Freitag, 9. Februar 2018

Gomera-ZEN



Gerade bin ich von La Gomera zurückgekommen: Dort wollen wir ein kleines Zen-Zentrum für Winter-Sesshins bauen und einrichten, denn dort ist in unserem Winter ja der Frühling. Das wussten schon die alten Griechen.
Wie auf den Bildern zu sehen ist, grünt es jetzt dort, nachdem einiger Regen gefallen ist. Also ein Wetter etwa wie bei uns im Mai oder Juni. Die Fotos habe ich vor ein paar Tagen aufgenommen. 

Noch eine spannende Info zur Lage: La Gomera liegt ziemlich genau auf dem selben Breitengrad wie Buddhas Wirkungsstätten in Nord-Indien. In dieser Gegend ist ja der Buddhismus entstanden: Sonne, Mond, Gestirne, Klima usw. sind sehr ähnlich. Diese Landschaft und Lage ist wohl besonders gut für uns Menschen. 

Der Dojo liegt in einem halb verlassenen Dorf und war bisher ein Stall, der etwa 100 Jahre alt ist. Also kein Luxus sondern Natur und klare Energie pur.

Nachdem wir bei einer ähnlichen Sesshin in Südtirol in einem kleinen einfachen Kloster praktiziert hatten und wirklich ganz neu durchatmen konnten, konkretisierte sich der Plan, auch für das Winter-Halbjahr ein kleines Meditations-Zentrum einzurichten.

Man muss erst einmal ca. 100 Meter zu Fuß und einige Stufen hinauf gehen, um dort zu sein. Es gibt auch keine Durchgangsstraße, dort ist für Autos Schluss.
Wir wollen wie in Südtirol hauptsächlich im Freien praktizieren: Dazu die Holzterrasse.

Nun wünsche ich allen einen baldigen Frühling auch hier!

Yudo





Dienstag, 16. Januar 2018

Worte des Erwachten


Die überlieferten authentischen Lehrreden Buddhas bilden ohne Zweifel die Grundlage für alle späteren buddhistischen Texte. Sie wurden zunächst mündlich weitergegeben und später aufgeschrieben, sie sind die Quellentexte in den verschiedenen Übertragungslinien in Asien und heute im Westen.

Um eine Beziehung zu Nagarjunas Mittleren Weg, an der ich gerade arbeite, zu stützen, möchte ich eine aussagekräftige Auswahl zu treffen, um die Kernpunkte der Befreiungslehre Buddhas für gründliche Untersuchung bereitzustellen.

Folgende Die Quellentexte seiner Befreiungslehre sind aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung:

– Die Sieben Glieder des Erwachens
– Die Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens
– Der Achtfache Pfad zur Aufhebung des Leidens
– Die Himmlischen Verweilungen (zur Ethik im frühen Buddhismus) 
– Der Mittlere Weg und die Vermeidung von Extremen
– Wichtige authentische Gleichnisse Buddhas
– Die Fünf Hemmnisse der Befreiung

Nicht zuletzt geht es Buddha und auch Nâgârjuna um das Vermeiden von unheilsamen unvereinbaren Extremen, also um die praktikable und fruchtbare Weiterentwicklung des Menschen auf dem Mittleren Weg, indem er im Lebensprozess seine eigene Mitte findet und damit Glück und Zufriedenheit in dieser Welt und im Zusammenleben mit anderen Menschen erlangt.

Der Buddhismus ist eine positive und lebensbejahende Lehre und Praxis, die uns Menschen kurz gesagt in zwei großen Entwicklungsschritten aus überflüssigen oder oft selbst verursachten Problemen, Leiden und Schmerzen herausführen kann um heitere Befreiung zu erlangen. Im ersten Schritt geht es darum, ein „normales“ Leben zu führen. Dazu müssen wir natürlich unser Leiden möglichst klar erkennen und die Ursachen und Wechselwirkungen mit verschiedenen Faktoren und Einflüssen gründlich und möglichst ohne Tabus analysieren: Das ist die zentrale Aussage der Vier Edlen Wahrheiten Buddhas für Körper, Psyche und Geist.[1]

Von besonderer Bedeutung sind dabei die Achtsamkeit und die rechte Sichtweise. Es bringt uns zum Beispiel nicht weiter, entweder einseitig immer bei anderen die Schuld für das eigene Leiden zu suchen oder umgekehrt sich immer nur selbst anzuklagen und sich alle Schuld zu geben, da beide Extreme der psychischen und sozialen Wirklichkeit nicht entsprechen.

Buddhismus ist der Mittlere Weg in der Wechselwirkung – gerade bei der Überwindung des Leidens und der Gewinnung möglichst großer Freiheit und Selbstbestimmung. Extreme sind meist hohle Ideologien, die uns verhärten, aber sie führen nicht zur freudigen psychischen, geistigen und spirituellen Bewegung und Befreiung. Der Mittlere Weg markiert Bewegung, Entwicklungen und die Überwindung eines erstarrten Ich-Kerns.

Aber der Buddhismus bleibt nicht beim ersten Schritt stehen, sondern er lehrt vielfältig und überzeugend den zweiten Schritt zum Erwachen und zur Erleuchtung. Laut Buddha kann jeder Erleuchtung erlangen, wenn er tatkräftig und fortlaufend wirkungsvoll praktiziert und seinen Geist schult.

Es geht darum, aus einem schwierigen dunklen, durch Angst, Kummer, Jammer, Gram und Verzweiflung bestimmten Leben herauszukommen, das Leiden zu überwinden und zur Freiheit und Leichtigkeit des Lebens zu gelangen, um an der Kraft und Wahrheit des Kosmos und des Lebens mit seinen fast unbegrenzten Möglichkeiten teilnehmen zu können.







[1] Gäng, Peter: Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 53ff.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Zen und Bogenschießen: Spannung oder Loslassen?



In Herrigels weltbekannten Buch: "ZEN in der Kunst des Bogenschießens" heißt die berühmte Stelle:

"Da, eines Tages, nach einem Schuss, verbeugte sich der Meister tief und brach den Unterricht ab. ´Soeben hat Es geschossen´ rief er aus , als ich ihn fassungslos anstarrte". Und weiter: Dann "konnte ich die jäh aufbrechende Freude nicht unterdrücken".[1]

Der Autor, Philosoph von Beruf, beschreibt hier seine Erlebnisse von einem Japan-Aufenthalt, als er die Philosophie des Zen studieren wollte. Seine japanischen Freunde überredeten ihn zum Glück, eine praktische Zen-Kunst zu erlernen. Denn mit einseitigem noch so klugen Denken käme man beim Zen nicht wirklich weiter, ohne Praxis und Üben ginge es nicht. Das ist zweifellos richtig. Ich bin fest überzeugt, dass die geschulte Körper-Klugheit einer Zen-Kunst und das unglaubliche Potential des befreiten Unbewussten unser Leben gewaltig aktivieren, befreien und emanzipieren können. So eröffnen sich ganz überraschende neue Wirklichkeiten:

Das Es hätte dann auch in deinem Leben geschossen. Das Es, das ist "die jäh aufbrechende Freude". Warum sollte man diese Lebensfreude des Es denn auch unterdrücken?

Das Es ist kein Ding und keine Idee, nicht Subjekt und nicht Objekt und schon gar nicht die dualistische Trennung vom sogenannten Ich, dem Bogen, dem Pfeil, der Luft, dem Ziel usw.. Das Es ist die dynamische Wechselwirkung des gemeinsamen Entstehens (pratitya samutpada) und der gemeinsamen Entwicklung, wie Buddha sagte: Das ist die zentrale Kraft auf dem Achtfachen Pfad der Befreiung.

Meister Dogen hat dem Es oder Etwas ein eigenes Kapitel in seinem fulminanten Werk Shobogenzo gewidmet: "Was ist das Etwas, das uns jäh begegnet, jenseits von Denken und Wahrnehmung?" [2]Dieses Es oder Etwas sei die Wahrheit und Wirklichkeit selbst und nach der buddhistischen Lehre etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches. Dogen sagt dazu:

"Deshalb mag das Etwas die Soheit der Klänge und Formen sein. Die Soheit von Körper-und-Geist mag das Etwas sein. Und die Soheit des Buddha mag das Etwas (oder Es) sein". Denn diese Soheit sei frei und leer von Ideologien, Doktrinen, Vorurteilen, Absolutismen, Extremen usw..

Wir wissen aus der modernen Gehirnforschung, dass Freude der beste "Lern-Turbo"[3] ist und nicht Tragik, Krise und Drama, wie manche uns vielleicht im Westen glauben machen wollen. Das wäre das falsche Erbe der griechischen Kultur und Philosophie. Und Herrigel war ja ein westlicher Philosoph, der sicher im festen Wissen der Überlegenheit westlichen Denkens nach Japan reiste aber dort etwas fundamental Neues lernte: Die aufbrechende Freude des klaren Augenblicks der größten Spannung und zugleich der Entspannung des Loslassens: Und dann fliegt der Pfeil auf seiner Bahn, genau mit deiner Energie und Genauigkeit des Augenblicks von Spannung-und-Loslassen.

In einem Video zum japanischen Bogenschießen Kyudo wird die Gehirnspannung eines alten Bogen-Meisters und eines amerikanischen guten Bogenschützens gezeigt: Genau im Moment des  Schusses sinkt die Gehirn-Spannung beim Japaner deutlich ab und steigt markant beim Amerikaner. Der Meister hat sicher dabei die tiefe Freude des wahren Bogenschusses, über den Amerikaner wird nichts berichtet.

Und was sagt Nietzsches Zarathustra dazu: "Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinauswirft, und die Sehne seines Bogen verlernt hat, zu schwirren"! Lassen wir also die Sehne schwirren und den Pfeil fliegen.

Das japanische Bogenschießen Kyudo zu erlernen, ist ein sehr langwieriger und komplexer Prozess. Daher versuchen wir gerade das meditative und dynamische Zen-Bogenschießen auch mit westlichen Bögen zu verwirklichen. Die Handhabung dieser Bögen lässt sich für uns im Westen viel zügiger erlernen.[4] Der umfassende ganzheitliche Zen-Körper-und-Geist kann sich dabei natürlich auch verwirklichen.
Dann gilt: "Es hat geschossen"!





[1] Herrigel, Eugen: Zen in der Kunst des Bogenschießens, Fischer Taschenbuch Verlag 2005, S.51
[2] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer, Einführung in Dogens Shobogenzo, Kap. 29, DONA-Verlag Berlin, Bd. 1, S. 261 ff.
[3] So der Gehirnforscher Manfred Spitzer
[4] Vgl. :Österle, Kurt: Zen im Weg des Bogens, Verlag Via Nova, 2016

Dienstag, 26. Dezember 2017

Wirbelndes Licht


Für den großen Meister Padmasambhava, der auch „Lotos-Entstandener“ genannt wird, standen die Schönheit und Bewegung der Welt, das Licht und die Helligkeit im Mittelpunkt seiner spirituellen Erfahrung.

 Für mein Verständnis der Dynamik und Prozesshaftigkeit des Buddhismus ist dieser Meister deshalb besonders spannend: Dynamik, Veränderungen und Lichtenergien sind für ihn von zentraler Bedeutung. Sie bilden den Gegensatz zu einem statischen Weltbild der Dinghaftigkeit, unbeweglicher Zustände und unveränderlicher Substanzen, das auch von Nâgârjuna entschieden abgelehnt wird und dem Zen-Buddhismus ebenfalls völlig fremd ist. Ein statisches, um nicht zu sagen erstarrtes Welt- und Lebensbild gibt den Menschen nur eine scheinbare Sicherheit. Es ist gekennzeichnet durch eine Verengung des Geistes und führt nach meiner Erfahrung früher oder später zum Leiden.
Daher folge ich gern der Lebensphilosophie des Wandels und der Transformation.

In den letzten Jahren sind zum ersten Mal mehrere Übersetzungen und Interpretationen der Texte des großen buddhistischen Meisters Padmasambhava in deutscher Sprache erschienen.[1] Er hat neben Nâgârjuna wichtige Grundlagen vor allem des tibetischen Buddhismus erarbeitet und lebte im achten Jahrhundert nach der Zeitenwende vermutlich im östlichen Iran, nicht weit entfernt von der Grenze zum heutigen Afghanistan. Inzwischen gilt als gesichert, dass in dieser Region die Manichäer und Gnostiker einen großen Einfluss ausübten. Ihre Anschauungen haben vermutlich Eingang in Padmasambhavas Lehre gefunden

Etwa 600 Jahre nach Nâgârjuna und vermutlich weitgehend unabhängig vom chinesischen Chan entwickelte Meister Padmasambhava seine Lehre, die einen Höhepunkt des Tantra-Buddhismus[2] darstellt, der uns heute auch im tibetischen Original zugänglich ist. Sicher fehlen noch genauere Analysen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei großen buddhistischen Meister Nâgârjuna, Dôgen und Padmasambhava. Gerade deswegen möchte ich hier ein markantes Zitat bringen, das sich durch tiefgründige Poesie und große Glaubwürdigkeit auszeichnet:

„Aus dem Zentrum des Daseins, die reine sichtbare Erscheinungsform der dem Himmelsraum (gleichenden) wirbelnden Spiralbewegung (des Seins),
sie haben sich als ein strahlendes Licht manifestiert, unaufhörlich schöpferische Fähigkeiten:
Diese seinsmäßige Turbulenz hat sich als meine schöpferische Fähigkeit erwiesen.
Und das strahlende Licht ist die schöpferische Kraft meines Spiels (und meiner freudigen Bewegung).“[3]

Das Dasein wird als wirbelndes Licht bezeichnet, ist also Bewegung und Helligkeit. Dabei steht nicht fest, welches Dasein gemeint ist – dasjenige des Kosmos oder unser eigenes. Meines Erachtens spricht der Autor beides an, indem er uns die reine und wahre Erscheinungsform unseres Lebens und der Welt vor Augen führt. Und worin besteht eigentlich der Unterschied?

Das Licht bezeichnet Padmasambhava als unsere unaufhörliche, sich immer weiterentwickelnde schöpferische Fähigkeit. Seine Versen drücken die freudige Entwicklung im Buddhismus aus, sie sind weder negativ und deprimiert noch dogmatisch, sondern spielerisch, heiter wie ein Tanz und voller Kraft und Dynamik. Das ist der wahre Buddhismus!







[1] Padmasambhava, Buddhistische  Studienverlag 
[2] Peter Gäng, Übersetzer
[3] Guenther, Herbert: Wirbelndes Licht, S. 47

Sonntag, 17. Dezember 2017

Der Mönch Shikan erfährt den wahren Ton

Die Koan-Frage seiner Meisters lautete:

"Sag mir einen Satz über den Zustand, den du hattest, bevor deine Eltern geboren waren, ohne dass du aus irgendeinem Text oder Kommentar zitierst.“

Er strengte seinen Körper und Geist an, so sehr es ihm überhaupt möglich war, und er versuchte, sein umfangreiches Wissen aus den Schriften und buddhistischen Sûtras auszublenden, aber ohne jeden Erfolg.

Shikan verließ schließlich das Kloster und folgte den Spuren des großen Landesmeisters Daisho[1]. Er zog sich auf einen Berg zurück und lebte dort allein, im Einklang mit der Natur und der buddhistischen Wahrheit. An dem Ort, an dem auch der legendäre Meister gelebt hatte, baute sich Shikan eine einfache Hütte mit einem Strohdach. Er pflanzte Bambus und – wie Dôgen es ausdrückt – „machte ihn zu seinem Freund“.

Eines Tages geschah etwas für ihn völlig Unerwartetes: Als er seinen Weg vor der Hütte fegte, löste sich ein Kieselstein vom Boden, traf auf das Rohr des Bambus und erzeugte dabei einen Ton: „Bong“ !! Indem Shikan jäh und unmittelbar den Ton wirklich und ohne jeden intellektuellen und doktrinären Anspruch hörte, war er direkt in der Wirklichkeit angekommen. „Bong“ – das ist die Wahrheit zu hören, das ist die Natur: einfach, direkt und unkompliziert! Und die Wahrheit der Natur ist auch im Universum und in uns selbst. So einfach und wunderbar sind das Leben und das Universum.

Shikan nahm ein erfrischendes Bad, reinigte sich gründlich, entzündete ein Räucherstäbchen und machte in tiefer Dankbarkeit Niederwerfungen in die Richtung des Berges und Klosters seines Meisters Dai-i. Der Klang des Kieselsteins, der das Bambusrohr traf, vertrieb alle überkomplexen Theorien, Vorstellungen und angestrebten Ziele. Weil er wirklich hörte: Bong, klar, wunderbar, groß! Plötzlich waren die Wirklichkeit und Shikan selbst eine umfassende strahlende Ganzheit.

Gerade die enge Beziehung zur Natur und die Offenheit dafür sind eine große Chance, zur Wirklichkeit und Wahrheit zu finden. Dann wird die ich-zentrierte Selbstinszenierung[2] oder eigene narzisstische Überhöhung[3] völlig ausgeschaltet. Gerade intellektuell hochbegabte Menschen mit einem scharfen Verstand und einem hervorragenden Gedächtnis für die Lehren und Kommentare geraten besonders in Gefahr, einer Selbstüberschätzung zu erliegen.

Dadurch wird jedoch der direkte Zugang zum Sehen, Hören und zur Wirklichkeit versperrt, denn diese verwirklichen sich jenseits von analytisch geprägter Kompetenz und ausgefeilter Rhetorik und festgelegtem Reflexionsvermögen.

Dôgen zitiert dazu Shikan:
„Der große Meister Shikan verfasste schließlich die folgenden Verse:
‚Bei einem einzigen Aufprall (des Kiesels) verlor ich das (alte) Erinnern,
nicht länger muss ich (starre) Selbstdisziplin üben.
Es gibt keine Spuren irgendwo:
Das wahre Verhalten geht über Ton und Form hinaus.‘“






[1] Meister Daisho war Nachfolger des großen Meisters Daikan Enô, er starb 775.
[2] Mentzos, Stavros: Hysterie. Zur Psychodynamik unbewusster Inszenierungen
[3] Fromm, Erich; Suzuki, Daisetz Teitaro; Martino, Richard de: Zen-Buddhismus und Psychoanalyse