Mittwoch, 13. Februar 2013

Hass ist spirituelles Gift



Herz-Geist und Körper bilden im Buddhismus eine unauflösbare Einheit, die von Ethik durchdrungen ist. Die liebevolle Zuwendung ist das Gegenteil von Feindschaft, Abwertung, Erniedrigung, Verletzung und Abgrenzung. Sie benutzt keine moralischen Prinzipien, um die Abwertung anderer zu untermauern, wie das leider auch bei religiösen Menschen zu beobachten ist. Feindbilder sind meist mit falschen Bewertungen verbunden, die erstaunlich dauerhaft sind.

Durch solche verzerrenden Bewertungen werden die anderen Menschen und ihr Handeln zum Beispiel als Feinde gesehen und erfahren; das eigene Verhalten ist dann ohne Gleichmut. Damit schaden sich die Hassenden aber vor Allem selbst, denn die himmlischen Verweilungszustände sind ihnen total verschlossen.
Gautama Buddhas fundamentale Aussage zur Wirkung des Hasses lautet:

„Wer einen (anderen) Menschen hasst, der (aber) ohne Hass ist,
der also lauter ist, und dem kein Makel anhaftet –
auf den hassenden-Toren fällt aber das Böse selbst zurück, wie schmutziger Staub, der gegen Wind geworfen wird.“

Der schmutzige Staub steht in diesem Zitat gleichnishaft für Hass, Verachtung und Erniedrigung anderer. Wenn wir Staub und Schmutz gegen die Windrichtung werfen, fliegt der Unrat uns selbst ins Gesicht, und wir beschmutzen und verunreinigen uns selbst. Wen denn sonst?

Das heißt also, dass wir uns selbst durch Hass am meisten schaden, besonders wenn wir einen ethisch hochstehenden Menschen hassen – mit welchen Scheinbegründungen und rationalisierenden Argumenten auch immer. Hass-Gedanken zerfressen uns psychisch, geistig und meist sogar körperlich selbst. Gautama Buddha will mit seinen Worten auch ausdrücken, dass wir uns durch den Hass anderer nicht anstecken lassen und ihn nicht erwidern sollen. Also gerade nicht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Denn sonst hört die Hass-Spirale niemals auf und zerstört alle Akteure.

Die von Gautama Buddha beschriebenen Übungen und Schritte zur Verwirklichung der Himmlischen Verweilungen zeugen von seinem großen psychologischen und pädagogischen Geschick. In mehreren Stufen und einer empfohlenen Reihenfolge sollen die Übungen durchlaufen werden und bewirken so die Transformation des Körper-und-Geistes. Sie stehen in engem Zusammenhang mit der frühen buddhistischen Lehre vom Samādhi.

Sylvia Kolk spricht von der „Transformation unheilsamer Emotionen“ und erklärt: „Indem wir uns der heilsamen Emotionen bewusst werden und sie kultivieren, werden wir gleichzeitig unsere schwierigen Emotionen heilen: Hass, ablehnende Gefühle, Grausamkeit, Neid, Heuchelei, Gleichgültigkeit.“

Diese Gefühle dürfen wir jedoch nicht als isolierte psychische Zustände verstehen, denn das Handeln im Alltag soll im Einklang mit Ideen, ethischen Idealen und der Vielfalt der Dinge und Phänomene sein. Es geht immer um die enge Verbindung mit Ethik und Moral auf der Ebene der Ideen oder passiven Emotionen. Wer aber im Idealismus und Materialismus stehen bleibt, kann aus meiner Sicht den Weg des Buddhismus nicht gehen und hat keine Chance, einen Lebenszustand zu verwirklichen, den wir als Erleuchtung bezeichnen.

Dienstag, 5. Februar 2013

Die Himmlischen Verweilungen



Die sogenannten Himmlischen Verweilungen sind zentraler Bestandteile des Buddhismus. Sie umfassen
die liebevolle Zuwendung, das Mitgefühl, die Mitfreude und die Gleichmut.
Sie heißen im Pali brahmaviharas und sind eng mit den Grundlagen der Achtsamkeit verknüpft. Zudem bilden sie meines Erachtens mit dem Samādhi und den vier Vertiefungen, also nicht zuletzt des Zazen, eine unauflösbare Einheit und sind mit den Begriffen der Unermesslichkeit und der grenzenlosen Ausdehnung verbunden.

Eine verkürzt verstandene Achtsamkeit, die nur das Ich in den Mittelpunkt stellt und nur den Erregungen einer solchen Ich-Zentrierung nachspürt, ist in der großen Gefahr, im „modernen“ Individualismus stecken zu bleiben und die Öffnung für andere Menschen gerade nicht zu ermöglichen. Das ist kein Buddhismus. Den die liebevolle Zuwendung als Himmlische Verweilung ist genau das Gegenteil der Ego-Zentrierung und Abgrenzung von anderen, sei es auch nur in der Meditation oder – und das nicht zuletzt – im täglichen Handeln in den sozialen Gemeinschaften.
Die bekannte buddhistische Lehrerin Sylvia Kolk überträgt den Pali-Begriff brahmavihara folgendermaßen ins Deutsche:

„Brahmavihara wird übersetzt mit göttliche Verweilungsstätte, göttlicher Verweilungszustand oder mit himmlische Verweilung.“

Was ist damit gemeint? Kolk erklärt es so: „Brahma ist einer der höchsten Götter im alten Indien und stellt sinnbildlich die Quelle der Liebe dar. Vihara ist die Verweilungsstätte.“

Die drei Zustände und Handlungsweisen der liebevollen Zuwendung, des Mitgefühls und der Mitfreude werden – neben dem Gleichmut – als Glückszustände von hoher Qualität betrachtet und deshalb als „himmlisch“ bezeichnet. Das ist aus meiner Sicht von großer Bedeutung, denn es geht dabei keinesfalls um asketische Entsagung zugunsten anderer, um das Versinken in eigenes Leiden durch das Mitgefühl zu anderen oder um Gottgefälligkeit aus Angst vor Strafe oder schlechter Wiedergeburt. Sondern es geht zum Beispiel um befreiendes Mitfreuen, wenn es anderen gut geht und sie in Glück und Freude leben. Im Klartext heißt dies schlicht und einfach, dass wir selbst glückhafte, „himmlische“ Zustände erleben, wenn wir selbst solche Gefühle haben und sie handelnd umsetzen.

Wenn sich Menschen also aufgrund einer falsch verstandenen Lehre von anderen isolieren, gefühlsmäßig verkümmern, ein freudloses Leben führen und sich vor allem mit anderen Menschen aus vollem Herzen nicht mehr freuen können, dann ist das kein Buddhismus, sondern eine soziale und spirituelle Fehlentwicklung!

Die vier Himmlischen Verweilungen sind wesentliche Bereiche jedes Erleuchtungsweges und untrennbar mit dem Erwachen und der Erleuchtung verknüpft. Wer sich für andere Menschen nicht lebendig öffnen kann, wer kein Mitgefühl hat und sich nicht mit anderen freuen kann, wird aus meiner Sicht auf dem Buddha-Weg scheitern, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Er wird weder die erste und schon gar nicht die zweite Erleuchtung nach Nishijima Roshi wirklich erleben.

Ich bin sicher, dass alle großen Zen-Meister die Lehre und Praxis der Achtsamkeit, des Samādhi und nicht zuletzt der Himmlischen Verweilungen verwirklicht haben.

Dienstag, 29. Januar 2013

Shigons Erwachen beim Anblick der Pfirsichblüten im Tal



Diese Erleuchtungs-Geschichte im Zusammenhang mit einem Naturerlebnis ist voller Poesie und Aussagekraft: Meister Reiun Shigon war laut Dōgen seit 30 Jahren ein „Sucher der Wahrheit“. Das bedeutet, dass er regelmäßig und ausdauernd Zazen praktizierte und sich voll und ganz dem Buddha-Weg widmete.

Eines Tages unternahm er eine Wanderung in den Bergen, ruhte sich am Fuß eines Hügels aus und blickte auf die entfernten Dörfer im Tal. Es war Frühling, und die Pfirsichblüten standen in voller, wunderbarer Blüte. Bei diesem Anblick verwirklichte Shigon plötzlich die Wahrheit. Spontan und lange Überlegung verfasste er die folgenden Verse:

„Dreißig Jahre lang, ein Wanderer auf der Suche nach (dem scharfen) Schwert (der Wahrheit).
Wie häufig fielen die Blätter und sprossen die Knospen?
Nach einem Blick auf die Pfirsichblüten
bin ich direkt in der Gegenwart angekommen und habe keine Zweifel mehr.“

Nachdem Shigon seine Verse dem Meister Dai-i vorgelegt hatte, sagte dieser: „Wer durch die äußeren Phänomene (in die Wahrheit) eingegangen ist, wird niemals zurückfallen oder schwanken.“

Diese bedeutende Geschichte über das Erwachen und die Erleuchtung schildert den Augenblick der Wirklichkeit eines alten Mönchs, der bereits viele Jahre praktiziert hatte. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er mit Willensstärke und Zielstrebigkeit oder gar Ehrgeiz die Erleuchtung gewinnen wollte, sondern im Gegenteil: Die Szene wirkt entspannt und frei von Stress und Absicht: Erruht sich am Fuße eines Berges von der Wanderung aus.

Durch den Anblick der wunderbaren Pfirsichblüten fallen alle bisherigen Begrenzungen und Hemmnisse des Denkens und der Emotionen von Shigon ab, die klare Wirklichkeit hat direkten Zugang zu ihm und führt zur Einheit mit der Natur und dem Universum. Als er jung war, hatte er das Erwachen als etwas Besonderes gesucht, das scharf wie ein Schwert und etwas Extremes im Leben sein würde. Er hatte die Erleuchtung und das Erwachen mystifiziert und sich in großartigen Erleuchtungsutopien verloren. Gerade dadurch hatte er sich selbst den Weg zur einfachen, aber wunderbaren Wirklichkeit verstellt.

Dies alles war bei seiner Rast von ihm abgefallen, und genau dann öffnete sich sein Körper-und-Geist für und durch die Natur. Nun lebte er nicht mehr in der Vergangenheit oder Zukunft, nicht mehr in Illusionen und Erwartungen sondern, wie es in dem Gedicht heißt, ganz in der Gegenwart.

Der große Meister Dai-i bestätigte sein Erwachen und fügte hinzu, dass jemand, der durch die Natur eine solche Wirklichkeit erfahren hat, nicht mehr in frühere begrenzte Vorstellungen und Bewertungen zurückfällt. Er unterliegt keinen Verunsicherungen und Schwankungen mehr und kennt kein ängstliches Zaudern. Die Natur ist im direkten Erleben unkompliziert und spricht zu uns ohne Worte. Sie lehrt direkt den Dharma-Wahrheit für alle, die offen sind und die Wahrheit der Natur „verstehen“, wie es bei Dōgen in einem anderen Kapitel heißt.

Sicher gibt es auch viele falsche Erleuchtungserlebnisse, die auf Illusionen beruhen und lediglich gewisse psychische Ausnahmezustände und Halluzinationen sind. Viele mögen sich die Erleuchtung einbilden und täuschen sich damit selbst. Leider versuchen auch manche Lehrer, solche illusionären Geisteszustände bei Zuhörern und Schülern zu erzeugen.

Damit verwischen sie aber gerade den Unterschied zwischen Ideen und Wirklichkeit. Nishijima Roshi betont in aller Klarheit, dass es unmöglich ist, aus der Welt der Ideen, also dem Idealismus, in den Zustand der Erleuchtung zu gelangen. Dieser Ansatz zur Befreiung war meines Erachtens der fundamentale Irrtum des großen griechischen Philosophen Plato, der einen erheblichen Einfluss auf die abendländische Geschichte ausübte.

Nishijima Roshi kommentiert Shigons Erleuchtung folgendermaßen:
„Meister Shigon hatte mehr als 30 Jahre Zazen praktiziert, und eines Tages machte er einen Spaziergang in den Bergen zur Erholung. Als er am Fuße eines Berges Rast machte, sah er auf eine großartige Szenerie von Pfirsichblüten, die in den Feldern voll erblüht waren. Und dann wurde ihm sonnenklar, dass diese Welt wirklich existiert. Wir können daher annehmen, dass die Wirklichkeit sich manchmal (jäh) durch die äußere Welt (wie hier die Natur) offenbart.“

Donnerstag, 24. Januar 2013

Plötzliche Klarheit des Mönchs Hotatsu über das Lotos-Sutras


 Dōgen erzählt die Geschichte von Hotatsu, der schon in jungen Jahren Mönch wurde und sich vollständig dem Lotos-Sūtra verschrieben hatte. Er prahlte sogar damit, dass er das Sūtra auswendig hersagen könne und bereits mehr als 3000 Mal rezitiert habe. Er war zum großen Meister Daikan Enō gewandert, der berühmt wegen seiner Kenntnis des Lotos-Sutra war, und wollte sich mit ihm messen. Dieser Meister konnte selbst nicht lesen und schreiben, zeigte ihm jedoch schon beim ersten Gespräch seine Grenzen auf:

„Auch wenn du das Sūtra zehntausendmal (rezitiert hättest), wirst du nicht einmal in der Lage sein, (deine eigenen und andere) Fehler zu erkennen, wenn du es nicht wirklich verstanden hast.“

Daraufhin wurde der Mönch Hotatsu sehr nachdenklich und war tief verunsichert, seine Überheblichkeit war total verflogen. Meister Daikan Enō schlug ihm vor, den Text bis zu einer Stelle zu rezitieren, an der er ihm die große Bedeutung dieses Sūtra erläutern wolle. Dies sei nämlich die umfassende Lehre und Weisheit von Gautama Buddha selbst, und sie werde auf verschiedenen Wegen und mit tiefgründigen Gleichnissen angesprochen, aufgedeckt, erklärt und verwirklicht. Dadurch könne man sich selbst den Zugang zu dieser tiefen Weisheit eröffnen. Er fügte hinzu:
„Du musst jetzt darauf vertrauen, dass Buddhas Weisheit einfach dein eigener natürlicher Zustand des Geistes ist“ und untermauerte seine Worte mit einem eigenen Gedicht:

„Wenn der Geist in Täuschung ist, dreht sich die Blume des Dharma (ohne uns).
Wenn der Geist in der Verwirklichung ist, drehen wir selbst die Blume des Dharma.
Wenn wir nicht Klarheit über uns selbst haben, wird (das Sūtra) wegen seiner Energie
(sogar unser) Feind, ganz gleich, wie häufig wir es rezitieren (!).
Ohne (selbstsüchtige) Absicht ist der Geist wahrhaftig.
Mit (selbstsüchtiger) Absicht wird der Geist falsch.
Wenn wir dieses ‚mit und ohne‘ (Absicht) überschreiten,
fahren wir ewig mit dem weißen Ochsengespann.“

Daikan Enō erläuterte dann dem Mönch den Kern des Lotos-Sūtra und fügte hinzu, dass die meisten Probleme durch die eigenen, subjektiven Vorstellungen und Illusionen entstehen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Wenn die Illusionen platzen, und das kommt mit Sicherheit früher oder später, sind wir tief erschüttert und fallen meist in Verzweiflung. Aber wie können wir gravierende Täuschungen vermeiden? Auch wenn wir unseren diskursiven Verstand und unterscheidenden Intellekt bis zum Äußersten anstrengen und damit immer weiter fortfähren, werden wir uns trotzdem von der großen Weisheit des Sūtra immer weiter entfernen und keine Klarheit erlangen.

Nicht jeder erkennt jedoch den Wert der authentischen Lehre. Gautama Buddha gestattete seinen Zuhörern zum Beispiel bei einer seiner berühmten Lehrreden, ihren Platz zu verlassen und fortzugehen, wenn sie mit dem Gesagten nicht einverstanden waren. Dadurch drehte sich die Dharma-Blume aber ganz ohne sie, und sie haben sich selbst schwer geschadet und keine Klarheit erlangt.

Nach Dōgen gibt es nur ein authentisches buddhistische Fahrzeug, das auch in der Gegenwart unverändert gültig ist, und durch dieses Fahrzeug gelangen wir zur wirklichen Klarheit. Diese Wirklichkeit ist keine Vorstellung und kein Begriff, dann wäre sie mit Illusionen behaftet, sondern der Schatz der Dharma-Blume selbst, der uns schon immer gehört hat. Das Sūtra der Blume des Dharma sei als Wirklichkeit immer anwesend, von Zeitalter zu Zeitalter, vom Morgen bis zum Abend und in jedem Augenblick. Wir legen diesen großen Schatz niemals aus der Hand, es gibt überhaupt keine Zeit, in der wir das Sūtra nicht „lesen“, denn es ist das Universum selbst.

Der Mönch Hotatsu erfuhr plötzlich bei diesen Worten und durch die Kraft und Austrahlung Daikan Enōs das große Erwachen und sprang vor Freude in die Höhe. Spontan verfasste er das folgende Gedicht:

„Dreitausendmal (habe ich) das Sūtra rezitiert:
Vergessen durch einen Satz des Meisters vom (Berg) Sōkei.
Vor der Klärung der zentralen Bedeutung von (Buddhas) Erscheinen in der Welt:
Wie können wir verhindern, dass die sinnlosen Leben wiederkehren?
(...)
Ursprünglich sind wir Könige im Dharma.“

Anschließend erhielt Hotatsu vom Meister die Bestätigung und Dharma-Übertragung sowie den Namen „Der sūtralesende Mönch“. Bei dieser Begebenheit, so schildert Dōgen, begann sich die Blume des Dharma durch Meister Daikan Enō immer weiter zu verbreiten, als Blume des Dharma, welche die Blume des Dharma immer wieder dreht. Bis dahin hatte es diese große Wahrheit des Drehens der Dharma-Blume als Gleichnis für das Erwachen nicht gegeben.

Montag, 14. Januar 2013

Die Erleuchtung des Mönchs Shikan




Eine im Zen-Buddhismus bekannte Geschichte handelt von dem späteren Meister Shikan, der die Wahrheit des Buddhismus, also die Erleuchtung, unter dem Zen-Meister Dai-i in der goldenen Zeit des Zen-Buddhismus erlernte. Dai-i sagte zu seinem Schüler:

„Du bist von scharfem und brillantem (Verstand) und hast ein umfassendes Verständnis (der buddhistischen Lehre). Sag mir einen Satz über den Zustand, den du hattest, bevor deine Eltern geboren waren, ohne dass du aus irgendeinem Text oder Kommentar zitierst.“

Diese berühmte Zen-Frage kommt in mehreren Kōan-Gesprächen vor und wird auch noch heute einigen Schülern von ihren Meistern gestellt. Es handelt sich dabei nicht um eine intellektuelle Frage nach der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, sondern um die direkte Wirklichkeit im gegenwärtigen Augenblick.

Insofern ist der Verweis auf die Eltern und besonders auf die Zeit vor deren Geburt fast als Falle für den Verstand anzusehen. Wenn man darauf eingeht, gerät man in intellektuell nicht aufzulösende Widersprüche und Spekulationen, aus denen es kein Entkommen gibt. Bei der Wirklichkeit ist es nämlich unwesentlich, ob es sich um die Vergangenheit oder irgendeinen anderen Zeitabschnitt der linearen Zeit handelt, sondern es geht allein um die unverstellte, direkte Erfahrung im gegenwärtigen Augenblick.

Wie Dōgen im Grundlagen-Kapitel der buddhistischen Lehre beschreibt, ereignet sich die Wirklichkeit von uns selbst, der Welt und dem Universum nur im gegenwärtigen Augenblick, wenn wir Gedanken und Emotionen überschreiten oder, wie Dōgen es ausdrückt, „fallen lassen“. Ganz falsch wäre es also bei obiger Frage zum Beispiel, sich bestimmte Gesichtszüge der Eltern vorzustellen, Bilder etwa durch archaisches, mythisches Versenken aus einer Art „Ursumpf“ hervorzuholen und dies vielleicht mit der Lehre der Wiedergeburt zu verbinden.

Der Schüler Shikan suchte in mehreren Anläufen nach einer passenden Antwort, die seinen Meister zufriedenstellen könnte, aber es gelang ihm nicht. Er strengte seinen Körper und Geist an, so sehr es ihm überhaupt möglich war, und er versuchte, sein umfangreiches Wissen aus den Schriften und buddhistischen Sūtras auszublenden, aber ohne jeden Erfolg.

Schmerzhaft empfand er seine eigene Unfähigkeit und litt unter seiner angeblichen Dummheit. Als Konsequenz verbrannte er alle seine Bücher und Kommentare, da sie sich für ihn als völlig nutzlos erwiesen hatten, und kam zu dem Schluss, dass „ein Reiskuchen, der in einem Bild gemalt ist, den Hunger nicht stillen kann.“ Diese Worte sind später eine berühmte Zen-Aussage geworden, die Dōgen im Shōbōgenzō eingehend untersucht.

Shikan legte den Schwur ab, dass er jeden Versuch, den Buddha-Dharma durch Denken zu ergründen, sofort und dauerhaft abbrechen würde. Mehrere Jahre lang diente er gewissenhaft als einfacher Mönch im Kloster, indem er niedere Arbeiten ausführte. Gegenüber seinem Meister bezeichnete er sich als „töricht und dumpf im Körper und Geist und als unfähig, die Wahrheit zu sagen.“ Schließlich bat er seinen Meister inständig darum, ihm dabei zu helfen, aus dieser für ihn aussichtslosen Situation herauszufinden.

Aber Meister Dai-i lehnte eine solche Hilfe entschieden ab:
„Ich hätte nichts dagegen, dir etwas (Hilfreiches) zu sagen, (aber wenn ich dies täte) würdest du vielleicht später Groll gegen mich hegen.“

Offensichtlich war er sich sicher, dass sein Schüler den notwendigen Schritt zur Wahrheit irgendwann ganz allein bewältigen würde und dass theoretische Erklärungen dies eher verhindern statt fördern würden. Die buddhistische Wahrheit müssen wir letztlich immer selbst finden, ein Lehrer kann uns das nicht abnehmen.

Nachdem Shikan viele Monate und Jahre den Mönchen gedient hatte, entschied er sich, das Kloster zu verlassen und auf den Spuren des großen Landesmeisters Daisho zu gehen. Er zog sich auf einen Berg zurück und lebte dort allein im Einklang mit der Natur und der buddhistischen Wahrheit. An dem Ort, an dem auch der legendäre Meister gelebt hatte, baute sich Shikan eine einfache Hütte mit einem Strohdach. Er pflanzte Bambus und – wie Dōgen es ausdrückt – „machte ihn zu seinem Freund“.

Seinen früheren Ehrgeiz, die buddhistische Lehre zu verstehen, hatte er aufgegeben, er wollte nicht mehr umfangreiche Sūtras und Kommentare studieren und nach der großen Erleuchtung streben. Stattdessen führte er ein wirklich einfaches Leben in der Natur und mit der Natur und sah die Jahreszeiten kommen und gehen. So freute er sich daran, dass sein Bambus wuchs und gedieh und kräftige Stangen bildete.

Eines Tages geschah etwas für ihn völlig Unerwartetes: Als er seinen Weg vor der Hütte fegte, löste sich ein kleiner Kieselstein vom Boden, traf auf das Rohr des Bambus und erzeugte dabei einen Ton wie ein „Bong“. Durch diesen unmittelbaren Ton, den er ohne jeden intellektuellen Anspruch hörte, war er direkt in der Wirklichkeit angekommen. „Bong“ – das war die Wahrheit der Natur: einfach, direkt und unkompliziert! Und die Wahrheit der Natur ist auch im Universum und in uns selbst. So einfach und wunderbar sind das Leben und das Universum.

Shikan nahm ein erfrischendes Bad, reinigte sich gründlich, entzündete ein Räucherstäbchen und machte in tiefer Dankbarkeit Niederwerfungen in die Richtung des Berges und Klosters seines Meisters Dai-i.

Schlagartig war ihm klar geworden, dass sein Meister ihm wie kein anderer geholfen hatte, nur durch die eigene Erfahrung zur Wirklichkeit zu gelangen, die sich ihm jetzt und völlig unerwartet eröffnet hatte. Sein Meister hatte ihm keine verbale Erklärung gegeben und seine Fragen nach der Erleuchtung nicht beantwortet, denn wahrscheinlich hätten solche vorgegebenen Antworten ihm für immer den Weg zum Erwachen versperrt. Er erkannte das tiefe Mitgefühl seines Meisters für seine damalige verzweifelte Situation und sagte: „Die Tiefe seiner Güte übersteigt die der Eltern.“ Dieser Satz stellt den Bezug zur ursprünglichen Frage des Meisters her.

Der Klang des Kieselsteins, der das Bambusrohr traf, vertrieb alle Vorstellungen und angestrebten Ziele. Die Wirklichkeit und Shikan selbst waren plötzlich eine Einheit. Dōgen beschreibt hier sein eigenes tiefes Verständnis der Erleuchtung, die nicht mit dem Willen und mit Gewalt erreicht werden kann, sondern sich jäh und unerwartet ereignet, wenn sich durch jahrelange Praxis und Bescheidenheit die notwendige Offenheit und Direktheit bei uns selbst entwickelt haben. Gerade die enge Beziehung zur Natur und die Offenheit dafür sind eine große Chance, zur Wirklichkeit und Wahrheit zu finden.

Nicht zuletzt wird dann die Ich-zentrierte Selbstinszenierung oder eigene narzisstische Überhöhung völlig ausgeschaltet. Gerade Menschen mit einem scharfen Verstand und einem hervorragenden Gedächtnis für die Lehren und Kommentare geraten in Gefahr, einer Selbstüberschätzung zu erliegen. Dadurch wird der direkte Zugang zur Wirklichkeit, die jenseits von analytischer Kompetenz und ausgefeiltem Reflexionsvermögen existiert, versperrt.

Das heißt nicht, dass Dōgen scharfsinniges Denken und präzises Erinnern ablehnt, sondern diese Fähigkeiten werden sozusagen dem unmittelbaren Erfahren der Wirklichkeit untergeordnet: Sie werden ohne Ich-Stolz eingesetzt und verhindern nicht den Zugang zur Buddha-Natur. Im Augenblick der Einheit mit der Wirklichkeit spielen gedankliche Analyse und Reflektieren ohnehin keine Rolle, da sie nur vor oder nach dem Augenblick des Geschehens wirksam werden können.