger „Zen-Buddhisten“ führt nicht weiter. Beides gehört unbedingt zusammen.
Ohne tief greifende Kenntnisse der buddhistischen Lehre ist es außerordentlich schwierig, den wahren Buddhismus zu erlernen, sodass Meister Dôgen auch eine zu einseitige Koan-Praxis nicht für fruchtbar hält. Bekanntlich reiste er suchend und hoffend nach China, obgleich die Koan-Praxis bereits in Japan angekommen war, um dort den umfassenden Buddha-Dharma kennenzulernen, zu studieren und zu erfahren.

Dôgen hält die Zazen-Praxis des Shikantaza für unverzichtbar auf dem Buddhaweg, und diese reine Praxis war in seiner Zeit zunächst in Japan unbekannt. Es ist sein großes Verdienst, dass er sie bei seinem eigenen Meister Tendô Nyojô von Grund auf erlernte und diese Praxis dann in Japan einführte und z. B. die erste große Zazen-Halle für Shikantaza errichtete. Er verwendet dafür kräftige und poetische Formulierungen:

"Zazen ist das Tor des Friedens und der Freude zum Buddha-Dharma" oder "beim Zazen lässt man Körper und Geist fallen" aber auch "beim Zazen durchstößt man den Himmel."
Es ist unbestritten, dass es zunächst einiger Willenskraft bedarf, um täglich Zazen zu praktizieren, und nicht nur wenn man an einer Sesshin teilnimmt, dort in der Gruppe zusammen sitzt und ein Lehrer oder Meister die Leitung innehat und motiviert. Auch Nishijima Roshi hält die tägliche Praxis für unverzichtbar und empfiehlt uns dringend, zweimal am Tag Zazen zu praktizieren. Nur dann könne man den Zustand des inneren und äußeren Gleichgewichts in seinem Alltag aufrechterhalten, an der kosmischen Kraft von Ruhe und Gelassenheit teilhaben und mit richtigen intuitiven Entscheidungen schnell und ungehindert handeln.
Am Anfang des zweiten Teils dieses Kapitels beschäftigt sich Dôgen ausführlich mit Meister Bodhidharma, der aus Süd-Indien kommend nach China ging, dort die reine Praxis lehrte und an seinen Nachfolger weitergab. Er sagt dazu:

"Bodhidharma kam in ein unbekanntes Land: Gewöhnliche Menschen, die an ihrem Körper und an ihrem Leben hängen, könnten nicht mal einen solchen Gedanken fassen. Es muss allein das Bewahren der reinen Praxis und das daraus entstandene große Mitgefühl gewesen sein, die Bodhidharma veranlasste, den Dharma (in China) weiterzugeben, um alle fühlenden Wesen von ihren Täuschungen zu erlösen."

Nach Dôgens Verständnis gab es damals in China eine verwirrende Diskussion über theoretische Fragen und Probleme des Buddhismus, obgleich umfangreiche Übersetzungen der Sanskrit-Texte ins Chinesische bereits geleistet worden waren. Es mangelte jedoch an der umfassenden Praxis von Körper und Geist, und vor allem war die Zazen-Praxis in China noch unbekannt. Daher war der Buddhismus theorie-lastig und in rituelle Formen eingezwängt, die zwar eigentlich den buddhistischen Sinn vermitteln sollten, die aber häufig durch ihre erstarrte Form genau das Gegenteil erzeugten. Dôgen fährt dann fort:

"Dies war so, weil das Universum der zehn Richtungen die wahre Wirklichkeit ist. Dies war so, weil (Bodhidharma) selbst das große Universum der zehn Richtungen war und weil das ganze Universum der zehn Richtungen das ganze Universum der zehn Richtungen ist."

Hier wird also die wahre buddhistische Lehre und Praxis mit der Wirklichkeit in der Welt und im Universum gleichgesetzt. Buddhismus kann daher auf keinen Fall spekulative Philosophie sein, so interessant und beeindruckend derartige Glasperlenspiele des Verstandes auch sein mögen. Aber häufig führen sie von der Wirklichkeit fort, und wer sich darin verliert und verstrickt, wird nach Gautama Buddha leiden müssen, weil er sich aus den Verstrickungen und Verfilzungen der Täuschungen nicht mehr lösen kann. Der Verstand wirkt also für psychisches Leiden oft wie eine Sackgasse, aus der man sich oft allein nicht befreien kann. Wer will in seiner psychischen Entwicklung schon ohne Notwendigkeit zurückgehen, um an eine frühere Stelle zu gelangen, wo sich die bessere und richtige Alternative eröffnet und wo dann auch ein neuer Lernprozess auf uns wartet? Dies ist für die meisten nicht einfach! Aber "Zen-Geist“ ist „Anfänger-Geist", wie der berühmte Titel des großen Meisters Shunryu Suzuki lautet.

Bodhidharma war der Erbe und Thron-Nachfolger eines großen und reichen Königreiches in Südindien und entschloss sich dessen ungeachtet die lange, gefährliche und aufwendige Reise nach China zu unternehmen, wie ihm dies sein eigener buddhistischer Lehrer geraten hatte. Es wird berichtet, dass er ein verhältnismäßig großes Schiff mit vielen Mönchen zur Verfügung hatte, um nach China zu reisen, eine damals sehr ungewöhnliche und auch gefährliche Fahrt über viele Tausende von Seemeilen bis zum nördlichen China. Er landete im Jahre 523 in einem Hafen nicht weit von Shanghai entfernt und wurde dort vom zuständigen Gouverneur in aller Form empfangen. Dieser meldete dem Kaiser Bu (oft auch Wu genannt) die Ankunft des Meisters, und da sich dieser außerordentlich stark im Buddhismus engagiert hatte, heißt es, dass er hochbeglückt war und Bodhidharma einen Boten als Geleit entgegen sandte.
Dôgen beschreibt dann im Einzelnen das berühmte Gespräch zwischen dem indischen Meister und Kaiser Bu: Dieser fragte:

"Seit ich den Thron bestieg, kann niemand die Klöster zählen, die ich errichten, die Sutra, die ich kopieren, und die Menschen, die ich Priester werden ließ. Welche Verdienste habe ich damit gewonnen?"
Bodhidharma
antwortete mutig und kurz in seiner ehrlichen Art: "Nicht das geringste Verdienst."
Der Kaiser war natürlich verblüfft und fragte weiter:

"Weshalb sind damit keine Verdienste gewonnen?"

Wir können annehmen, dass der Kaiser damals an eine recht vereinfachte Form der Karma-Lehre glaubte, dass man nämlich durch gute Taten besonders gutes Karma anhäufen kann, sodass man eine ausgezeichnete Wiedergeburt im nächsten Leben erlangt oder vielleicht sogar schon direkt ins Nirwana eingehen kann. Der Meister sagte aber unverblümt:

"All dies sind nur die unbedeutenden Resultate der Menschen und Götter, die das Überflüssige erzeugen. Sie sind wie Schatten, die den Erscheinungen folgen. Obwohl sie existieren, sind sie nicht wirklich."

Dieses Gespräch zeigt, dass sich hier zwei bedeutende Menschen ihrer Zeit begegnen, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen denken, handeln und reden. Bodhidharma stammte aus einem reichen Königshaus, das dem Kaiser Bu sicher durchaus ebenbürtig war, wenn man überhaupt einen solchen Vergleich heranziehen will. Aber er hatte die Welt des äußeren Glanzes, der Macht und des Reichtums verlassen und kam als einfacher Buddhist an den Hof des chinesischen Kaisers. Er wollte dort den wahren Buddhismus und die reine Praxis lehren und hatte die lange und beschwerliche Reise sicher nicht auf sich genommen, um sich bei Kaiser Bu in einen spekulativen Small Talk einzulassen. Dieser ließ jedoch nicht locker und war sicher ein gebildeter Mann, sodass er weiter fragte:

"Was ist wahres Verdienst?" Bodhidharma antwortete:
"Die reine Weisheit, die wunderbar und vollkommen ist. Ein Körper, der aus sich selbst heraus leer und ruhig ist. Ein solches Verdienst ist jenseits dieser (materiellen) Welt."

Sicher konnte Kaiser Bu mit diesen Aussagen überhaupt nichts anfangen und musste seinen ersten Anlauf für ein interessantes und anregendes Gespräch mit dem großen Meister aus Indien wohl abschreiben. Aber er setzte ein zweites Mal an und fragte:

"Welche ist die höchste aller heiligen Wahrheiten?" Bodhidharma antwortete:
"Sie ist strahlend, offenkundig und nicht heilig."

Er wollte sicher damit ausdrücken, dass der Buddhismus die Wirklichkeit selbst ist, während der Zusatz "heilig" von den Menschen vergeben wird und eine Idee ist, die das Wesentliche der Wirklichkeit oft verschleiert und zu schwärmerischen Idealisierungen führt.
Kaiser Bu versuchte es noch ein drittes Mal und fragte:

"Wer (aber) ist der Mensch, der vor mir steht?", und der Meister antwortete:
"Ich weiß es nicht."
Dôgen
schließt dieses Gespräch in seinen eigenen Worten ab:

"Der Kaiser konnte (das Ganze) nicht verstehen und der Meister wusste, dass die Zeit noch nicht reif war."

Dieses berühmte Gespräch wirft ein helles Licht auf den Buddhismus des Jahres 523 in China, bevor Bodhidharma dort die reine Praxis lehren konnte. Es waren zwar bereits sehr umfangreiche Übersetzungsarbeiten geleistet worden und es gab viele Klöster mit Mönchen und Äbten, die übrigens damals vom Kaiser selbst eingesetzt wurden. Der Kaiser Bu war sicher an der buddhistischen Lehre sehr interessiert, hatte eine erhebliche Vorfreude auf die Begegnung mit dem großen indischen Meister gehabt, aber das Gespräch ging dann gründlich daneben. Bodhidharma hat dabei außerordentlich großen Mut bewiesen, überhaupt vor Kaisers Thron offen und unmissverständlich zu reden, obgleich dies dem Kaiser sicher überhaupt nicht gefallen konnte und dieser es sicher nicht gewohnt war, ein offenes Gespräch zu führen. Er war wohl hauptsächlich von Schmeichlern und Ja-Sagern umgeben, denen ihre eigene Karriere und ihr eigenes Leben wichtiger waren als ein direkter ehrlicher Dialog.

Es wird berichtet, dass Meister Bodhidharma dann heimlich den Kaiserhof und die Hauptstadt verließ, sicher auch, weil er um sein Leben fürchten musste. Er wanderte dann weiter in nördliche Richtung in das Reich der Wei-Dynastie und fand im Kloster Shorin Unterkunft, wo er seine Zazen-Praxis unbeirrt, ruhig und kraftvoll fortsetzte.
Es wird berichtet, dass er verleumdet wurde, und dass man ihm nach dem Leben trachtete und ihn vergiften wollte. Dôgen führt hierbei einen Übersetzer indischer Herkunft als potentiellen Mörder an, der etwa zwanzig Jahre früher nach China gekommen war und der offensichtlich fürchtete, dass Bodhidharma seinen Ruhm schmälern könnte. Vielleicht würde er sogar auf Übersetzungsfehler aufmerksam machen Dieser Übersetzer hatte auch nicht die Dharmaübertragung erhalten und war daher selbst kein Meister in einer authentischen Übertragungslinie wie Bodhidharma. Wie einseitige Theorie-Lehrer des Buddhismus können Übersetzer zwar durch ihre Sprachkenntnisse eine Übertragung in eine fremde Sprache leisten, aber wenn sie nicht Teil der reinen Praxis sind, muss ihnen der wahre Inhalt verborgen bleiben. Damit wird auch sicher ein mögliches Problem des Westens bei buddhistischen Übersetzungen angesprochen. Es ist verständlich, dass die Übersetzer dann fürchten müssen, ihr Ansehen und ihren Ruhm zu verlieren, wenn sie in Konkurrenz zu einem echten Meister stehen.

Dôgen führt außerdem einen chinesischen „Lehrer der Gebote“ als weiteren potentiellen Mörder von Bodhidharma an, denn auch dieser soll versucht haben, ihn zu vergiften und damit auszuschalten. Wir können daraus schließen, dass sich damals in China bereits ein umfangreiches Regelwerk mit vielen Geboten und Festlegungen entwickelt hatte und dass es erhebliche formale Vorschriften für Abläufe und Verhaltensweisen gab, die für die Mönche bindend waren und bei Verletzung schwere Strafen nach sich zogen. Ein Spezialist auf diesem Gebiet der formalen Gebote muss sicher ebenfalls den wahren Meister fürchten, weil er die Gebote und Texte für das buddhistischen Verhalten zwar überwacht, aber deren tiefen Sinn und Moral in seinem eigenen Leben und Beruf überhaupt nicht verwirklichen kann.
Auch hier drängt sich ein Vergleich mit der Gegenwart auf: Manche verwechseln formale Vorschriften des Zen-Buddhismus und auch anderer buddhistische Traditionen mit dem wirklichen Inhalt des Buddha-Dharma. Derartige Gebote haben sicher die Funktion, den Buddhaweg zu stützen und der Lehre eine äußere Form zu geben. Aber sie sind in Gefahr, sich zu verselbstständigen und nicht zuletzt dazu benutzt zu werden, um andere bei Regelverstößen zu erwischen, um sie dann bloßzustellen und möglichst auch zu bestrafen.
Nach Dôgen kann es keinen Gegensatz von Form und Inhalt geben, sodass das buddhistische Handeln mit Verständnis, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Sanftheit maßgeblich ist und in seiner Bedeutung wesentlich höher eingestuft werden muss als formale Vorschriften und deren Beachtung. Der Buddhismus ist positiv, lebensbejahend, friedlich und wirklichkeitsbezogen, wie Nishijima Roshi immer wieder betont, und dies darf auch nicht bei Formvorschriften und Regeln für das richtige Verhalten beiseite gelassen werden.

Ein wahrer Meister wie Bodhidharma musste sich also leider den Verleumdungen des Übersetzers und des Gebote-Lehrers aussetzen und sogar um sein Leben fürchten, weil beide Rollenträger einen wahren Meister als gefährlichen Konkurrenten einstuften, den sie unbedingt auszuschalten wollten. Es wird berichtet, dass Bodhidharma sich auf derartige Konkurrenzkämpfe überhaupt nicht einließ, sondern die beiden Herren zwar freundlich behandelte, aber gab sich keinen Illusionen hin, was diese im Schilde führten. So setzte er unbeeindruckt seine Zazen-Praxis fort, weil er wusste, dass es von größter Bedeutung war, sein eigenes inneres und äußeres Gleichgewicht zu behalten, um überhaupt den wahren Dharma und die reine Praxis in China lehren zu können.

Meister Dôgen betont dann die außerordentlich große Bedeutung der Arbeit von Bodhidharma in China und äußert seine tiefe Dankbarkeit, denn ohne diesen wäre die buddhistische Praxis überhaupt nicht nach Ostasien gekommen und hätte auch ihn selbst nicht erreicht. Er sagt:

"Wenn der erste Vorfahre im Dharma (in China) nicht vom Westen gekommen wäre, wie hätten die Menschen der Länder im Osten den authentischen Buddha-Dharma sonst sehen und hören können? Sie hätten sich nur nutzlos mit den Namen und Formen von Sandkörnern und Steinen befasst. Jetzt können sogar (die Menschen) in unserem weit abgelegenen Land (Japan), die sich in Felle kleiden und Hörner auf dem Kopf tragen, den wahren Dharma hören ... Dass wir alle erlöst wurden, ist einzig dem Bewahren der reinen Praxis unseres großen Vorfahren zu verdanken, der den Ozean überquerte."
Er sagte weiter:
"(China) war nicht der Ort, wohin ein großer Heiliger, der den Schatz des Dharma empfangen und bewahrt hatte, gehen würde, es sei denn, er besäße die Kraft großer Beharrlichkeit und unendlicher Güte."

Dôgen lehnt dann wieder den Begriff "Zen"als Unterscheidung von einem "anderen Buddhismus" ab, da es sich hierbei nicht um eine buddhistische Schule handelt, wie er überhaupt die Aufsplitterung in verschiedene Schulen grundsätzlich ablehnte und vor den Folgen der gegenseitigen Abgrenzung und Ideologisierung warnte. Für ihn gab es nur einen einzigen Buddha-Dharma, nämlich die
„Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, die authentisch von einem Buddha zum anderen und von einem Nachfolger zum nächsten übertragen worden ist."

Ohne Meister Bodhidharma wäre der wahre Buddhismus nicht in Ostasien, also in China, Korea und Japan, angekommen und hätte auch uns im Westen nicht von dort erreicht.

Montag, 28. Januar 2008

Die reine buddhistische Praxis bewahren und sie weitergeben (Teil 1)

Meister Dôgen schildert in diesem großartigen Kapitel (Kap. 30, Gyoji) das Leben und die buddhistische Praxis vieler großer Meister in China und Indien, die er auch häufig ewige Buddhas nennt.

Im Buddha-Dharma ist die Einheit von praktischem Handeln der Übungspraxis vor allem des Zazen, und der Lehre von zentraler Bedeutung. Ganz wichtig ist auch die lebendige Übertragung vom Meister auf den Schüler, der dann selbst Meister wird. Geschriebene Texte allein können die volle Wirklichkeit des Dharma nicht übermitteln, und dies besonders für die moralisch reine Lebensweise im Tun und Handeln. Die Geschichte der meisten Religionen ist voll von Angriffs- und Eroberungskriegen, mit der Verfolgung andersgläubiger Minderheiten und der dogmatischen Verhärtungen, die oft in krassem Gegensatz zum wahren Sinn der Religionen steht. Wie kann sich eine solcher Verkehrung und Dogmatisierung überhaupt entwickeln? Aus den heiligen Büchern der großen Religionen kann man das wirklich nicht entnehmen und trotzdem werden deren Lehren so häufig für Unmenschlichkeit und Brutalitäten missbraucht.

Dieses muss seine Ursachen darin haben, dass der Sinn der Lehre und das praktische Handeln der Menschen weit auseinanderklaffen, ohne dass sich die Akteure wirklich bewusst sind, warum sie nicht nach der reinen Lehre ihrer Religion handeln. Gautama Buddha und die großen Meister in Indien und China legten daher ein so großes Gewicht auf die Einheit mit dem praktischen Handeln im Hier und Jetzt und Meister Dôgen sagt in diesem Kapitel verkürzt, dass das Bewahren und die Weitergabe der reinen Praxis unbedingt notwendig ist für den wahren Buddhismus.

In den oft ergreifenden Lebensgeschichten der großen Meister legt Dôgen den Finger in die Wunde, wenn Theorie und Praxis voneinander abweichen oder sogar im Gegensatz zueinander stehen. Er rät uns, dass uns selbst wir mit großer Sorgfalt beobachten, um zu erkennen, nach welchen Motiven wir wirklich handeln und denken. Er warnt immer wieder davor, dass die Gier nach Ruhm, Macht und Profit zum wesentlichen Motor unseres Lebens wird und weist darauf hin, dass wir das eigene Selbst oft nicht einmal in Umrissen wahrnehmen. Eine wesentliche Ursache ist die dualistische Trennung von handelndem Subjekt und dem Objekt, die oft dazu führt, dass die eigenen nicht erlaubten Motive auf den anderen abgewälzt werden, der dann moralisch verurteilt und abgelehnt wird. Auch in buddhistischen Gruppen kann man leider häufig beobachten, dass das Streben nach Ruhm, Anerkennung, Einfluss und auch materiellem Gewinn verschleiert wird und dass genau diese Interessen an anderen vergrößert wahrgenommen werden. Eine wirklichkeitsnahe und ausgewogene Sichtweise ist dann nicht mehr möglich. Buddhisten machen also manchmal leider dabei keine Ausnahme, obgleich sie doch viele theoretische und praktische Hinweise im Buddha-Dharma besitzen, die verhindern sollen, dass Lehre und Praxis weit auseinander klaffen.

Die großen alten Meister werden von Dôgen als leuchtende Beispiele des tatkräftigen und moralisch einwandfreien Handelns beschrieben, und dies entwickelt beim Leser und Lernenden hohe Motivationsenergien. Es kann eigentlich gar nicht ausbleiben, dass wir uns mit Bescheidenheit und Einfachheit an die großen lebenden Meister erinnern, die die lebendige buddhistische Lehre von Gautama Buddha bis zu uns in die Gegenwart authentisch übermittelt hat. Wäre diese Kette nur an einer Stelle durch unfähige und verblendete Meister unterbrochen worden, dann wäre der lebende Buddha-Dharma nicht bei uns angekommen. Dabei gibt es immer wieder herausragende geniale Meister, welche die buddhistische Lehre in ihrer Zeit von Verkrustungen und Fehlentwicklungen befreien und nicht zuletzt dadurch die Lebendigkeit und Kraft des Buddhismus erhalten.
Aus der Sicht des Zen-Buddhismus sind hierbei vor allem sicher Nâgârjuna, Bodhidharma, Daikan Enô, und dann die Vielfalt großartiger buddhistischer Meister in der Nachfolge von Daikan Enô bis zu Tendo Nyojô, Dôgen und in neuerer Zeit Kodo Sawaki, Renpo Niwa und Nishijima Roshi zu nennen. Vor allem Kodo Sawaki hat den lebendigen Buddhismus in Japan in der Zeit des Niedergangs der imperialistischen politischen Strömungen in Japan gerettet und an die moderne Zeit übergeben. Ich selbst empfinde eine tiefe Dankbarkeit für diese nicht unterbrochene Kette großer buddhistischer Meister, ohne welche die Lehre und Praxis des wahren Buddhismus nicht zu uns gekommen wäre. Gerade das lebendige Beispiel im täglichen Leben ermöglicht uns ein Lernen jenseits von Worten und Denken, das aus den buddhistischen Texten, so wichtig sie auch sein mögen, kaum möglich ist.
Dôgen sagt hierzu:

„Die Tugend einer solchen Praxis erhält und bewahrt euch selbst und sie erhält und bewahrt die Welt. Das Wesentliche ist, dass im Augenblick meiner Praxis die ganze Erde und der ganze Himmel in allen zehn Richtungen vollkommen mit der Tugend (meines Tuns) vereint sind."

Dabei ist es gar nicht von wesentlicher Bedeutung, was mir oder den anderen voll bewusst ist, denn die reine Praxis übersteigt das, was wir denken und sagen können, sie darf allerdings damit auch nicht im Widerspruch stehen.
Dôgen
sagt weiter:

"Deshalb verwirklicht sich das Tun der Buddhas durch unser Tun, und ihre große Wahrheit ist von der unseren durchdrungen. Die Tugend dieses Rings (der Wahrheit) existiert durch das Bewahren der reinen Praxis."

Damit legt er ein großes Gewicht auf die Praxis der Buddhisten in der Gegenwart, die genau durch ihr reines Handeln die Buddhas und die Lehre verwirklichen. Dôgen betont, dass erst durch diese reine Praxis überhaupt die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt ermöglicht wird, dass also der Mond und die Sterne, die Erde und der Raum, Körper und Geist, die materiellen vier Elemente und die fünf Komponenten des Menschen und der Welt (Skanda) Wirklichkeit sind.

An anderer Stelle hebt Dôgen die Bedeutung beim Übungsweg jedes einzelnen Menschen hervor, dass man am Anfang den Bodhigeist erweckt, also eine klare Entscheidung trifft, sich auf diesen Weg zu begeben. Dann braucht man Ausdauer, Bescheidenheit, Zähigkeit und Vertrauen, um auf diesem Pfad weiterzugehen, sich von den Tagträumen einer grandiosen Erleuchtung zu lösen und die ganze Fülle und Schönheit der wirklichen Welt nach und nach zu entdecken und sich selbst zu verwirklichen und dies alles an andere weiterzugeben. Dôgen sagt dazu:

"Selbst wenn die Tugend der reinen Praxis sich nicht zeigt, müsst ihr lernen und erfahren, dass sie wirklich existiert, denn sie wurde niemals durch irgendetwas befleckt, was verborgen oder offenbar existiert oder nicht existiert."

Dies geschieht genau im Augenblick des Hier und Jetzt und im Gleichgewicht, das vor allem durch die Zazenpraxis ermöglicht wird, wenn wir "Körper und Geist fallen lassen" und das „Tor des Friedens und der Freude zum Dharma öffnen“. Durch einseitige Theorie und Denken ist dies nicht zu erreichen, denn ohne die umfassende und bewährte Praxis geht es nicht. Einseitige Theorie führt nur allzuleicht dazu, dass man zergliedert, bewertet, gegeneinander aufrechnet und sich in Spekulationen verliert, die dann oft von eigenen Interessen und der eigenen Gier weitgehend unbewusst gesteuert werden. Dagegen verlässt die reine Praxis auch die engen Grenzen des Ich, das sich selbst ängstlich schützen will, das gierig etwas haben will und misstrauisch die anderen beäugt, ob die etwas an sich reißen und uns stehlen wollen. Die reine Praxis und das reine Handeln sind unauflösbar mit dem Jetzt der Sein-Zeit verbunden, während das Denken sich oft in entfernten Räumen und gedachten Zeiten verliert. Dôgen sagt hierzu:

"Diese reine Praxis zu vernachlässigen, durch welche die Buddhas erst wirklich werden und die euer Tun und Handeln erst zu einer reinen Praxis machen, bedeutet, dass ihr die Buddhas missachtet und ihnen keine Gaben schenkt. ... Hier und jetzt öffnen sich die Blumen und fallen die Blätter: Dies ist nichts anderes als die Verwirklichung und das Bewahren der reinen Praxis."

Er geht dann darauf ein, dass das absichtsvolle Handeln zum eigenen Vorteil genau das Gegenteil bewirkt und in die Sackgasse führt. Wenn man bei der Zazen-Praxis zum Beispiel fast krampfartig das großartige Ziel der eigenen Erleuchtung erreichen will, so hat das mit Sicherheit zur Folge, dass diese gerade nicht eintritt und sich überhaupt nicht ereignen kann. Die wahre Zazen-Praxis des Shikantaza ist nach Nishijima Roshi die erste Erleuchtung, je im Augenblick und sie darf nicht durch ehrgeizige Ziele behindert werden, denn dann kann sie überhaupt nicht mehr stattfinden. Die großartigen spirituellen Zustände des Gleichgewichts und Erwachens lassen sich nicht mit dem Denken und den Worten der Zielerreichung erfassen, und dies wäre nach Dôgen damit zu vergleichen, dass der verlorene Sohn in der Welt herumirrt und verarmt, obgleich er eigentlich im Besitz eines großen Schatzes ist.

Dôgen betont, dass das Streben nach der Wahrheit und reinen Praxis in jedem Alter möglich und notwendig ist. Gerade in der heute oft überalterten Gesellschaft, in der die Menschen sechzig, siebzig, achtzig Jahre oder noch älter werden, bekommt eine solche Aussage eine neue große Aktualität und Durchschlagskraft. In der Tat verbringen viele ältere Menschen, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, ihre Zeit damit, sich ohne große eigene Anstrengung nur unterhalten zu lassen, leider oft ohne fundierte Informationen alles und jedes kritisieren und beurteilen und den eigentlich dringenden Fragen von Leben und Tod, von Wirklichkeit und Wahrheit, ausweichen. Zudem hat die moderne Tourismus-Industrie gerade für alte Menschen eine Fülle von Ablenkungsaktivitäten entwickelt, bei denen eine innere Verödung kaum vermieden werden kann.
Dahinter steckt oft das Weltbild, dass Arbeit und Beruf menschenfeindliche Anstrengungen sind und dass Friede und Freude dadurch ermöglicht werden, dass man keine Aufgaben und Pflichten mehr hat und dann angeblich "die Seele baumeln lassen" kann. Das sind aber wohl nur Werbesprüche. So kann man die reine Praxis, von der Dôgen spricht, sicher nicht bewahren. Er sagt dazu:

"Sorgt euch nicht darum, ob ihr in der Blüte der Jahre oder im Alter steht, praktiziert nur jeden Augenblick entschlossen die Wahrheit und erforscht das Höchste."

Er nimmt dabei auf den sog. Flankenheiligen in Indien Bezug, der erst im hohen Alter zum Buddha-Dharma kam und trotz verächtlicher Bemerkungen der jüngeren Mönche seine Übungspraxis ernsthaft und mit bewundernswerter Ausdauer machte. Er wurde Flankenheiliger genannt, weil er sich nicht mehr bequem auf die Seite legen wollte, sondern unablässig und ausdauernd praktizierte.

Dôgen erwähnt dann die großen Meister in China wie zum Beispiel Daikan Enô, Baso Ungan und berichtet von dem Zenmeister Daichi, dessen Worte wie folgt übermittelt werden: "Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen." Er arbeitete auch im hohen Alter mit den jungen Mönchen im Kloster und verweigerte die Nahrung, als man ihm die Arbeitsgeräte wegnahm, damit er sich schonen könne. Er aß erst wieder, als er an der Arbeit im Rahmen seiner Möglichkeiten teilnehmen konnte.
Dôgen zitiert außerdem den großen Meister Dai-i:

"Zwanzig Jahre lang lebte ich auf dem Berg Isan. Ich habe auf dem Berg Isan Mahlzeiten gegessen, ich habe auf dem Berg Isan Kot entleert, aber niemals habe ich Isans Weg gelernt."

Damit wird gesagt, dass dieser Meister sich ganz der Übungspraxis gewidmet hat, dass es ihm nicht um äußere Anerkennung oder eine große Schülerzahl ging und dass er gerade dadurch zu einem großen Meister in der Kette des Buddhismus wurde, der den lebendigen Buddhismus bei sich entwickeln konnte und an andere weitergab.
Der große Meister Joshu erweckte den Bodhi-Geist erst mit sechzig Jahren und entschied sich dann in großer Eindeutigkeit und Klarheit, den Buddhaweg zu gehen. Von ihm wird ein berühmter Satz übermittelt:

"Ich werde diejenigen befragen, die mehr wissen als ich, selbst wenn es ein siebenjähriges Kind ist, ich werde diejenigen belehren, die weniger wissen als ich, selbst wenn es ein alter Mann von hundert Jahren ist."

Auch hier wird die Bedeutung des Alters von Dôgen aufgelöst, denn Joshu selbst war schon sehr alt, als er zum Buddhismus kam und er scheute sich nicht, die wahre Lehre auch von einem siebenjährigen Kind anzunehmen. Es wird weiter berichtet, dass er mit achtzig Jahren selbst Meister wurde und dann vierzig Jahre lang "die Menschen und Götter geführt und gelehrt hat." Es werden viele Geschichten von seiner ausdauernden und auch kompromisslosen Übungspraxis berichtet. Er war allen Spekulationen und träumerischen Illusionen abgeneigt und führte seine Schüler immer wieder unmissverständlich auf die Wirklichkeit im Hier und Jetzt zurück. Joshu gehört in der Tat zu den ganz großen Meistern in der chinesischen Geschichte des Buddhismus.
Dôgen führt weitere große Meister auf, die durch äußerst treffende Koan-Aussprüche berühmt wurden und den Zen-Buddhismus so außerordentlich bereichert haben. Zum Beispiel stammt von Meister Baso auf die Frage eines Mönchs: "Was ist Buddha?" die berühmte Aussage: "Geist hier und jetzt ist Buddha." Dôgen hat dies in einem anderen Kapitel tiefgründig dargelegt, der Geist ist hier also nicht vom Körper und von der Materie abgetrennt, sondern der Geist und der Körper sind hier und jetzt die umfassende, intellektuell nicht erfassbare Wahrheit und Wirklichkeit. Dôgen sagt weiter:

"Hofft nicht auf das große Erwachen! Das große Erwachen ist nichts anderes als euer täglicher Tee und Reis, begehrt auch nicht das Nicht-Erwachen. Nicht am Erwachen (zu haften) ist eine kostbare Perle."

Er führt dann aus, dass die Gier nach Ruhm und Profit nicht sinnvoll sei, dass es aber auch dogmatisch und unmenschlich sei, diese aggressiv und militant abzulehnen. Auch dann sei man nämlich der Gier nach Ruhm und Profit verhaftet, wenn auch im umgekehrten Sinne der Ablehnung und nicht der Anziehung. Eine emotional aufgeladene Ablehnung hält den Menschen ebenso gefangen wie die Gier.

Es ist sicher nicht falsch, an dieser Stelle auf die Menschen zu verweisen, die sich darüber aufregen, dass andere gierig nach Reichtum streben, da dies doch sinnlos sei. Man wird dabei den Verdacht nicht los, dass eher Sozialneid das Motiv der vehementen Ablehnung ist, denn sonst wären diese Menschen viel gelassener. Wer im Gleichgewicht ist, wird von den Ideen des Reichtums und des Ruhms also weder positiv noch negativ beherrscht.
Die große Bedeutung der reinen Praxis wird von Dôgen durch das folgende Zitat der Buddhas und großen Vorfahren belegt:

"Wenn ein Mensch fähig wäre, das Jetzt eines Buddhas zu verstehen und es entschlossen zu verwirklichen, und sei es auch nur einen Tag lang, so wäre dieser Tag ungleich mehr wert, als wenn er hundert Jahre leben würde."

Dôgen bringt die große Bedeutung der reinen Praxis durch folgende Aussage auf den Punkt:

"Es ist eine bedauernswerte Verschwendung von Tagen und Monaten, wenn man hundert Jahre lang in den Tag hineinlebt. Selbst wenn jemand hundert Jahre lang wie ein Sklave lebt, der von den Klängen und Formen (dieser Welt) hin- und hergetrieben wird, aber in all diesen Jahren nur einen einzigen Tag lang die reine Praxis bewahrt, so hätte er an diesem Tag nicht nur ein Leben von hundert Jahren praktiziert, sondern auch andere Leben von hundert Jahren erlöst."

Er fordert uns daher eindringlich auf, keinen Tag und keinen Augenblick zu verschwenden und die Zeit nutzlos vergehen zu lassen. Er sagt, dass ein Tag der reinen Praxis von größtem Wert ist und er sei viel höher einzuschätzen als ein großer teurer Edelstein. Dôgen sagt dann über den großen Meister Seppo, der in vielen Koan-Gesprächen mit Meister Gensa zitiert wird:

"Ihr solltet Seppos Dharma-Anstrengung im Bewahren der reinen Praxis mitempfinden. Es wäre traurig, wenn ihr dies nicht selbst erfahren und erforschen würdet."

Donnerstag, 24. Januar 2008

Sich tief verbeugen und das Mark der Wahrheit erlangen

In diesem Kapitel (Kap. 8, Raihai tokuzui) geht es darum, gegenüber einem Menschen oder einem Symbol des Buddha-Dharma, z. B. einer Statue, eine hohe Wertschätzung und Achtung zu erweisen, indem man eine tiefe Verbeugung, oder wie es in diesem Fall auch heißt, eine Niederwerfung, macht.


Bailin in China, Dharma-Halle


Damit ist keine Unterwürfigkeit gegenüber einer äußeren Autorität oder einem Menschen mit Macht oder Geld gemeint, sondern die ehrliche Hochachtung gegenüber jemandem, der die Dharma-Übertragung erhalten hat. Meister Dôgen vertieft in diesem Kapitel die Bedeutung einer solchen Geste der Hochachtung völlig unabhängig davon, ob es sich um einen Mann, eine Frau oder sogar eine Kind handelt. Es sei allein wichtig, wie weit dieser Mensch auf dem Dharmaweg vorangeschritten ist und es sei von einer absoluten Gleichberechtigung von Männern und Frauen auszugehen. Dies ist für die ostasiatische Gesellschaft natürlich überhaupt nicht selbstverständlich und zeigt die "Modernität" von Meister Dôgen. Es hat übrigens große Ähnlichkeit mit Gautama Buddha selbst, der in seinem Sangha auf die Zugehörigkeit zur Kaste keine Rücksicht nahm und auch die von den Brahmanen herausgearbeiteten Merkmale ihrer Kaste nicht akzeptierte. Für ihn waren allein der Geist, das Handeln und die Lebensführung des Menschen maßgeblich.
Auch Ayya Khema und Traudel Reiß sagen in diesem Zusammenhang beim Buddha-Weg:

"Hingabe ist ein wesentlicher Bestandteil auf dem spirituellen Weg, denn ohne Hingabe gäbe es weder tiefe Meditation noch tiefe Erkenntnis. Hingabe ist nicht intellektuell zu bewerkstelligen."

Eine solche Hingabe kann nur auf der Grundlage des Vertrauens wirklich echt sein, denn nur dann kann es zum Beispiel zwischen Lehrer und Schüler einen tiefgehenden existenziellen Lernprozess geben, der nicht irgendwann in eine menschliche Sackgasse führt, sondern befreit und voranbringt. Dôgen sagt hierzu:

"Wenn ihr das höchste, vollkommene Erwachen (anuttara-samyak-sambodhi) übt, ist es das Schwierigste einen Lehrer zu finden, der euch auf den Weg führt. Es ist nicht wichtig, ob dieser Lehrer ein Mann oder eine Frau ist, aber er oder sie muss Meister von sich selbst sein und auch ein Mensch sein, der das Unfassbare ist. Ein solcher Mensch ist nicht durch seine Vergangenheit oder Gegenwart festgelegt, sondern er ist ein guter Lehrer, der den Geist eines wilden Fuchses hat."

In diesem Zitat wird die Bedeutung des Lehrers, ob Mann oder Frau, alt oder jung, schwarz oder weiß, Japaner, Inder oder Europäer usw. herausgestellt. Es muss jemand sein, der nicht von Ideologien und aufgeladenen Emotionen seiner Vergangenheit gesteuert wird und der nicht nach Ruhm und Profit strebt. Allein die Wahrheit des Buddha-Dharma muss Richtschnur und Maßstab seines Handelns, Denkens und Fühlens sein. Er muss also im Gleichgewicht leben. Vor einem solchen Menschen ist es sinnvoll, sich auch körperlich tief zu verbeugen oder sich niederzuwerfen, um ihm damit seine Wertschätzung zu offenbaren. Dies wirkt dann vor allem auf denjenigen selbst zurück, der dem anderen eine solche Ehrerbietung erweist, denn es baut den Egoismus und die Ichsucht ab und befreit damit aus den "Nestern" des Ich-bezogenen Denkens.
Dôgen verwendet dann die Formulierung, dass ein solcher Mensch und Lehrer das "Unfassbare" ist. Damit will er sagen, dass eine einfache Klassifizierung und Charakterisierung gar nicht möglich ist, dass man einen solchen Meister also nicht in irgendeine „Schublade stecken“ kann, sondern dass er ganz aus dem Augenblick in voller Freiheit und Freundlichkeit der jeweiligen Situation handelt und denkt. Dazu gehört auch, dass er nicht durch seine eigene Vergangenheit festgelegt und fixiert ist, denn dann wäre ein unmittelbares Handeln in der Gegenwart nicht möglich. Nishijima Roshi sagt hierzu:

"Der Lehrer muss ein starker und stabiler Mensch sein, der wirklich humanistisch ist und die Schülerinnen und Schüler gründlich und mit wirklichem Einfühlungsvermögen leitet."

Für viele westliche Menschen mag es befremdlich sein, die in Ostasien übliche Form einer Niederwerfung zu vollziehen, weil sie dies als Erniedrigung und Unterwerfung empfinden. Aber es handelt sich nicht um den "Kadavergehorsam", der ja gerade in Deutschland eine sehr unselige Bedeutung in der Geschichte gehabt hat. Blinder Gehorsam unter bornierten Vorgesetzten und Machthabern ist ganz etwas anderes. Auch Nishijima Roshi betont, wie schwer es ist, einen wahren und wirklichen Lehrer zu finden. Meister Dôgen hatte bekanntlich sehr lange gesucht, bis er in China seinen eigenen Meister fand, nachdem er die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Wenn man aber einem solchen Lehrer begegnet, gibt dies wirklich einen Schub auf dem Weg des Buddha-Dharma nach vorn, sodass man, wie es hier heißt, "das Mark der Wahrheit erlangen " kann. Dôgen sagt weiter:

"Auf diese Weise sollten wir lernen (achtsam wie) auf Zehenspitzen zu gehen und das Feuer auf unserem Kopf zu löschen."

Die Formulierung auf "Zehenspitzen zu gehen" wurde in China dafür verwendet, dass man sorgfältig und genau handelt und sich vorsichtig in unserer kostbaren Umwelt bewegt. Sie wird auf Gautama Buddha selbst zurückgeführt. Die Formulierung "ein Feuer auf dem Kopf zu löschen" wird ebenfalls häufiger im Shôbôgenzô verwendet und bedeutet vor allem, dass man tatkräftig und ohne Zögern handelt, wenn Gefahr droht oder man bereits in einer gefährlichen Lage ist. Wenn wir so ausdauernd und sorgsam in unserem Leben vorangehen und handeln, sagt Dôgen, können wir wie die alten großen Meister und sogar wie Gautama Buddha selbst werden. Dann wird der Schüler auch zum Meister und in der Dharma-Übertragung wird dies zur lebendigen Wirklichkeit.
Wir können aber nicht nur durch die großen Meister und Lehrer lernen, denn auch "die Natur lehrt uns den Buddha-Dharma", also auch die Blumen, Bäume und Steine, die Felder und Dörfer und unsere ganze Umgebung "spricht" dann zu uns, und auch dieser Natur gilt unsere hohe Wertschätzung und Achtung. Nishijima Roshi sagt dazu:

"Die wirkliche Welt oder das Universum ist selbst genau die Wahrheit und daher lehren die Bäume und Steine immer die Wahrheit des Universums."

An anderer Stelle spricht Dôgen von der Schönheit der Natur und von der großen Kraft, die zum Beispiel von den Pflaumenblüten, den Bergen und den Flüssen ausgeht, wenn wir uns ganz öffnen und deren Wirklichkeit uns erfüllt und bewegt. Es wird dann der große Meister Joshu zitiert, der sagte:

"Ich werde jeden fragen, der mehr weiß als ich, also auch ein Kind von sieben Jahren, und ich werde jeden lehren, der weniger weiß als ich, also auch einen Menschen von hundert Jahren."

Damit wird ganz klar ausgedrückt, dass es nicht um das Alter geht, sondern um die Klarheit des Geistes im Buddha-Dharma selbst und dass keiner seine Würde verliert, wenn er einem Jüngeren gegenüber seine Wertschätzung und Achtung zeigt und dies zum Beispiel durch eine Verbeugung oder eine Niederwerfung zum Ausdruck bringt. Man muss wissen, dass Meister Joshu bereits sechzig Jahre alt war, als er den Entschluss fasste, den Buddha-Weg zu gehen, er war also selbst schon ein älterer Mann, als er den obigen Ausspruch tat. Aber darin kommt auch zum Ausdruck, dass man selbst ohne Zögern die Buddha-Wahrheit weitergibt, wenn man merkt, dass man dem anderen damit helfen kann und er weniger von der Lehre weiß als man selbst.
Dôgen bringt dann einige Beispiele, in denen eine Nonne Meisterin war und sich die Mönche und Laien vor ihr niedergeworfen und um ihre Lehren gebeten haben. Dies mag für westliche Menschen nichts Besonderes sein, weil wir viele Lehrerinnen und Meisterinnen im Westen haben, aber für die damalige Zeit in Ostasien kann das schon fast als revolutionär bezeichnet werden. Es zeigt die kompromisslose Haltung Dôgens in der Frage der buddhistischen Wahrheit und seine Klarheit und Entschiedenheit, allein auf die Kraft des Buddha-Dharma zu bauen, denn er wollte nicht irgendwelche gesellschaftliche Positionen oder Rangordnungen anerkennen. Dasselbe gilt für die Besetzung der Leitung eines Klosters, bei der nicht automatisch der älteste Mönch eine solche Führungsaufgabe erhalten soll, sondern derjenige, der die Dharma-Übertragung erhalten hat und im Besitz der Wirklichkeit und Wahrheit ist. So kann auch ein Mädchen von sieben Jahren andere lehren und eine "wohlwollende Mutter" aller Lebewesen sein.
Dôgen führt zur Bedeutung der Frauen im Buddhismus auch die weltlichen Herrscherinnen, also Kaiserinnen in China und Japan an. Auch dabei wird von dem dort üblichen Wertschema, dass Männer höherwertig als Frauen seien, abgewichen, sodass für Dôgen die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Buddha-Dharma selbstverständlich ist, die es sogar in weltlichen Funktionen gäbe.

Schließlich geht Dôgen auf die sexistischen Rollen in der Gesellschaft ein und verurteilt, dass Frauen allzu häufig auf ihre sexuelle Funktion reduziert werden und dass diese sexuellen Begierden ja vor allem die Männer selbst prägen. Er hält es für völlig unsinnig, dass in einer solchen patriarchalischen Gesellschaft die Frauen deswegen verteufelt werden, weil sie sexuelle Begierden erwecken und dass auf diese Weise das Problem der Männer einfach auf die Frauen abgewälzt wird. Denn auch der umgekehrte Fall ist ja durchaus häufig, dass sich sexuelles Verlangen auf einen Mann bezieht und dass man diesen deswegen ja auch nicht verteufelt. Weiterhin kann sich die Gier sogar auch auf Ideen, Bilder und sogar Gegebenheiten der Natur beziehen. Es wird in einer Geschichte davon berichtet, dass eine Frau durch die Strahlen der Sonne in sexuelle Erregung versetzt wurde. Weiterhin können Träume, Fantasien und Truggebilde alle Objekte sexueller Gier sein. Es geht also hierbei mehr um den Geist des "Subjekts" als um Eigenschaften des "Objekts". Ganz unsinnig wäre es auch, einen buddhistischen Orden zu kritisieren, in dem Frauen leben, und zwar mit der Behauptung, dass dieser dadurch „verunreinigt“ würde. Wir können sicher annehmen, dass es solche Vorurteile im alten China und Japan gab, denn sonst hätte Dôgen dieses Beispiel wohl kaum angeführt.

Am Ende dieses Kapitels kritisiert Dôgen in aller Entschidenheit gewisse dogmatische Traditionalisten im alten Japan, die den Frauen grundsätzlich verbieten, wichtige Heiligtümer überhaupt zu betreten. Eine solche äußere Diskriminierung der Frauen löst sich nämlich vollständig von der Bedeutung der Wirklichkeit und Wahrheit der Menschen ab, denn nicht einmal erleuchtete Frauen dürften dann den heiligen Ort betreten. Das kann doch wohl wirklich nicht richtig sein. Dôgen sagt am Ende des Kapitels:

"Wir aber sollten uns ehrfürchtig vor der Tugend niederwerfen, durch welche (die Buddhas) alle Lebewesen erlösen, sie annehmen und mit ihrem wohltuenden Einfluss bedecken. (Wenn ihr euch so niederwerft), wer könnte daran zweifeln, dass ihr das Mark der Wahrheit erlangt habt."

Weiter Informationen von Nishijima Roshi