Montag, 28. November 2022

Der offene Raum ist offenes Leben, die wahre Meditation

 

Der große indische Meister Vasumitra war der siebten authentische Nachfolger Buddhas. Er lehrte: Der Geist ist die wirkliche Welt des Raumes. Der offene Raum ist die Vierte Vertiefung der Meditation,  im Zen. Das war für Meister Dogen die offene Tür zur vollständigen Erleuchtung. Der im menschlichen Gehirn „eingesperrte“ primitiv- unterscheidende Geist ist leider durch die Schädel-Decke begrenzt. Aber im Erwachen öffnet sich der Geist und wird groß und weit wie der Raum, ohne Grenzen. Er verlässt dann den viel zu engen Schädel des Ego, befreit sich und durchdringt das Universum. Das erleben wir in der wahren Meditation.

Raum und Zeit haben seit dem Beginn der menschlichen Kultur immer wieder Philosophen und große Denker angeregt. Es wurden komplizierte Theorien und schwer verständliche Erklärungen hierfür entwickelt. Aber meist kamen die Philosophen nicht über nachträgliches Denken über den Raum hinaus, sie lebten nicht in der Fülle des Augenblicks. Was sagt dazu der  Zen?

Über den Raum theoretisch nachzudenken, reicht nicht. Der Raum muss erlebt werden: Wunderbar, wenn die Begrenzungen sich auflösen. Das habt ihr sicher schon erlebt. Die Wahrnehmung der Form und des Räumlichen haben eine sehr große Bedeutung für unser Leben hier und jetzt. Denn was ist das Hier anderes als der Raum? Zeit, Raum und Leben im Augenblick lassen sich nicht wirklich trennen, weil man dann verarmt, leider.

In diesem Kapitel geht es um den höchsten dem Menschen zugänglichen Zustand der umfassenden Wirklichkeit des Buddhismus. Das ist das Erwachen, die Erleuchtung und die Lebensfreude: die ganze umfassende Wahrheit. Und das Erwachen und die Lebensfreude kann jeder Mensch nach Buddha verwirklichen, es hängt nicht allein von intellektueller Geistes-Schärfe ab. Oft verhindert die Intellektualität sogar die Befreiung und Öffnung zum Erlebnis des Raumes. Im Westen glauben viele bekanntlich an einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Materiellem und Ideellem. Aber das führt wirklich nicht weiter und ist eigentlich schon längst Geschichte.

Dōgen berichtet von einer Kōan-Geschichte zwischen Meister Rinzai und Meister Fuke. Rinzai neigte in jungen Jahren eher zu einem theoretischen und zum Teil spekulativen Verständnis des Buddhismus, während Fuke oft radikal die Wirklichkeit des Hier und Jetzt ins Zentrum rückte. Rinzai fragte:

„In den Sūtras heißt es, dass ein Haar den großen Ozean verschlingt und ein Mohn-Korn den Berg Sumeru umfasst. Sind dies auch Beispiele übernatürlicher Fähigkeiten glänzender Leistungen oder sind sie nur wirkliche Tatsachen, wie sie sind?“

Wie reagierte der Nicht-Theoretiker Fuke? Er stieß daraufhin mit einem kraftvollen Ruck den ganzen festlich gedeckten Tisch um, an dem er und Rinzai als Gäste mit den vornehmen Gastgebern der Oberschicht saßen. Er sagte laut und deutlich:

Dies ist ein Ort, wo etwas Unfassbares da ist.“

Fuke wollte klarstellen, dass Rinzais Überlegungen viel zu theoretisch und spekulativ waren. Er handelte glasklar im Hier und Jetzt, also im Raum und im Augenblick, allerdings nicht gerade höflich, als er den Tisch umwarf. Wo soll man den sonst handeln als im Raum? Offensichtlich fand er Rinzais abstrakte Gedankengänge zu überspannt und wollte die Gruppe ohne gelehrte Worte durch direktes Handeln in der Gegenwart von den theoretischen „Denknestern“ befreien. Seine Feststellung „Dies ist ein Ort, wo etwas Unfassbares da ist“ ist dann in die Geschichte des Zen eingegangen.

Dōgen zitiert eine Zeile aus einem Gedicht seines eigenen großen Meisters:

„Der ganze Körper ist wie ein Mund, der im Raum hängt.“

Diese Aussage erscheint zunächst eigenartig, Was ist gemeint? Die Windglocke, die im Raum hängt, wird mit dem Mund gleich gesetzt und ist viel mehr als ein physischer Ton oder ein unmelodisches Geräusch. Ich denke dabei an unsere Sesshin in Südtirol, wo wir im Hof eines alten Kapuzinerklosters Zazen praktizierten und die Windglocke uns bei jedem Windhauch ihre Melodie sang: Wir konnten so die Ganzheit von Raum, Zeit und Windglocke selbst erleben.

1. LinkGanz neuer Film, 8 awards (!) Zen, Berlin und Gomera

2. Link: Vertiefen: Raum und Leben

 

Freitag, 11. November 2022

Unser neuer Buddha-Film ist online, er gewann acht internationale awards (!)


Unser neuer Film zum Zen und Buddhismus ist nun im Netz. Es geht um die authentische Lehre Buddhas und Bogenschießen. Der Film wurde in Berlin und auf Gomera gedreht. Unser Ziel war gute Verständlichkeit und Einfachheit. Englische Fassung mit Untertiteln. Zum Vertiefen habe ich links angefügt.

Viel Freude und Klarheit!

 1. Link: Zum Film

2. Link: Vertiefen und Zen

3. Link: Verwirklichtes Universum

4. Link: Sein-und-Zeit im Augenblick

5. Link: Das große Erwachen

Montag, 7. November 2022

Die wahre Form hilft uns auch in der Krise

 

Die Wirklichkeit und deren erkennbare klare Formen im Hier und Jetzt haben im Zen eine sehr große Bedeutung für den Weg der Befreiung.[i]

Meister Dōgen baute seine buddhistische Lehre auch auf dem Lotos-Sūtra auf, dem er im Gegensatz zum landläufigen Verständnis eine neue Bedeutung und Tiefenschärfe gab. Er interpretierte es nicht als wundergläubigen Volksbuddhismus, sondern auf der Grundlage des Zen. Im Kapitel „Die Dharma-Blume der Wahrheit dreht die Blume der Dharma-Welt“ und in diesem Kapitel über die Form ist es ihm in großartiger Weise gelungen, die Wirklichkeit und das Wunder unseres Lebens und des Universums selbst in Worte zu fassen. Soweit dies überhaupt möglich ist. Dōgen zitiert Buddha aus dem Lotos-Sūtra:

„Die Buddhas allein zusammen mit den Buddhas können direkt vollkommen verwirklichen, dass alle Dharmas wirkliche Formen sind. Was ‚alle Dharmas’ genannt wird, sind Formen wie sie sind, die Natur wie sie ist, der Körper wie er ist, die Energie wie sie ist, das Handeln wie es ist. Sie sind der höchste Zustand des Gleichgewichts und des Wesentlichen.“ Genau so, wie sie sind!

Dōgen zitiert ein weiteres Gedicht seines eigenen Meisters Tendō Nyojō, des „ewigen Buddha“ wie er sagt:

„Es gibt (sanfte) Kälber heute Nacht auf dem Berg Tendō.

Gautamas goldenes Antlitz offenbart wirkliche Form.
Wie könnten wir dessen unermesslichen Wert begleichen, wenn wir es erwerben wollten?
Der Ruf des Kuckucks, darüber eine einzelne Wolke.“

Der Ausdruck „sanfte Kälber“ wurde für die friedlichen Mönche verwendet, die sich im Kloster von Tendō Nyojō in der wunderbaren Sommernacht versammelt hatten. Der Kuckuck ruft unmittelbar und wird von allen direkt als Wirklichkeit wahrgenommen. Er ist Teil der wirklichen Form, die nicht auf die Ohren beschränkt ist.

Schließlich fasst er Dōgen zusammen:

„Denkt daran, die wirkliche Form ist das wahre Lebensblut, das vom wahren Nachfolger empfangen und an den authentischen Nachfolger weitergegeben wurde. Alle Dinge und Phänomene sind der vollständig verwirklichte Zustand der Buddhas allein, zusammen mit den Buddhas. Das ist die Schönheit der Form, wie sie ist.“

 Link:Vertiefung: Wahre Form


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 3, S. 116ff.

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Erwachen: Der Dichter Toba hört die wahren Stimmen des Tales


Toba war ein berühmter Dichter im alten China und war dem Buddhismus stark verbunden. Er hatte die umfangreiche Literatur des Buddhismus intensiv studiert und sich dabei vor allem auf die wirklich großen Meister konzentriert. Sie werden in China auch als „Drachen und Elefanten“ bezeichnet. Es wird berichtet, dass Toba die Landschaft von Lushan besuchte, die wegen ihrer Schönheit berühmt war. Er war von der großartigen Natur tief berührt. Sein Herz hatte sich dort geöffnet und er hörte den Bergstrom, der durch die Nacht floss, wie nie zuvor. Dabei verwirklichte er die große Wahrheit des Lebens und verfasste das Gedicht:

„Die Stimmen des Tales sind (Buddhas) weite und lange Zunge.

Die Form des Berges nichts anderes als sein reiner Leib.

Durch die Nacht gehen die vierundachtzigtausend Verse.

Dōgen vermutet beim Erwachens des Dichters Toba, dass er am Vortag tiefgehende Gespräche mit seinem Meister hatte und diese in das Erlebnis des Erwachens eingegangen sind.[i] Aber dieses Naturerlebnis der Wirklichkeit entstand nicht nur als Folge des Gesprächs, sondern geschah eigenständig und direkt. Denn es war sein eigenes tiefes Erleben.

Dōgen berichtet auch in anderen Kapiteln des Shōbōgenzō von Erleuchtungserlebnissen in der Natur, die durch scheinbar ganz unwichtige Ereignisse und oft durch die Wahrnehmung ausgelöst wurden. Die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit stellt sich wie zufällig ein, wenn man viele Jahre die Übungspraxis des Zazen und das Verschwinden des Ich-Stolzes geübt hat. Aber sie ist natürlich nicht rein zufällig, sondern die Folge der Übungspraxis, vor allem Zen-Meditation.

 So beschreibt Dôgen das wahre Sehen und Hören zunächst mit der eigenartigen Formulierung, dass wir lernen sollen, dass die Berge fließen und das Wasser nicht fließt. Was meint er damit? Eine ähnliche Aussage findet sich übrigens in seinem Kapitel über das Sûtra der Berge und Wasser[ii]. Damit will Dôgen uns m. E.  sagen, dass wir nicht an gewohnten, scheinbar selbstverständlichen Vorstellungen haften sollten und dass die Natur ein „Tor zum Eintritt in den Buddhismus“[iii] ist. Unsere subjektiven Wahrnehmungen sind oft zu schematisch und verlieren damit die direkte Kraft der Natur. Wenn wir das fließende Wasser wirklich sehen wie es ist, gehören die Berge dazu. Sie bewegen sich gewissermaßen zusammen mit dem fließenden Wasser. Das ist das Geheimnis der vielfältigen sich bewegenden Natur zusammen mit dem Menschen. Das ist die wunderbare Ganzheit des Lebens! Das ist das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung wie es bei Buddha und Meister Nagarjuna heißt. Dôgen sagt:

Bitte anklicken

„In den früheren Zeiten des Frühlings und Herbstes hat Toba die Berge und Wasser nicht wirklich gesehen und gehört. Aber in jenen Augenblicken hat er sich in der Nacht ganz geöffnet. Er konnte die Berge und Wasser direkt und unverstellt sehen und hören.“

Menschen auf dem Buddha-Weg und die Bodhisattvas sollten Tobas Erwachen zum Anlass nehmen, selbst zu lernen, die Berge und Flüsse wahrhaft zu sehen und zu hören. Und Dōgen fügt hinzu: "Wer in der Natur erwacht, fällt nicht zurück!Buddha erwachte in der reinen Natur in Indien, als der Morgenstern aufging. Vorher konnte er durch die damalige Philosophie, Meditation und seine harte Askese trotz größter Anstrengung gerade nicht erwachen. Wir sollten unsere Natur daher schonen, pflegen und lieben. Sie ist ein Wunder.

Link: Tobas Erwachen


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 109

[ii]         Kap. 14, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 129 ff.: „Das Sûtra der wirklichen Berge und Wasser (Sansui gyô)

[iii]         Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 1, Fußnote 16, S. 87

Dienstag, 18. Oktober 2022

Shikan hört den wahren Ton des Bambus: BONG!


Eine im Zen-Buddhismus berühmte Geschichte handelt von dem Mönch
Shikan, der unter dem Zen-Meister Dai-i [i]durch einen jähen Ton Erleuchtung erlangte. Aber wie ist das möglich? Muss man dazu nicht die schwierige Philosophie des Buddhismus vollkommen verstehen und ein geistiges Genie sein? Wohl nicht, wie diese Geschichte zeigt! Shikans Meister Dai-i sagte zu ihm:

„Du bist von scharfem und brillantem (Verstand) und hast ein umfassendes Verständnis (der buddhistischen Lehre). Sag mir einen Satz über den Zustand, den du hattest, bevor deine Eltern geboren waren, ohne dass du aus irgendeinem Text oder Kommentar zitierst.“[ii]

Es handelt sich dabei nicht um eine intellektuelle Frage nach der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, sondern um die direkt erlebte Wirklichkeit im gegenwärtigen Augenblick.

Der Mönch Shikan suchte in mehreren Denk-Anläufen nach einer klaren Antwort, die seinen Meister zufriedenstellen könnte. Aber das gelang überhaupt nicht. Er war verzweifelt! Er strengte seinen Geist immer mehr an, so sehr es ihm überhaupt möglich war, aber ohne jeden Erfolg. Schließlich bat er seinen Meister inständig darum, ihm zu helfen, um aus dieser aussichtslosen Situation heraus zu kommen.

Aber Meister Dai-i lehnte das entschieden ab:

„Ich hätte nichts dagegen, dir etwas Hilfreiches zu sagen, aber wenn ich dies tue würdest du vielleicht später Groll gegen mich hegen.“

Was heißt das? Shikan sollte zu seinem eigenen Besten selbst den Schlüssel des Lebens finden. Er verließ das Kloster und zog sich auf einen Berg zurück. Dort lebte allein er allein im Einklang mit der Natur und im Rhythmus der Zen-Praxis . Und dann passierte es: Als er eines Tages seinen Weg vor der Hütte fegte, löste sich ein Kieselstein vom Boden, traf auf das Rohr des Bambus und erzeugte dabei einen klaren einfachen Ton: „Bong“. Das schlug bei Shikan ein! Das war der Wendepunkt seines Lebens.

Das war der wirkliche Ton, ohne intellektuellen und doktrinären Anspruch. So einfach und wunderbar sind das Leben und das Universum.

Shikan erkannte schlagartig, dass sein Meister ihm wie kein anderer geholfen hatte, nur durch die eigene Erfahrung wirklich zu hören. So gelangte er  zur Wirklichkeit, die sich ihm jetzt und völlig unerwartet geöffnet hatte.

Dōgen zitiert zu Shikan:

‚Bei einem einzigen "Bong" verlor ich das (alte) Bewusstsein, nicht länger muss ich (unnatürliche) Selbstdisziplin üben. Es gibt keine (negativen) Spuren irgendwo"

Meister Dogen beschreibt das Lebens und Universum auch im berühmten Kapitel Genjo Koan: ´Das verwirklichte Universum´. Denn was wären wir ohne das Universum, ohne das Licht und ohne die Energie der Sonne? Der Mönch Shikan und das Universum waren nun eins und mit ihm verbunden. Was nützen da Zitate und scharfsinniges Denken? Nicht viel, denn es geht um mehr!

Und Dōgen fügt hinzu: "Wer in der Natur erwacht, fällt nicht zurück!" Buddha erwachte in der reinen Natur in Indien, als der Morgenstern aufging. Vorher konnte er durch die damalige Philosophie, Meditation und seine harte Askese trotz größter Anstrengung gerade nicht erwachen. Wir sollten unsere Natur daher schonen, pflegen und lieben. Sie ist ein Wunder!

Universum verwirlichen


[i] Zen-Meister Dai-i lebte von 771 bis 835.

[ii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 109