Mittwoch, 3. Januar 2018

Zen und Bogenschießen: Spannung oder Loslassen?



In Herrigels weltbekannten Buch: "ZEN in der Kunst des Bogenschießens" heißt die berühmte Stelle:

"Da, eines Tages, nach einem Schuss, verbeugte sich der Meister tief und brach den Unterricht ab. ´Soeben hat Es geschossen´ rief er aus , als ich ihn fassungslos anstarrte". Und weiter: Dann "konnte ich die jäh aufbrechende Freude nicht unterdrücken".[1]

Der Autor, Philosoph von Beruf, beschreibt hier seine Erlebnisse von einem Japan-Aufenthalt, als er die Philosophie des Zen studieren wollte. Seine japanischen Freunde überredeten ihn zum Glück, eine praktische Zen-Kunst zu erlernen. Denn mit einseitigem noch so klugen Denken käme man beim Zen nicht wirklich weiter, ohne Praxis und Üben ginge es nicht. Das ist zweifellos richtig. Ich bin fest überzeugt, dass die geschulte Körper-Klugheit einer Zen-Kunst und das unglaubliche Potential des befreiten Unbewussten unser Leben gewaltig aktivieren, befreien und emanzipieren können. So eröffnen sich ganz überraschende neue Wirklichkeiten:

Das Es hätte dann auch in deinem Leben geschossen. Das Es, das ist "die jäh aufbrechende Freude". Warum sollte man diese Lebensfreude des Es denn auch unterdrücken?

Das Es ist kein Ding und keine Idee, nicht Subjekt und nicht Objekt und schon gar nicht die dualistische Trennung vom sogenannten Ich, dem Bogen, dem Pfeil, der Luft, dem Ziel usw.. Das Es ist die dynamische Wechselwirkung des gemeinsamen Entstehens (pratitya samutpada) und der gemeinsamen Entwicklung, wie Buddha sagte: Das ist die zentrale Kraft auf dem Achtfachen Pfad der Befreiung.

Meister Dogen hat dem Es oder Etwas ein eigenes Kapitel in seinem fulminanten Werk Shobogenzo gewidmet: "Was ist das Etwas, das uns jäh begegnet, jenseits von Denken und Wahrnehmung?" [2]Dieses Es oder Etwas sei die Wahrheit und Wirklichkeit selbst und nach der buddhistischen Lehre etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches. Dogen sagt dazu:

"Deshalb mag das Etwas die Soheit der Klänge und Formen sein. Die Soheit von Körper-und-Geist mag das Etwas sein. Und die Soheit des Buddha mag das Etwas (oder Es) sein". Denn diese Soheit sei frei und leer von Ideologien, Doktrinen, Vorurteilen, Absolutismen, Extremen usw..

Wir wissen aus der modernen Gehirnforschung, dass Freude der beste "Lern-Turbo"[3] ist und nicht Tragik, Krise und Drama, wie manche uns vielleicht im Westen glauben machen wollen. Das wäre das falsche Erbe der griechischen Kultur und Philosophie. Und Herrigel war ja ein westlicher Philosoph, der sicher im festen Wissen der Überlegenheit westlichen Denkens nach Japan reiste aber dort etwas fundamental Neues lernte: Die aufbrechende Freude des klaren Augenblicks der größten Spannung und zugleich der Entspannung des Loslassens: Und dann fliegt der Pfeil auf seiner Bahn, genau mit deiner Energie und Genauigkeit des Augenblicks von Spannung-und-Loslassen.

In einem Video zum japanischen Bogenschießen Kyudo wird die Gehirnspannung eines alten Bogen-Meisters und eines amerikanischen guten Bogenschützens gezeigt: Genau im Moment des  Schusses sinkt die Gehirn-Spannung beim Japaner deutlich ab und steigt markant beim Amerikaner. Der Meister hat sicher dabei die tiefe Freude des wahren Bogenschusses, über den Amerikaner wird nichts berichtet.

Und was sagt Nietzsches Zarathustra dazu: "Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinauswirft, und die Sehne seines Bogen verlernt hat, zu schwirren"! Lassen wir also die Sehne schwirren und den Pfeil fliegen.

Das japanische Bogenschießen Kyudo zu erlernen, ist ein sehr langwieriger und komplexer Prozess. Daher versuchen wir gerade das meditative und dynamische Zen-Bogenschießen auch mit westlichen Bögen zu verwirklichen. Die Handhabung dieser Bögen lässt sich für uns im Westen viel zügiger erlernen.[4] Der umfassende ganzheitliche Zen-Körper-und-Geist kann sich dabei natürlich auch verwirklichen.
Dann gilt: "Es hat geschossen"!





[1] Herrigel, Eugen: Zen in der Kunst des Bogenschießens, Fischer Taschenbuch Verlag 2005, S.51
[2] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer, Einführung in Dogens Shobogenzo, Kap. 29, DONA-Verlag Berlin, Bd. 1, S. 261 ff.
[3] So der Gehirnforscher Manfred Spitzer
[4] Vgl. :Österle, Kurt: Zen im Weg des Bogens, Verlag Via Nova, 2016

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