Freitag, 8. Oktober 2021

Das hohe natürliche Leben der Erwachten: Auch für Dich

 

Mein Lehrer Nishijima Roshi fasste das Wichtigste dieses großartigen Kapitels des Zen-Meisters Dôgen in unserem Gespräch so zusammen: „Nachdem wir die Wahrheit erlangt haben, wird unser Leben und Handeln insgesamt besser. Die Anstrengung der buddhistischen Praxis muss weitergehen, und alles in unserem Leben bewegt sich.“[i]

Bei der Erleuchtung und beim Erwachen handelt es sich ja nicht um einen statischen Zustand. Ein Buddha oder Erwachter setzt seine buddhistische Praxis selbstverständlich fort. Dôgen erklärt, dass er dabei die Klarheit hat, dass dies der natürliche Zustand und er damit Buddha ist. Nach dem Erlangen der Wahrheit leben Erwachte weiter ihr Leben wie bisher, und ein Außenstehender erkennt kaum den tiefgreifenden Unterschied gegenüber früher.

Solche erwachten Menschen fallen niemals durch heiliges Getue oder die Selbstdarstellung mit ihrer Erleuchtung auf. Sie sind bescheiden, liebevoll auf andere Menschen bezogen und leben vollständig im Augenblick und in der Realität dieser Welt. Sie haben ein umfassendes Mitgefühl, können sich mit anderen aufrichtig freuen und leben in Gleichmut.[ii] Für mich war Nishijima Roshi genau ein solcher Mensch.

Das Leben nach dem Erwachen ist also kein grundsätzlich anderes Leben und Handeln. Es gibt keinen fundamentalen „Urknall“, welcher der Beginn eines paradiesischen Lebens ist, das dann bis zum Tode ohne weitere Anstrengung und Praxis anhalten und vielleicht sogar darüber hinausgehen würde.

Nishijima Roshi formuliert dies in Zen-buddhistischer Weise recht drastisch: „Die gewöhnlichen Menschen erfreuen sich daran, lieber Bilder oder Idole (in die Welt) zu setzen, die sie verehren können, als mit ihrer eigenen Praxis voranzukommen, die manchmal zu langweilig und durchschnittlich erscheinen mag.“ Und über ein hilfreiches Kôan, das mit derartigen romantischen Illusionen aufräumt, sagt er: „Diese Kôan-Geschichte ist ein Eimer frischen kalten Wassers für jene, die von einer romantischen Sicht des Zen berauscht sind.“ Damit ist treffend auch der Inhalt dieses zentralen Kapitel des Shôbôgenzô zum Thema Leben nach dem Erwachen beschrieben.

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[i] Gespräch am 24. August 2010 in Tokyo

[ii] vgl. z. B. Kolk, Sylvia (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus III

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