Samstag, 14. Juli 2018

Wer hat eigentlich die die Buddha-Natur?




Dôgen zitiert wortgetreu den großen nationalen Zen-Meister Enkan Sai-an[i], der lehrte: „Alle Lebewesen haben die Buddha-Natur!“[ii] Und der Mensch sei nur ein Beispiel für die verschiedenen Lebewesen auf der Welt. Dôgen fügt hinzu, dass alle Lebewesen einen Geist haben. Er setzt offensichtlich Geist und Buddha-Natur gleich. Das bringt m. E. mehr Klarheit in den recht unbestimmten Begriff des Geistes, denn die Buddha-Natur beschreibt Dogen recht genau aufgrund seiner eigenen tiefgründigen Erfahrung. Er stellt dabei das jeweilige Handeln in den Mittelpunkt und lehnt die Vorstellung als Ding im Gegensatz zu anderen eindeutig ab.

Und er erweitert mit diesem Zitat die Bedeutung der Buddha-Natur: Bisher war nur von Menschen die Rede, und es ging um die Frage, wann und ob sie die Buddha-Natur haben und ob sie die Buddha-Natur sind oder nicht. Dôgen geht sogar noch weiter als Enkan Sai-an, indem er die Buddha-Natur außerdem auf die belebte und die nicht-belebte Natur bezieht. Dabei wird der Unterschied zur westlichen Philosophie besonders deutlich: Wir postulieren nicht nur, dass allein der Mensch die Qualität des Geistes besitzt und sich damit von den Tieren fundamental unterscheidet, beziehungsweise sich über sie erhebt, sondern wir unterscheiden auch rigoros zwischen der belebten und nicht-belebten Natur. Dagegen sagt Dôgen:

„Gras, Bäume und Länder sind selbst Geist. Weil sie Geist sind, sind sie lebende Wesen. Und weil sie lebende Wesen sind, haben sie die Buddha-Natur.“

Damit wir die Ganzheit von Mensch, Lebewesen und Natur unterstrichen und der Dualismus negiert. In diesem Sinne zählt er dann auch die Sonne, den Mond und die Sterne auf und erklärt, dass sie „selbst Geist sind“.

Als logische Schlussfolgerung heißt das, sie sind auch Buddha-Natur. Hier betonen Nishijima und Cross[iii], dass aufgrund der Bedeutung des von Dôgen verwendeten japanischen Wortes zugleich ganz klar ist, dass auch sie die Buddha-Natur sind und nicht nur haben. Wie in der tradierten Aussage von Gautama Buddha dürfen wir die Formulierung „die Buddha-Natur haben“ auch hier nicht im Sinne des Besitzens oder Nicht-Besitzens verstehen, sondern als lebendige Wahrheit. Und diese Wahrheit ist untrennbar mit der Buddha-Natur verbunden Dann folgt ein verblüffender Satz:

„Jene, die ganz und gar verschieden von den Lebewesen (Buddhas) sind, mögen jenseits davon sein, die Buddha-Natur zu haben.“

Wer unklar ist, glaubt also an die Buddha-Natur als Ding, die man haben kann. Hierzu erläutern Nishijima und Cross, dass mit den Lebewesen hier die Buddhas gemeint sind.[iv] Damit wird die Aussage bekräftigt, dass alle Lebewesen die Buddha-Natur sind.

Dôgen regt uns nachdrücklich an, dass wir dem nationalen Meister folgende Frage stellen sollen: „Haben alle Buddhas die Buddha-Natur oder nicht?“ Auf diese Weise sollen wir den großen buddhistischen Meister auf die Probe stellen, um zu erfahren, wie er seine Aussage begründen würde. Und mit Nachdruck wiederholt er, dass der nationale Meister sich von dem Begriff des Habens und als Ding unbedingt verabschieden muss.



[i] Enkan Sai-an war Nachfolger von Baso Do-itsu, er starb 842.
[ii] Shinji Shobogenzo, Bd. 2, Nr. 15
[iii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 22, Fußnote 99
[iv] ebd., Fußnote 100

Samstag, 23. Juni 2018

Buddha-Natur, Magie des Augenblicks



Bei der Zazen-Medition erfahren wir unmittelbar die Magie des Augenblicks und die Buddha-Natur: Der Augenblick der Gegenwart öffnet unser Potential, ein neuer menschlicher und spiritueller Kosmos. Er lässt hemmende unheilsame Muster und ungute Prägungen auslaufen und zur Ruhe kommen. Aus dieser Ruhe können neuen Kräfte, eine neue Lebensfreude und eine neue Kreativität wachsen, für die kommenden Augenblicke des Tages und das weitere Leben. Das sind dynamische Augenblicke mit der Kraft aus der Ruhe, die uns trägt.

Dabei ist die oft missverstanden Leerheit vor Allem und gerade die Leerheit und Befreiung von hemmenden und verzerrenden Prägungen, den unguten Mustern des Denkens, Fühlens und Handeln. Also weg damit! Lebensfreude entsteht dann wie eine sich öffnende Lotos-Blüte. Dreht sie sich dabei, wie Dogen und Hui Neng sagen? Ich meine, ja, so ist es. Dieser Prozess ist unlösbar mit der Buddha-Natur verbunden, denn die Buddha-Natur kann es ohne dieses Entfalten und Wachsen nicht geben. Oder wie Buddha sagt: Dies ist das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada). Also eben kein Ding und kein Gegenstand, und wenn diese noch so vergoldet dargestellt werden. Leben ist kein Ding und keine isolierte Entität, ein solches Ding müsste dann "verhungern" und schrumpfen. Nichts gegen Gold aber sicher nicht als das fiktive fleckige Gold erstarrter Dogmen, Doktrinen und hemmender Prägungen. Eine solche Befreiung und Emanzipation ist die zentrale Botschaft von Nagarjunas Mittlerem Weg.

Dôgen skizziert, wie das wahre Bild eines Menschen der Buddha-Natur aussehen sollte und welche Funktion es haben muss:

Wenn wir die Augen darauf richten und es genau ansehen, sollten wir direkt in der Gegenwart ankommen und zufrieden sein, also keinen (unnützen) Hunger mehr nach einer (doktrinären) Wahrheit haben.“

Im Gegensatz dazu berichtet Dôgen von einem drückenden Erlebnis auf einer seiner Reisen zu den verschiedenen Klöstern in China, zum Beispiel zum Kori-Zen-Tempel, einem der fünf wichtigsten der Song-Periode. Neben den Darstellungen anderer authentischer Meister der Linie gab es ein Bild Nâgârjunas, den Dogen außerordentlich schätzte. Das kann ich gut nachvollziehen, denn ich erkenne immer mehr den tiefen umfassenden klaren, wenn auch kritischen, Geist dieses großen indischen Meisters in den Schriften Dogens. So ging es auch meinem Lehrer Nishijima Roshi.

Dôgen wurde damals von einem Mönch im Kloster herumgeführt, der ihm allerdings ohne Engagement die verschiedenen Sehenswürdigkeiten zeigte und zur Enttäuschung Dôgens gerade das Bild Nâgârjunas ohne jede innere Anteilnahme vorstellte. Er beschreibt das Verhalten des Mönchs folgendermaßen:

Dabei hat er keine Nüstern in seinem Wesen und keine Worte in seiner Stimme.“

Diese ungewöhnliche Formulierung bedeutet, dass der Mönch leblos erscheint – die Nüstern sind das Symbol für das Leben und den Atem. Seine Sprache sei ausdruckslos und teilnahmslos. Dôgen sagte zum Mönch:

„Dies scheint wirklich das Bild eines Reiskuchens zu sein!“ Hier hat der Begriff die abwertende Bedeutung, dass der Reiskuchen nämlich nicht zum Essen und den Hunger im wahren Leben taugt. Das Bild eines Reiskuchens ist ein berühmter Ausspruch für fehlende Wirklichkeit und fehlendes Leben. Der Mönch lachte daraufhin seltsamerweise von ganzem Herzen und verstand offenbar überhaupt nicht, dass Dôgens Worte eine harsche Kritik an ihm selbst und seinem flauen Engagement im Buddhismus waren.


Auch die anderen Mönche des Klosters, die das Gespräch mit anhörten, zeigten kein Verständnis für das Bild des großen Meisters Nagarjuna. Dôgen nennt sie „Hautsäcke“, um auszudrücken, dass sie eigentlich keine wahren Menschen auf dem Buddha-Weg sind, nicht ernsthaft praktizierten und den Dharma nicht kannten. In diesem Zusammenhang bedauert er den Niedergang des chinesischen Buddhismus, der sich im 13. Jahrhundert schon abzeichnete.

„Zusammenfassend scheinen (solche Hautsäcke) die Grenze des klaren Verstehens verloren zu haben: "Für die Worte ‚die Buddha-Natur haben‘ und ‚ohne (Täuschung) zu sein‘.“
„Sie erwachen nicht aus ihren (fixierten) Ansichten und Meinungen und (wissen nicht), dass die Buddha-Natur mit dem lebendigen Denken, der Achtsamkeit und Verwirklichung zusammenhängt.“

Genauso falsch sei es aber , beim Thema Buddha-Natur ganz stumm zu bleiben, keine Fragen zu stellen und die Vernunft nicht ernsthaft zu bemühen, um tiefer einzudringen: „Denkt daran, dieser Zustand der Nachlässigkeit kommt daher, dass sie aufgehört haben, sich zu bemühen (und zu praktisieren).“
Abschließend hält Dôgen fest:

„Der Dharma kann nicht isoliert im Bild dargestellt werden.“ Denn dazu bedarf es der Unmittelbarkeit und Direktheit der Wirklichkeit des Künstlers. Und er bedauert sehr, dass er kein wirklich lebendiges Bild der Rundheit des Mondes und der Buddha-Natur des großen Meisters Nâgârjuna sehen konnte Denn genau das werde berichtet. Dann und genau dann erfahren wir die Magie des Augenblicks und die Rundheit des Mondes.


Freitag, 15. Juni 2018

Magie des Augenblicks im ZEN und westliche Philosophie: Ein Gegensatz?



Gegenwärtig trainiere ich häufiger Bogenschießen: Ein großartiges Beispiel für die buddhistische Praxis, das Wunder des Augenblicks, das eigene Gleichgewicht, sowie Veränderung und Dynamik. Also Einüben in der Kunst des Zen als Weg des Bogens, des traditionell mit höchstem Können verleimte Bambus aus Japan. Es gibt dabei vier wichtige Zustände:

Man hat sich aufgestellt, hält den Bogen in einer Hand, hat den Pfeil in die Sehne eingenockt, schaut auf das Ziel und hält Bogen, Sehne und Pfeil in einer leichter Vorspannung.

Der Bogen ist angehoben, gespannt, in Spannung und Dehnung des Rückens und der Armen. Dies wird auch als Ankern bezeichnet

Das Wunder des Augenblicks, Gleichgewicht in höchster Spannung: Der Pfeil löst sich und schlägt in die Zielscheibe ein.

Man steht entspannt, bleibt ruhig und „hält nach“.

Das ist sicher eine Beschreibung wichtiger Zustände. Aber was fehlt? Haben wir mit diesen Zuständen den Prozess, den Flow, die Veränderung und Dynamik und das wahre eigene Erleben wirklich voll erfasst und beschrieben? Sicher nicht. Denn zwischen den Zuständen ereignen sich ja gerade Veränderungen und Wandlungen von Körper, Geist und Psyche. Diese darf man nicht verbergen und weggelassen. Die Magie des Augenblicks ist damit unlösbar verbunden!

Menschen sind keine Zustände von Gegenständen und Sachen. Von entscheidender Bedeutung sind gerade der Bewegungsablauf und fortlaufender Prozess. Sie bauen die für den Schuss notwendige Spannung auf, bei gleichzeitiger ruhiger Konzentration und Achtsamkeit. Es geht weiter zum entscheidenden Augenblick, zum Ereignis, auf den alles ankommt, der Schuss, die Magie des Augenblicks. Dann kommt das Loslassen des Pfeils, das Release: Wow, das ist es !

Die Bewegung zum Lösen des Pfeils muss im Augenblick der höchsten Spannung, ruhig und zügig erfolgen. Jede Verkrampfung sei es aus Angst, das Ziel zu verfehlen, oder sei es aus Überheblichkeit einer falschen Sicherheit und damit ohne klare Achtsamkeit, sind falsch und führen in der Wirkung gerade zu schlechten Schüssen.

Das Ziel kann mit einem verkrampften Geist nicht "wie von selbst" getroffen werden: Die Harmonie von Körper, Psyche und Geist im Augenblick kann sich nicht ereignen. Danach fliegt der Pfeil auf seiner Bahn zum Ziel. Man beobachtet diesen Flug, der umso besser zum Ziel führt, wenn bei ihm in klarer Aufmerksamkeit kein falscher Ehrgeiz zu Verkrampfungen führt. Dann würde das kleine Ich mächtig stören und sich bei jedem "Fehlschuss" ärgern!  Dann ist die Magie weg. Aber ganz im Gegenteil, gelungene Schüsse geben Freude, Lockerheit und geradezu eine spirituelle Klarheit des Hier und Jetzt. Genau darin liegt auch die Bedeutung des intuitiven und spirituellen Bogenschießens. Gute Augenblicke und Schüsse setzen sich durch den Tag als freudiges länger anhaltendes Ereignis weiter fort.

Den gesamten Ablauf des Bogenschießens können wir wie bei Buddha, Nagarjuna und Dogen als Prozess verstehen, der die drei Phasen hat: Entstehen, Andauern und Vergehen. Dabei hat Entstehen einen bestimmten Vorlauf und zur Ruhe-Kommen einen Nachlauf. Und alles hängt als lebender Prozess zusammen. Aber das Beste: Gelungene Schüsse, die Magie des Augenblicks, erzeugen eine fast unbegreifliche Freude, die noch länger anhält, manchmal einen halben oder ganzen Tag. Und sie lösen miese Stimmungen, Frustrationen und Enttäuschungen durch Dritte auf.

Es wird klar, dass der fortlaufende Prozess sich jeweils aus sich selbst entwickelt, sich mit der Übung immer mehr verfeinert und immer weniger willentlich gesteuert werden muss. Das trainiert die über den Verstand hinausgehende Intuition.

Bis es wie bei Herrigel heißt: „Es hat geschossen“. Das Entscheidende ist der Augenblick und der dynamische Ablauf, also der Prozess von Mensch, Bogen, Sehne, Pfeil, Ziel usw.. Nach dem Ablauf dieser Dreiheit Entstehen, Dasein und Vergehen, die beim japanischen Bogenschießen zwischen 6 und 20 Sekunden dauert, kann ein neuer Prozess für einen zweiten Schuss ablaufen.

Diesen Ablauf können wir als Dharma der Dynamik auffassen, da er die drei Phasen Entstehen, Andauern und Vergehen umfasst. Nagarjuna beschreibt dieses Phänomen im Mittleren Weg, MMK, in dem oft missverstanden siebten Kapitel. Beim Bogenschießen wird klar: Entstehen, Dasein, Augenblick und Vergehen können nicht getrennt werden, sie wirken aufeinander. Oder ganzheitlich: Gemeinsames vernetztes Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada).

Ich finde es erstaunlich, dass Buddha, Nagarjuna und Dogen jeder auf seine Weise diese grundlegenden Regeln des Lebens und seiner Entwicklungen so klar erkannt und präzise analysiert haben.

Philosophische Anmerkung zum griechischen Denken: Heidegger hat sich vor Allem in seinen späten Jahren mit Zen und Tao beschäftigt und nach Reinhard May in seine Philosophie integriert: "Heideggers verborgenen Quellen". Für Heidegger ergibt sich das Ereignis als Zeit und Sein, also die Ganzheit von Sein-Ereignis-Zeit. Das Sein ist bei ihm nicht wie in der klassischen westlichen Philosophie von der Zeit unabhängig, also ewig und unveränderlich. Im Gegenteil: Es gibt dann Sein in der Gegenwart und damit im Augenblick der Zeit. Die traditionelle Metaphysik des Seins, aus dem Seienden entwickelt, könne man nach Heidegger auf sich beruhen lassen, (Vortrag "Zeit und Sein" 1962). Und weiter zu seinem zentralen Begriff des Ereignisses: "Mit dem Ereignis wird überhaupt nicht mehr griechisch gedacht (May, S. 63)!

Heidegger sagt nichts anderes, als dass er die bisherige Philosophie auf der Basis des griechischen Denkens mit der Bedeutung des Ereignisses weitgehend verlassen habe. Er fügt hinzu, nach May allerdings verschlüsselt formuliert, dass er im Kontakt mit der ostasiatischer Philosophie des Tao und Zen neu ansetzt und diese in seine Philosophie integriert, vermutlich weil er sie für ergiebig und zukunftsweisend hält. Das finde ich wirklich spannend: Und zwar auch und gerade für die zentrale philosophische Frage nach dem Sein: "(Die Griechen) haben dieses Wesen der Sprache niemals gedacht".

Er nennt seinen eigenen Denkweg die "tiefverborgenen Verwandschaft" (mit Tao und Zen).

Buddha und Nagarjuna könnten dem m. E. weitgehend zustimmen und Dogen würde zudem das Handeln im Augenblick betonen. Die westliche Philosophie könnte schließlich aus ihrer unnötigen Euro-Zentrierung und der selbst gewählten Isolation herauskommen! Eine solche Wechselwirkung ist auch das Ziel meiner eigenen Arbeit: Die östliche Philosophie hält große Schätze für die eigene Befreiung und Emanzipation bereit, praktisch und theoretisch.

Sonntag, 27. Mai 2018

Der wahre und der vergiftete Pfeil

Buddha antwortete einem verunsicherten Schüler, der absolute und ewige Wahrheiten über das Ich und die Welt ganz genau wissen wollte, dass er so etwas gerade nicht lehren würde. Buddha fragte, ob er denn überhaupt versprochen habe, absolut zu erklären, ob die Welt ewig sei oder nicht ewig. Der Schüler gab zu, dass Buddha ein solches Versprechen nicht gegeben hatte. Buddha fragte ihn weiter, worüber er sich eigentlich beklagen würde und fügte hinzu:

„Wenn jemand sagte, er wolle so lange nicht den reinen Wandel (Meditation, Geistesschulung und Handeln) beim Erhabenen praktizieren, bis dieser ihn absolut über solche  Fragen belehrte, dann würde dieser nämlich sterben. Und zwar bevor der Erhabene ihn so etwas überhaupt lehren könnte.“

Buddha erzählte dem Schüler das berühmte Gleichnis vom vergifteten Pfeil und dessen eindringliche Pragmatik und große Wirksamkeit. Dies sei genau die von ihm entwickelte Lehre:

„Nimm an, ein Mensch ist von einem vergifteten Pfeil getroffen worden und seine Freunde und Verwandten holen einen tüchtigen Wundarzt. Der Verwundete sagt aber: ´Nicht eher will ich den Pfeil herausziehen lassen, als bis ich (ganz genau) weiß, ob der Mensch, der mich verwundet hat, ein Adliger oder ein Brahmane oder ein Bürger oder ein Schudra ist. Ich will vorher wissen,  wie er mit Vornamen und Familiennamen heißt, ob er groß oder klein oder von mittlerer Größe ist, ob seine Haut schwarz oder braun oder hell ist. Ich muss wissen,  aus welchem Dorf oder aus welcher Stadt er stammt, welchen Bogen er benutzt hat, woraus die Bogensehne besteht, welche Art der Pfeil ist‘ (...).“

Es gäbe noch viele weitere fundamentale Fragen, die er unbedingt wissen wolle. Dabei wurde  er immer schwächer, krümmte sich vor Schmerzen  und konnte kaum noch reden. Er röchelte: "Die Federn des Pfeils, die Sehne, Pfeilspitze...muss ich wissen. Schließlich sagte Buddha:
 
„Dieser Mensch würde sterben, bevor er alles dies erfahren hätte. Ebenso würde jemand, der mit dem wahren Wandel warten wollte, bis er über solche Fragen belehrt worden wäre, sterben, bevor man ihn darüber belehren kann.“

Spekulative und abstrakte philosophische Fragen über die Welt, zur Wiedergeburt, zum vorherigen oder zukünftigen Leben usw. sind demnach ähnlich einzuschätzen wie die Fragen zum vergifteten Pfeil. Sie tragen meist nichts zur  Lösung der konkreten Problemen bei: Altern, Krankheit und Sterben, Einsamkeit, Angst, Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung. Buddha lehrt aber gerade „deren wirkliche Überwindung schon in diesem Leben“. Spekulative Fragen würden bei der Überwindung des Leidens nur schaden und ablenken. Buddha fuhr fort:

Nicht erklärt habe ich, ob die Welt ewig oder nicht ewig, begrenzt oder unbegrenzt ist, ob Seele und Leib dasselbe oder verschieden sind, ob ein Vollendeter nach dem Tod lebt oder nicht lebt. Ich habe es deshalb nicht erklärt, weil dies nicht zum Heil und zur Befreiung beiträgt.“

Die meisten dieser Fragen können überhaupt nicht beantwortet werden und das Leiden und die eigene Unklarheit hätten damit nichts zu tun, betonte Buddha. Erleuchtung, die Abwendung vom Übel und das Nirvāna seien so nicht zu erreichen. Denn wichtig ist stattdessen, das Übel des wirklichen  Lebens zu erklären, woraus es entsteht und entspringt, aber vor allem, wie das Übel aufhört! Auf welchem Weg kann man es ausschalten und zur Ruhe bringen? Dies ist genau das wichtige Wissen, um das Erwachen zu erlangen, und dies ist es, was er lehrt.

Viele täuschende Fragen werden von vergifteten Dogmen, Vorurteilen, Aberglauben und Doktrinen erzeugt! Das beweist Nagarjuna in seinem Meisterwerk des Mittleren Weges.

Buddha antwortete nicht bei solchen abstrakten und wegführenden Fragen. Wenn also jemand darauf bestehe, dass die Welt ewig sei oder umgekehrt abrupt endet, ist dies schlicht unwichtig für die Schmerzen, Leiden und Übel in diesem Leben. Es geht um deren Überwindung und den eigenen konkreten Weg der Befreiung und Emanzipation:

Spekulative Gedankenspiele sind eben Spiele und nichts weiter. Luftspiegelungen vom Wasser sind eben Spiegelung ohne Wasser für den Verdurstenden. Das wirkliche Wasser ist vielleicht nahe, wir sollten hier und jetzt danach graben. Und: nicht an vielen Stellen ein bisschen graben, sondern an einer Stelle in die Tiefe zum Wasser!

Grübeln hilft nicht. Wirf deinen wahren Pfeil über dein jetziges kleines Ego hinaus: Frisches Wasser, der fliegender Pfeil und die Sicherheit der Buddha-Natur sind das wirkliche Leben.


Montag, 7. Mai 2018

Das Meisterwerk des Mittleren Weges, neue Bearbeitung in Deutsch, Teil 1



Neue Übersetzung des MMK mit ausführlichen Kommentaren   


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Hiermit stelle ich dieses epochale Werk zum Mittleren Weg (MMK) von Nâgârjuna neu in Deutsch als PDF vor. Daran habe ich fast 18 Jahre gearbeitet und mich dabei um möglichst gute Verständlichkeit bemüht. Deswegen werden ausführlichen Erläuterungen eingefügt, dies ist bei der Schwierigkeit des Textes von großer Bedeutung. Der Sinn und die tiefgründige Bedeutung sollen aber nicht verflacht oder verändert werden. 

Jedes Kapitel ist wie folgt gegliedert: Hinführung zum Thema, Übersetzung mit Erläuterungen und Kommentaren der jeweiligen Verse und Ergebnis als Zusammenfassung der Bedeutung. Auf diese Weise wird auch zum weiteren Gang der Untersuchungen im MMK übergeleitet.

Das MMK ist in der Fachwelt völlig unbestritten und ein Höhepunkt des Buddhismus, aber m. E. bisher zu wenig beachtet und benutzt. Das liegt sicher auch an der kompakten und für uns ungewohnten Form der Verse und an der Schwierigkeit des Inhalts. Daher hat es immer wieder gravierende Missverständnisse nicht zuletzt im vorherigen Jahrhundert gegeben. Zur Klärung dessen, was Nagarjuna wirklich sagen wollte, möchten wir unseren Beitrag leisten.

Die intensive Zusammenarbeit am fulminanten Meister-Werk des Mittleren Weges von  Nâgârjuna begann zusammen mit Nishijima Roshi  im Jahre 2000. Es war uns klar, dass nur eine direkte Übersetzung aus dem Sanskrit diesem Werk gerecht werden konnte. Daher nahm ich zunächst Sanskrit-Unterricht bei Peter Gäng und übersetzte zusammen mit ihm etwa ein Drittel des Textes. Parallel dazu war ich mehrmals in Japan für die gemeinsame Arbeit mit Nishijima Roschi. Eine erste deutsche Fassung war Ende 2005 fertig gestellt.

Allerdings war ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Der schwierigen Text und die oft verwirrenden bereits vorhandenen Übersetzungen forderten mich bis an die Grenzen meiner damaligen Möglichkeiten. Die tägliche Zazen-Meditation hat mir dabei sicher geholfen, im Gleichgewicht zu bleiben. Und ich wusste: Das Gehirn ist ein selbst-lernendes System, aber man muss dran bleiben und darf nicht aufgeben.

So beschloss ich zunächst den Zen-Buddhismus mit Nishijima Roshi vertieft anzugehen. Daraus entstanden mehrere Bücher: Übersetzungen und neue Texte. Parallel dazu liefen die Arbeiten am MMK weiter. Neun Jahre nach der ersten Fassung und nach den Zen-Texten intensivierten sich diese Arbeiten, vor allem durch die enge und fruchtbare Kooperation mit der Indologin Elisabeth Steinbrückner. Wir verwendeten einen dreistufigen Prozess, der transparent von ihrer exakten Wort-für-Wort Übersetzung ausgeht. Darauf aufbauend habe ich meine Übersetzung sowie deren Bedeutungen, Erläuterungen und Kommentare erarbeitet. Dafür bin ich selbstverständlich verantwortlich, einschließlich möglicher Fehler.

Nâgârjuna wollte aus meiner Sicht mit dem MMK keine neue buddhistische Lehre entwickeln, wie einige behaupten, sondern vielmehr den zentralen Kern der authentischen Lehre Buddhas herausarbeiten, entschlacken und ihm neue Impulse geben, z. B. durch den Begriff der Leerheit. Er formuliert in der Präambel:

"Buddha, der vollkommen Erwachte, zeigte das wechselwirkende gemeinsame Entstehen,
das beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen und Verwirrungen.
Ihn, den besten der Sprechenden und Lehrenden, verehre ich"

Ein Beispiel aus Buddhas sutta der Achtsamkeit [1] der sieben Gliedern des Erwachens
"Er erkennt, wenn in ihm das unentstandene Glied des Erwachens (der) ´Freude´ entsteht".

Das Entstehen des Erwachens als Prozess der Emanzipation und Befreiung des Menschen aus dem Leiden ist das zentrale Anliegen Buddhas und seine Philosophie: Alles verändert sich, es entsteht und kommt zu Ruhe: Freude entsteht, Leiden und Verwirrungen (prapanca) hören auf. Diese Klarheit stellt Nagarjuna wieder her.

Die Verehrung Buddhas ist dabei sicher nicht nur eine devote Floskel !
Übrigens kann man den zentralen Sanskrit-Begriff der ersten Zeile, pratitya samutpada, auch als "ganzheitliches Entstehen in Wechselwirkung"  übersetzen. Das ist m. E. der Schlüssel zum Verständnis und zur Gestaltung unseres Lebens und zu den Vorgängen in der Welt. Dogmatischen Extreme sind dazu völlig unbrauchbar und führen zum Leiden.

Die authentische Lehre war in Indien im Verlauf von etwa 600 Jahren nach Buddha durch verschiedene, zum Teil hoch komplexe Philosophien verfremdet und durch dogmatische Sekten und Ideologien verzerrt worden. Zudem hatte die vorbuddhistische Philosophie des Brahmanismus wohl unbemerkt neue Kraft und Verbreitung im Buddhismus erlangt. 

Viele Kapitel des MMK dienen dem Ziel der Destruktion irreführender philosophischer Meinungen, Ideologien, falscher Lehrtraditionen und der Doktrin einer illusionären, angeblich ewigen und unveränderlichen Substanz (svabhâva) in der Welt. Dies ist mit der dynamischen Wechselwirkung z. B. in Öko-Systemen und beim Befreiungsprozess des Menschen überhaupt nicht vereinbar. Beides hatte Buddha m. E. klar erkannt.

Es ist spannend zu beobachten, dass alte Doktrinen und Vorstellungen aus der vorbuddhistischen Zeit unter dem Deckmantel buddhistischer Begriffe unbemerkt wieder auftauchten. Diese doktrinäre Verwendung von Begriffen hatte Buddha aber gerade als unheilsam abgelehnt. Daher bedurfte der Buddhismus insofern einer gründlichen Erneuerung.

Und genau diese Fehlentwicklungen destruiert Nagarjuna im MMK konsequent und mit brillanter Präzision. Aber er bleibt nicht dabei stehen, sondern gibt der Entwicklung des Buddhismus große neue Kraft: Ein neuer kräftiger Schub und nachhaltiger Impuls, bis zu uns in den Westen.




[1] Gäng, Peter, Hrsg: Meditationstexte des Pâli-Buddhismus Bd. I, S. 49