Freitag, 13. Oktober 2017

Die Rundheit des Mondes


Die Buddha-Natur wird ganzheitlich und maßgeblich durch die äußere Form zum Beispiel eines Meisters offenbar. So manifestiert sie sich als Wirklichkeit. Gerade bei nicht authentischen Meistern kann man daher durch genaue und geschulte Beobachtung erkennen, ob sie ihre Schüler vielleicht missbrauchen oder nicht. Wenn zwischen dem wahren Buddhismus und dem Handeln eine Lücke klafft, kann das einer genauen Beobachtung nicht entgehen. Ich möchte z. B. an die Probleme bei Sogyal Rinpoche erinnern, denn für den Missbrauch ist das falsche Vertrauen der Schüler notwendig.

Dôgen fügt dann eine weitere Erläuterung hinzu, die sicher oft zu Missverständnissen Anlass gibt:

„Der formlose(nicht fixierte) Zustand des Samâdhi in seinem körperlichen Zustand stellt den vollen Mond dar. Die (wahre) Bedeutung der Buddha-Natur ist offensichtlich und klar in aller Transparenz.“

Nishijima und Cross erläutern hierzu, dass damit nicht gemeint ist, dass es sich um einen unsichtbaren imaginären Zustand des Samâdhi handelt, sondern dass fixierte und starre Formen des Samâdhi ausgeschlossen werden sollen. Der Zustand Nâgârjunas ist also nicht fixiert und festgelegt, sondern beweglich je nach dem Hier und Jetzt.[i]

Nach der Überlieferung verschwand der Kreis des vollen Mondes umgehend, und der Meister saß auf seinem Sitz und lehrte die versammelten Menschen:

„(Dieser) Körper manifestiert die Rundheit des Mondes,
dadurch zeigt (der Körper) die physische (Form) der Buddhas.
Die Lehre des Dharma hat keine fixierte Form.
Die wahre Funktion ist jenseits von Tönen und Sichtbarem.“

Dôgen verdeutlicht anschließend noch einmal in eigenen Worten, dass die wirkliche Funktion jenseits der Manifestation von Tönen und Sichtbarem ist und dass es keine festgelegte Form gibt, wie der Buddha-Dharma gelehrt wird. Auch hierbei soll also keine dogmatische Fixierung erfolgen. Ich vermute, dass falsche Lehrer häufig mit fixierten Formen, Gesten und Posen arbeiten.

Er geht er auf die einzelnen Aussagen und Geschehnisse der geschilderten und sehr bekannten Überlieferung der Manifestation der Buddha-Natur zu Nâgârjuna und Kanadeva ein. Dabei legt er Wert auf ein tiefgründiges und spirituelles Verständnis, das die wesentlichen buddhistischen Schwerpunkte aufzeigt und erläutert.

Es ist klar, dass wir die Buddha-Natur verwirklichen können, aber dies ist unmöglich, wenn Ich-Stolz vorherrscht. Dieser kann in sehr verschiedenen Formen und Varianten auftreten und ist nicht immer leicht als solcher zu erkennen. Auch in buddhistischen Gruppen kommt es vor, dass äußerliche Bescheidenheit und Höflichkeit verbergen, dass der betreffende Mensch eigentlich überheblich und von der eigenen Großartigkeit erfüllt ist.

Oft basiert die versteckte Arroganz auf dem Gefühl der Überlegenheit in der buddhistischen Theorie oder Praxis. Solche Menschen sind meist sehr empfindlich, wenn ihre überzogene Selbstdarstellung in Gefahr gerät und angezweifelt wird. Sie reagieren dann oft erstaunlich aggressiv, sodass deutlich wird, dass die bescheidene und höfliche äußere Form nur eine dünne, oberflächliche Schicht ist. Der Buddha-Dharma ist sozusagen in das Innere des Menschen nicht vorgedrungen, sondern beschränkt sich auf äußere Verhaltensweisen und sein Gebaren.
Es gibt vielfältige Möglichkeiten, den Ich-Stolz zu überwinden, erklärt Dôgen:

Aber sie sind alle (Methoden) der Verwirklichung der Buddha-Natur, die wir als Verwirklichung durch die Augäpfel und das Sehen mit den Augen lernen sollten.“






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 15, Fußnote 69

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