Sonntag, 17. Dezember 2017

Der Mönch Shikan erfährt den wahren Ton

Die Koan-Frage seiner Meisters lautete:

"Sag mir einen Satz über den Zustand, den du hattest, bevor deine Eltern geboren waren, ohne dass du aus irgendeinem Text oder Kommentar zitierst.“

Er strengte seinen Körper und Geist an, so sehr es ihm überhaupt möglich war, und er versuchte, sein umfangreiches Wissen aus den Schriften und buddhistischen Sûtras auszublenden, aber ohne jeden Erfolg.

Shikan verließ schließlich das Kloster und folgte den Spuren des großen Landesmeisters Daisho[1]. Er zog sich auf einen Berg zurück und lebte dort allein, im Einklang mit der Natur und der buddhistischen Wahrheit. An dem Ort, an dem auch der legendäre Meister gelebt hatte, baute sich Shikan eine einfache Hütte mit einem Strohdach. Er pflanzte Bambus und – wie Dôgen es ausdrückt – „machte ihn zu seinem Freund“.

Eines Tages geschah etwas für ihn völlig Unerwartetes: Als er seinen Weg vor der Hütte fegte, löste sich ein Kieselstein vom Boden, traf auf das Rohr des Bambus und erzeugte dabei einen Ton: „Bong“ !! Indem Shikan jäh und unmittelbar den Ton wirklich und ohne jeden intellektuellen und doktrinären Anspruch hörte, war er direkt in der Wirklichkeit angekommen. „Bong“ – das ist die Wahrheit zu hören, das ist die Natur: einfach, direkt und unkompliziert! Und die Wahrheit der Natur ist auch im Universum und in uns selbst. So einfach und wunderbar sind das Leben und das Universum.

Shikan nahm ein erfrischendes Bad, reinigte sich gründlich, entzündete ein Räucherstäbchen und machte in tiefer Dankbarkeit Niederwerfungen in die Richtung des Berges und Klosters seines Meisters Dai-i. Der Klang des Kieselsteins, der das Bambusrohr traf, vertrieb alle überkomplexen Theorien, Vorstellungen und angestrebten Ziele. Weil er wirklich hörte: Bong, klar, wunderbar, groß! Plötzlich waren die Wirklichkeit und Shikan selbst eine umfassende strahlende Ganzheit.

Gerade die enge Beziehung zur Natur und die Offenheit dafür sind eine große Chance, zur Wirklichkeit und Wahrheit zu finden. Dann wird die ich-zentrierte Selbstinszenierung[2] oder eigene narzisstische Überhöhung[3] völlig ausgeschaltet. Gerade intellektuell hochbegabte Menschen mit einem scharfen Verstand und einem hervorragenden Gedächtnis für die Lehren und Kommentare geraten besonders in Gefahr, einer Selbstüberschätzung zu erliegen.

Dadurch wird jedoch der direkte Zugang zum Sehen, Hören und zur Wirklichkeit versperrt, denn diese verwirklichen sich jenseits von analytisch geprägter Kompetenz und ausgefeilter Rhetorik und festgelegtem Reflexionsvermögen.

Dôgen zitiert dazu Shikan:
„Der große Meister Shikan verfasste schließlich die folgenden Verse:
‚Bei einem einzigen Aufprall (des Kiesels) verlor ich das (alte) Erinnern,
nicht länger muss ich (starre) Selbstdisziplin üben.
Es gibt keine Spuren irgendwo:
Das wahre Verhalten geht über Ton und Form hinaus.‘“






[1] Meister Daisho war Nachfolger des großen Meisters Daikan Enô, er starb 775.
[2] Mentzos, Stavros: Hysterie. Zur Psychodynamik unbewusster Inszenierungen
[3] Fromm, Erich; Suzuki, Daisetz Teitaro; Martino, Richard de: Zen-Buddhismus und Psychoanalyse

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