Samstag, 8. Oktober 2022

Die heilende Akupunktur-Nadel der Zen-Meditation

In dem zentralen Kapitel Dōgens, in dem es um die heilende Wirkung der Zazen-Praxis geht, verwendet er neben der Akupunktur-Nadel das Gleichnis von einem Ochsen-Gefährt: Die meisten Menschen besonders bei uns im Westen denken, dass man den Ochsen antreiben oder gar schlagen müsse, wenn das Ganze stehen geblieben ist. Der Ochse, der den Wagen heraus ziehen soll, ist dabei das Symbol für den Geist. Der Wagen ist das Symbol für den Körper. Und die heilende Nadel setzt natürlich beim Körper-und-Geist an. Wo denn sonst? Sie muss genau den Punkt treffen, um das Leiden zu vermindern oder ganz zur Ruhe kommen zu lassen. Nach Dōgen hat die Zen-Meditation genau eine solche Wirkung. Funktioniert Akupunktur ohne unseren Körper? Sicher nicht. Zen-Meditation ist ganzheitlich und viel mehr als Nachdenken und Reflektieren.

Die beiden Bereiche Körper und Geist müssen wechselwirkend zusammenarbeiten, damit der Mensch auf seinem Entwicklungs- und Lebensweg vorankommt und sich weitgehend befreit. Häufig ist der Wagen die Ursache dafür, dass es zum Stillstand kommt, wenn er zum Beispiel in einem Schlammloch festsitzt oder wenn ein Rad gebrochen ist. Das Hemmnis entsteht also durch ein Problem mit dem Wagen, symbolisch mit dem Körper. Oder anders gesagt: Der Geist kann das Lebens nicht isoliert vom Körper auf dem Weg voranbringen, erklärt Dōgen.

Wenn demnach der Körper die Haupt-Ursache für das Problem ist, nützt die isolierte Anspannung und Konzentration des Geistes allein nicht viel oder überhaupt nichts. Dann muss vor allem am Körper angesetzt werden, und der Körper ist untrennbar mit dem wahren Selbst des Menschen verbunden. Dōgen sagt, dass der Geist nicht wirken kann, wenn der Körper festgefahren, statisch oder sogar erstarrt ist. Nur wenn das harmonische Handeln von Körper und Geist gelingt, kann neue Dynamik, Freude und Bewegung für den Menschen entstehen. Dann kann gute Therapie wirksam werden

Dōgen kommt zu dem Schluss, dass Körper und Geist immer eine verbundene Einheit bilden und beim Handeln nicht getrennt werden dürfen. Und Handeln ist nicht zuletzt körperliches Handeln. Sonst bleibt der ganze Wagen als Symbol für den Menschen eben stehen. Körper und Geist sind keine isolierten Teile des Menschen, sondern wirken zusammen: Man sollte sich nicht einseitig auf den Geist konzentrieren und nicht auf ihn „einprügeln“ – aber auch nicht einseitig auf den Körper. Die Akupunktur-Nadel der Zen-Meditation heilt das Ganze!

Wagen und Ochse, Körper-und-Geist dürfen nicht getrennt und isoliert verstanden werden, um das praktische gute Handeln in der Wirklichkeit zu erfassen und zu ermöglichen. Oder um mit Meister Nāgārjuna zu fragen: Ist ein stehender statischer Wagen eigentlich ein wahrer Wagen? Ich meine : Ist er nicht! Oder ist er nur ein unveränderlicher Schein, der nicht die Qualität der Wirklichkeit, also des Handelns realisiert? 

Das mag spitzfindig erscheinen, ist es aber nicht. Es ist sicher unbestritten, dass es um die Bewegung eines fahrenden Gefährts von Wagen-Ochsen-und-Kutscher in der Wirklichkeit geht: Ohne Bewegung kein Leben! Die Teilsysteme müssen in sinnvoller Wechselwirkung gemeinsam ihre Aufgaben erbringen, denn der Sinn des Wagens verwirklicht sich, wenn er beladen ist, vom Ochsen auf dem Weg gezogen wird und zum Ziel fährt. So etwas kann weder ein isolierter statischer Geist noch ein isolierter erstarrter Körper leisten. Die Akupunktur der Zen-Meditation heilt das Ganze.

Links  Vertiefung: Zen-Praxis

Zen-Meditation, Dogens authentische Beschreibung

 

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