Montag, 6. November 2017

Die wahre Form des Körper-Wissens


Dôgen erklärt "knallhart", dass man das „Körper-Wissen“ erweckt haben sollte, um die wahre Form zu sehen. Man darf nicht nur auf die schönen Worte hören und seien sie noch so faszinierend. Er sagt über Menschen, die ihre eigene wahre Natur nicht kennen:

„Sie haben mit ihren Augen niemals“ etwas Ähnliches gesehen wie „den formlosen Zustand des Samâdhi, dessen Gestalt den Vollmond wiedergibt“.

Sie hören nur auf die Worte und können die falschen imponierenden Gesten und den erlernten Ausdruck des Gesichtes nicht vom wahren Buddha-Dharma unterscheiden. Wenn wir das durchschauen, können wir uns vor falschen Lehrern schützen, die uns und unser Vertrauen vielleicht missbrauchen werden, wenn wir von ihnen abhängig geworden sind. Dazu gibt es heute traurige Beispiele!

Dôgen schätzt Meister Kanadeva, den Nachfolger Nagarjunas, sehr und sagt, dass er
ein Würdiger des halben Sitzes und ein führender Meister der Sangha ist, überzeugend und authentisch auf dem halben Sitz des leitenden Meisters.“

Der Hinweis auf den „halben Sitz“ greift die Geschichte auf, in der Gautama Buddha seinem Nachfolger Mahâkâshyapa eben den halben Sitz der Leitung der Sangha anbot und damit zum Ausdruck brachte, dass er im voll vertraue und die Fortsetzung der eigenen Arbeit des wahren Buddhismus übergeben werde. Dôgen bedauert, dass es selbst ernannte Meister gegeben habe, die sich brüsteten, authentische Nachfolger Buddhas zu sein, und allerlei ungenaue Schriften verfassten. Sie würden sogar behaupteten, dass diese von Nâgârjuna selbst geschrieben worden seien.

Hier mein Tipp: Fragen Sie höflich Ihren Lehrer, ob er im Mittleren Weg (MMK) Nagarjunas sattelfest ist. Kann er überzeugend die Leerheit als das "gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung" erklären? Denn der Chan- und Zen-Buddhismus haben das MMK Nagarjunas als unbestreitbare Grundlage: Ohne MMK kein Zen, wie mein Lehrer Nishijima Roshi sagte. Und Leerheit ist keineswegs das absolute Nichts, sondern der lebende vernetzte Prozess des wahren Lebens ohne (!) den Glauben an unveränderliche Substanzen und absolute Dogmen. Deshalb ist Kanadeva der authentische Nachfolger Nagarjunas.

Für Dôgen ist die Bedeutung der Buddha-Natur ganz offensichtlich und von transparenter Klarheit. Der Zustand, in dem sich der Körper manifestiert, lehrt die Buddha-Natur klar, eindeutig und vollkommen überzeugend. Die Physis der Buddhas zeigt sich als „geschicktes Mittel“, das im Lotos-Sûtra beschrieben wird.[i] Damit ist gemeint, dass diejenige Art und Weise zu lehren gewählt wird, die bei den jeweiligen Menschen am besten für dem Weg der Befreiung wirksam ist und überzeugt. Sie werden dort abgeholt, wo sie gerade jetzt sind. Sie werden so durch den Lehrer am besten motiviert, ihre Probleme zu überwinden und das Leiden zur Ruhe kommen zu lassen. Viele leiden nämlich, weil sie Leiden mit Nicht-Leiden verwechseln (MMK, Kapitel 23).

Es ist keine Frage, dass die Ausstrahlung und nonverbale Kommunikation eines wahren Lehrers eine große, direkte Kraft hat, die Menschen selbst zu stärken. Allerdings sollten diese dafür offen und aufnahmefähig sein und dürfen nicht nur an den Worten kleben. Und der Lehrer sollte aufgrund eigener Erfahrung Treffendes an die Teilnehmer übermitteln können. Einstudierte großartige Gesten und scheinbar charismatische Verhaltensweisen reichen nicht aus, um die Buddha-Natur physisch und direkt zu offenbaren.

Dann können sich große Augenblicke der Wechselwirkung und Ganzheit ereignen: "Nicht Zwei sondern Einer", wie ein großer Chan-Meister sagte.






[i] Kap. 17, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 125 ff.: „Die Dharma-Blume der Wahrheit dreht die Blume der Dharma-Welt (Hokke-ten-hokke)“

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