Donnerstag, 21. März 2013

Wie wird die intuitive Weisheit Prajna beschützt?




Die intuitive Klarheit existiert im Gleichgewicht des Zazen und ist beim täglichen Handeln möglich, sie führt auch in existenziellen komplexen Lebenssituationen zu ganz klaren schnellen Entscheidungen, die vom linearen Verstand niemals geleistet werden könnten.

Dōgen zitiert einen Mönch aus dem Orden von Shâkyamuni Buddha, …
„… der für sich allein dachte: Stets werde ich mich in Verehrung vor dem tiefen Prajñā-Pāramitā verneigen“.

Nishijima Roshi erläutert dieses Zitat in dem Sinne, dass das aufrichtige Handeln des Mönchs die Weisheit Prajñā selbst sei und dass diese sich in seiner achtungsvollen Verbeugung offenbare. Dieses Verhalten sei äußerlich nicht immer klar erkennbar. Dōgen sagt:

„Denn genau in diesem Augenblick der Verneigung verwirklicht sich (die Weisheit) Prajñā, dass durch die Gelöbnisse, das Gleichgewicht und die Weisheit bis hin zur Erlösung aller Wesen erklärt und verstanden werden kann.“

Er spricht in diesem Zusammenhang auch ganz einfach davon, dass „so es ist, wie es ist“, und meint damit die Soheit ohne irgendwelche Verzerrungen und Zusätze, also die Wirklichkeit der Welt und des Universums selbst.

Dôgen führt für die Untersuchung der Prajñā-Pāramitā das Gleichnis des Raumes an und lässt den Schüler des Buddha Gautama zum Gott Indra sagen:

„Hochverehrter Indra, wenn die Bodhisattva Mahasattvas die tiefe Prajñā-Pāramitā erforschen wollen, sollen sie es wie den Raum erforschen.“

Der Raum ist im jetzigen Augenblick allgegenwärtig, und in gleicher Weise existiert Prajñā, die großartige Vernunft und Weisheit im ganzen Universum. So kann die Vorstellung des Raumes das intuitive Verstehen von Prajñā erleichtern, und dies ist möglich, wenn wir im gegenwärtigen Augenblick das Gleichgewicht verwirklichen, zum Beispiel im Zazen.

Auf die Frage Indras, wie man die intuitive Weisheit beschützen könne, antwortet der Mönch Subhuti, die Prajñā-Pāramitā werde beschützt, wenn die Menschen sie leben und lehren. Und Nishijima Roshi fügt hinzu:

„Daher kann ein Mensch Buddha genannt werden, der immer den Zustand des Gleichgewichts aufrechterhält.“

Im Buddhismus wird nach Dōgen Prajñā empfangen, bewahrt, gelesen und rezitiert. Er sagt weiter, dass man „mit (tiefer) Einsicht darüber nachdenken soll“. Schließlich zitiert Meister Dōgen Shâkyamuni Buddha, der zu seinem Schüler Shāriputra sagt:

„Die höchstverehrten Buddhas sind Prajñā-Pāramitā. Warum sage ich dies? Ich sage es, Shāriputra, weil der richtige, wahre und ausgeglichene Zustand der Wahrheit, den alle Tathāgatas (Buddhas) haben, sich immer durch die Tugend des Prajñā-Pāramitā offenbart.“

Wenn die Formen und das Materielle mit dieser intuitiven Weisheit gesehen und erfahren werden, können sie im Zustand des Gleichgewichts als leer von allen Ideologien und Begierden bezeichnet werden. Sie sind dann so, wie sie sind. Dies kann zum Verständnis der Aussage, „Form - Leerheit, Leerheit genau Form“ beitragen. Es darf sich jedoch nicht allein auf das verstandesmäßige Denken verengen, denn es geht um die große intuitive Weisheit und Vernunft.

Mittwoch, 13. März 2013

Herz-Sutra: Das Gleichgewicht ist Leere und Freiheit



Der Begriff „Leere“ hat eine ähnliche Bedeutung wie bei uns im Westen der Begriff der „Freiheit“, allerdings in einem umfassenden auch spirituellen Sinn. Nishijima Roshi erklärt hierzu, dass sich in diesem Zustand das vegetative, also autonome Nervensystem im Gleichgewicht des Zazen befindet und dass sich dadurch Ausgeglichenheit und Ruhe einstellen. Es gibt dann im Bewusstsein keine Störungen mehr, und dadurch wird das Universum genau so erfahren, wie es ist. Damit ergibt sich eine Identität von Leere und dem Zustand in der Zazen-Praxis.

Das sind Gleichgewicht und Soheit. Dôgen sagt folgerichtig zu den Begriffen von Form und Leere über das obige Zitat hinaus, dass die Form auch die Form und die Leere auch die Leere ist. Dadurch wird die Soheit von beiden besonders betont.
Ich hoffe, dass diese Ausführungen nicht allzu verwirrend sind; wichtig ist dabei, dass es sich um die übergreifende Weisheit jenseits des gewöhnlichen Denkens handelt, die sich nach der Lehre des Buddhismus in der gegenstandslosen Zazen-Meditation beim Menschen unmittelbar im Hier und Jetzt ereignet.

Die intuitive, grenzüberschreitende Prajñā-Weisheit ist auch für die Wahrnehmung wirksam. Ein erwachter Mensch haftet bei der Sinneswahrnehmung, zum Beispiel beim Sehen, nicht mehr an der äußeren Form und an der Trennung von Subjekt und Objekt, sondern überschreitet diese. Die Wahrnehmung wird nach altindischer Tradition mit den sechs Formen der Sinne und den jeweiligen Objekten erfasst.

Auch die Vier Edlen Wahrheiten des Gautama Buddha werden von dieser intuitiven Weisheit (Prajñā-Pāramitā) durchdrungen. Dasselbe gilt für die überlieferten sechs Arten des Bodhisattva-Handelns: Freizügiges Geben, Einhalten der Gelöbnisse, Geduld, Ausdauer, Achtsamkeit und Samādhi.
Dōgen betont die Verwirklichung im gegenwärtigen Augenblick (Sein-Zeit) und fügt die drei verschiedenen Arten der linearen Zeit, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinzu.

Auch die altindischen Arten der materiellen Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum sowie die vier Tätigkeiten des Alltags werden durch die große intuitive Weisheit erfasst, von ihr durchdrungen, und dadurch werden das herkömmliche Leben und Denken überschritten.

Vielleicht ist es an dieser Stelle hilfreich, sich die Herkunft des Sanskrit-Begriffes shūnyatā zu vergegenwärtigen: Peter Gäng zufolge wurde kurz vor der Zeitenwende von indischen Mathematikern, die damals führend in der Welt waren, die Null im System der positiven und negativen Zahlen entdeckt. Die Null heißt auf Sanskrit shūnyatā. Die Null ist in der Mitte zwischen den positiven und negativen Zahlen angeordnet und ermöglicht so das „Gleichgewicht“ und die Funktionsfähigkeit des gesamten Zahlensystems.

Zur gleichen Zeit wurden von mehreren großen indischen Meistern die Lehren des Mahāyāna-Buddhismus ausgearbeitet und interpretiert, wobei Meister Nāgārjuna diesbezüglich einen Höhepunkt und eine „goldene Periode“ prägte. Er verwendete für die Kennzeichnung des Mittleren Weges, also des Gleichgewichts, vor allem den Begriff shūnyatā und hat dies im Gesang des Mittleren Weges näher beschrieben. In älteren buddhistischen Lexika wird Nâgârjuna allerdings z. T. als Nihilist bezeichnet, der angeblich durch den Inhalt von shûnyatâ alle Logik und alles Denken außer Kraft gesetzt hat und eine Auflösung im „Nichts“ lehren würde.

Dies ist aber nach heutiger weitgehend vorherrschender Sicht unrichtig, denn es geht um die intuitive, das unterscheidende Denken überschreitende Weisheit, die in der Praxis des Zazen erfahren wird. Dann verschwinden täuschende Ideen und materialistische oberflächliche Wahrnehmung.

Nishijima Roshi hat zuweilen den Eindruck, dass diese intuitive Weisheit, wie auch überhaupt die Intuition, im Westen nicht für wichtig genug genommen und nicht richtig anerkannt werden. Oft wird ein scheinbarer Gegensatz von rationalem Denken und Intuition konstruiert und letztere in den Bereich der Esoterik und der Mystik verbannt, die wiederum eher abwertend beurteilt werden. Dies ist meines Erachtens jedoch ganz unsinnig.

Freitag, 8. März 2013

Die große intuitive Weisheit, die das Denken überschreitet (Herz-Sutra)



Meister Dōgen beschreibt im zweiten Kapitel des Shōbōgenzō das Herz-Sūtra und interpretiert es nach seinem eigen tiefen Verständnis. Auf Sankrit heißt es die „prajna pāramitā“ Sutra (japanisch Makahannya haramitsu), dabei bedeutete prajna kluge Erkenntnis und paramita das andere Ufer erreichen und transzendieren; also geht es hier um die umfassende vollkommene Erkenntnis, die das gewöhnliche Denken und Fühlen überschreitet.

Häufig wird dafür auch die „vollkommene Weisheit „ gesagt, die jenseits des gewöhnlichen materiellen und ideellen Denken ist. Damit ist gleichzeitig die Leere gemeint, also die Freiheit von den üblichen Fesseln, das ist das Gleichgewicht des Lebens wie in der Zen-Meditation. Diese vollkommenen Erkenntnis der natürlichen Wirklichkeit und damit der Wahrheit ist zusammen mit dem richtigen Handeln die Voraussetzung für die Erleuchtung. Und Zen-Geist ist Anfänger-Geist, wie Shunryu Suzuki sagt.

Dogen stellt das berühmte Sūtra, das mit den Begriffen „Form und Leere“ verbunden ist, an den Anfang seiner umfassenden Lehre des Buddhismus.

Das Herz-Sūtra ist eines der kürzesten aber wohl auch das aussagekräftigste, aus einer Reihe von zirka vierzig Sūtras des Mahayana zu diesem Thema. Es wird in den buddhistischen Gruppen der meisten ostasiatischen Traditionen wie auch bei uns in Berlin-Kreuzberg heute noch regelmäßig rezitiert.

Pāramitā bedeutet wörtlich das „Erreichen des anderen Ufers“, also das Erwachen und Überschreiten des üblichen Denkens, Fühlens und der gewöhnlichen Wahrnehmung. Prajñā pāramitā ist mit dem Begriff der Leerheit (shūnyatā) verbunden, der vor allem von Meister Nāgārjuna tiefgründig interpretiert wurde. Der Begriff der Leerheit hat allerdings immer wieder zu großen Missverständnissen geführt, weil oft die Vorstellung von Nihilismus und Ablehnung von Vernunft und Logik damit verbunden wird. Dies ist aber total falsch.

Prajñā kennzeichnet vielmehr Qualitäten unseres Geistes, die beim linearen, eindimensionalen Denken und der Trennung von Subjekt und Objekt nicht zum Zuge kommen. Ich selbst habe das Herz-Sūtra wieder und wieder rezitiert und hatte zunächst erhebliche Mühe, überhaupt dessen Sinn zu erfassen, besonders deswegen, weil es am Schluss heißt, dass dieses Sūtra mit seiner Kraft „alles Leiden wegnimmt“. Wie kann man das Leiden überwinden, wenn es wörtlich heißt, „Form - Leere, Leere genau Form“ und dass Augen, Ohren usw „leer sind“? Das war mir in der Tat völlig unklar. Nishijima Roshi sagt zu diesem Kapitel:

„Prajñā wird intuitiv und unmittelbar erfahren, wenn Körper und Geist im Zustand des Gleichgewichts sind, und Zazen ist die Übungspraxis, durch die Körper und Geist in diesen Zustand gelangen. So ist die Pāramitā der großen Weisheit die Essenz des Zazen.“ Denn Zazen ist ungegenständliche Meditation: dann ist unser Geist schon leer von rotierenden Ideen und Gedanken und auch emotionsfrei, das ist die erste Erleuchtung

Nishijima Roshi verwendet für den Begriff der Leerheit häufig den Zustand des ganzheitlichen Gleichgewichts von Körper und Geist, also des ganzen Menschen und auf keinen Fall nur seines Verstandes.

Dōgen beginnt dieses Kapitel wie folgt:
„Währen der Bodhisattva Avalokiteshvara die tiefgründige Prajñā-Pāramitā praktiziert, reflektiert der ganze Körper, dass die fünf Komponenten des Menschen (skandha) vollständig leer sind.“

Nishijima Roshi erläutert hierzu sein, das man bei der Zazen-Praxis erfährt: „Das ganze Universum ist so, wie es ist“. Die fünf Komponenten des Menschen und der Welt sind nach seiner Deutung Körper (Form), Sinne (Wahrnehmung), Denken, Handeln und Bewusstsein. Beim Zazen werden das Denken und die Wahrnehmung überschritten, sodass sich das Bewusstsein ganz für das Hier und Jetzt öffnet und den Stress, die Gedanken und aufgeladenen Gefühle abschüttelt. Man ist leer von den üblichen oft bohrenden und störenden Gedanken und Gefühlen. 

Mittwoch, 27. Februar 2013

Die liebevolle Zuwendung nützt uns selbst




Im kurzen Sūtra über die liebevolle Zuwendung betont Gautama Buddha, dass die liebevolle Zuwendung dem Menschen selbst nützt und dass er darüber Klarheit haben sollte. Dieses in Gedichtform verfasste Sūtra endet mit den folgenden Versen:

„Ohne sich einer (fixierten) Ansicht hinzugeben,
voller Ethik und der Fähigkeit zu sehen,
hat er die Gier nach Sinnlichkeit überwunden.“

Buddha beschreibt detailliert die Entfaltung der liebevollen Zuwendung und weist darauf hin, dass dazu Achtsamkeit, Willenskraft, Freude, innere Stille und Gleichmut gehören. Und dass die liebevolle Zuwendung

„auf Abgeschiedenheit gestützt, auf Gierlosigkeit gestützt, auf Erlöschung gestützt, auf das Loslassen hingewendet (ist).“

Eine recht umfassende Darstellung der Himmlischen Verweilungen bietet zudem die Schrift über den Weg der Reinheit.
Die Empfehlung lautet eindeutig, die Übungen zur Entfaltung der Himmlischen Verweilungen mit einem geschätzten, verehrten, lebenden Menschen zu beginnen, zum Beispiel einem Lehrer oder älteren Freund. Wenn das vollständig gelingt, soll man zu einem Menschen, der einem gleichgültig ist, weiterschreiten und dann sogar zu einem Feind.

Wichtig ist bei diesen Lernschritten, sich selbst genau zu beobachten, weil sonst keine klare Rückmeldung über den psychischen und spirituellen Zustand möglich ist. Wenn sich dabei zeigt, dass gegen einen Feind erneut Hass-Gedanken und Groll aufsteigen, soll man mit der Schrittfolge wieder bei einem geschätzten und verehrten Menschen beginnen und dann wie bereits geschildert fortfahren.
Ein drastisches Gleichnis beschreibt das völlig sinnlose Verhalten, Hass mit Gegenhass zu beantworten:

„Genau wie ein Mann, der mit beiden Händen glühende Kohlen oder Kot ergreift, um einen anderen (den Feind) damit zu bewerfen, so verbrennst (auch) du dich selbst zuerst und verbreitest über dich einen üblen Geruch.“

Dieses Gleichnis erläutert das Herzstück der Himmlischen Verweilungen: den Umgang gerade mit schwierigen Menschen, die versuchen, uns zu erniedrigen, zu verletzten oder uns Schaden zuzufügen. Sicher bedeutet das nicht, dass wir mit verklärten Augen leugnen sollen, dass es böse Motive und Taten gibt, die für uns sehr gefährlich werden können. Aber Gefahren, die von einem hassenden Menschen ausgehen, pragmatisch abzuwehren, ist etwas anderes, als ihn ebenfalls zu hassen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:
Bei der liebevollen Zuwendung geht es um das Wohlwollen und um Offenheit anderen Menschen gegenüber, es geht um Wohltaten und darum, sich selbst und auch anderen dabei zu helfen, Groll, Übelwollen und Abwertung zu überwinden.

Das Mitgefühl bezieht sich hauptsächlich auf das Leiden anderer Menschen, das dadurch gemildert oder sogar aufgehoben wird. Im alten Indien gab es viel körperliches Elend und furchtbare, unheilbare Krankheiten, deshalb war das Mitgefühl mit leidenden Menschen und Tieren von großer Bedeutung. Ein berühmtes Vorbild in diesem Zusammenhang ist der historische indische König Ashoka, der sich von einem rücksichtslosen, grausamen Eroberer zu einem wahren Buddhisten wandelte.

Bei der Mitfreude ist wichtig, dass sie frei von Neid ist, dass man dabei keine innere Unlust empfindet und sich an der Freude und am Erfolg anderer wirklich und mit ganzem Herzen freuen kann. Das ist in unserer auf Wettbewerb getrimmten westlichen Gesellschaft nicht immer einfach!

Das Wesen des Gleichmuts kommt im folgenden Zitat sehr gut zum Ausdruck:
„Das Merkmal des Gleichmuts besteht im Bewahren der Mitte, sein Wesen im Erkennen der Gleichheit der Lebewesen, seine Äußerung in Stillung von Abneigung und Zuneigung, seine Grundlage im Erkennen der Karma-Eigenschaft der Wesen.“

Diese Übersetzung stammt von Nyanatiloka und mag etwas altertümlich und vielleicht auch merkwürdig klingen, ist aber doch recht aussagekräftig.

Dienstag, 19. Februar 2013

Gleichmut – Das Tor zum erfüllten Leben




Eine besonders enge Verknüpfung der Himmlischen Verweilungen mit dem Zen gibt es durch deren vierten Bereich, den man mit Gleichmut übersetzen kann. Hierbei werden die Gefühle des Leidens und der seichten Freuden überwunden, allerdings ohne dass eine desinteressierte Gleichgültigkeit entsteht. Das wäre der falsche Weg, denn die Gleichmut ist ein wichtiger Bestandteil der Himmlischen Verweilungen und damit des Zustandes des Erwachens und der Erleuchtung. Wenn Dōgen davon spricht, dass wir beim Zazen unser wahres Selbst, also die Buddha-Natur, empfangen und Körper und Geist fallen lassen, trifft dies zweifellos das Wesentliche des Gleichmuts im Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen.
Bei der Analyse der Himmlischen Verweilungen unterscheidet Sylvia Kolk die drei Dimensionen der Ethik, Psychologie und Spiritualität.

Ethik bedeutet im Sinne des Zen-Buddhismus selbstverständliches, ganz natürliches Handeln, ohne auf den eigenen Vorteil zu achten und ohne erlernte, angeblich ethische Ideologien zu kopieren. Dieses Leitbild des Bodhisattva-Handelns ist gerade im Zen-Buddhismus von prägender Bedeutung. Dōgen hat in dem Kapitel über ethisch richtiges Handeln genau den Augenblick, in dem wir etwas tun oder unterlassen, in den Mittelpunkt gestellt. Das Böse gibt es demnach nicht als eigenständige Entität in der Welt, sondern es wird durch das Handeln der Menschen gewissermaßen künstlich erzeugt, obgleich es eigentlich nicht da sein müsste.

Durch diese Konkretisierung der Ethik auf den Augenblick des richtigen oder falschen Handelns wird im Zen-Buddhismus eine unnötige Abstraktion vermieden. Dōgen fordert uns auf, ganz konkret im Augenblick unser eigenes  Handeln zu beobachten und uns klar zu werden, was wir tun und welche Folgewirkung sich daraus ergibt. Alle Wirkungen unseres Handelns – wie zum Beispiel die Zerstörung der Umwelt und der Ökosysteme – betreffen uns selbst, aber auch andere Menschen, sogar spätere Generationen.

Dass unsere Gefühle unauflösbar mit psychischen Dimensionen verknüpft sind, wird sicher niemand bezweifeln. Oft sind die Gefühle sogar wesentlich kräftiger und eindeutiger, als die verbalen Äußerungen eines Menschen. Basis einer jeden Psychotherapie ist es zum Beispiel, die Gefühle des Patienten anzusprechen, zu erkennen und in den Heilungsprozess einzubringen. Die wahren Gefühle werden nämlich oft wegrationalisiert, depressiv oder selbstüberschätzend verzerrt; verhärtete Vorstellungen müssen aufgebrochen werden, damit psychische Heilung gelingt. Wir müssen sozusagen unsere eigenen Käfige verschrotten. Sylvia Kolk erläutert hierzu: „Die Praxis der Brahmaviharas ist eine sanfte Disziplin, die vom Herzen ausgeht und das Herz berührt. Sie ist innere Stärke und äußere Sanftheit.“

In der spirituellen Dimension geht es vor allem um die Einheit mit der Achtsamkeit und dem Samādhi und damit um die ganz praktische Verwirklichung des Achtfachen Pfades. Die spirituelle Erleuchtungsebene ist nach der Lehre von Dōgen und Nishijima Roshi die vierte und höchste Lebensphilosophie, die durch die Zazen-Praxis verwirklicht wird und auch die Bereiche der Ideen, des Denkens, der sinnlichen Wahrnehmung, die materielle Dimension und vor allem das Handeln umfasst und erleuchtet.

Gautama Buddha arbeitet in der kleinen Lehrrede von Asapura heraus, dass ein Mönch Gier, Hass, Zorn, Feindschaft, Heuchelei, Böswilligkeit, Ungeduld, Selbstsucht, Verrat, Vortäuschung, Boshaftigkeit und falsche Sichtweise ablegen muss. Nur dann sei er ein wahrer buddhistischer Mönch oder, wie es in den frühen Schriften heißt, ein Hausloser.

Aus der psychologischen Perspektive geht es also zunächst darum, solche Gefühle bei sich selbst zu erkennen, sie nicht zu beschönigen und zu verdrängen. Dass das nicht einfach ist, wird sicher jeder Psychotherapeut ohne Zögern bestätigen. Derartige Ziele sind leichter formuliert als realisiert. Trotzdem ist es wichtig, sie auf der Ebene der Ideen und Ethik klar zu formulieren, wohl wissend, dass dies nur die erste Phase der idealistischen Lebensphilosophie ist. Es kommt dann darauf an, sich selbst sehr genau zu beobachten, seine eigenen Interaktionen präzise wahrzunehmen und die Dinge und Phänomene ganz genau zu betrachten, ohne sie zu beschönigen und zu verzerren.